https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/germany-s-next-topmodel-mit-heidi-klum-tv-kritik-13427377.html

TV-Tagebuch : Jetzt stell dich nicht so an

  • -Aktualisiert am

Bild: $image.photoCredit

Sagte da jemand, die dümmsten Fernsehshows kämen aus Amerika? Heidi Klum unterbietet mit „Germany’s next Topmodel“ noch die niedrigsten Standards. Bei ihr lernen junge Frauen nur eins: Unterwerfung.

          2 Min.

          Man behauptet ja gern, die Amerikaner seien oberflächlich. Aber bei „Germany’s next Topmodel“ können sich die vermeintlich so seichten Amis noch eine Scheibe abschneiden. Bei dem Model-Wettbewerb, der jetzt in der zehnten Staffel bei Pro Sieben läuft, werden noch die flachsten Klischees unterboten.

          Selbstverständlich darf man von einer Show, die vorgibt, eine Handvoll blutjunger Frauen zu „Topmodels“ zu stilisieren, nicht viel feministisches Selbstbewusstsein erwarten. Aber der Ernst, mit dem Sechzehn-, Siebzehn- und Achtzehnjährige um die Gunst professioneller Kleiderständer konkurrieren, und die Unverfrorenheit, mit der sich die Show an den Unsicherheiten der jungen Frauen nährt, lassen einem doch die Haare zu Berge stehen.

          Ich kann ja nicht so gut laufen

          „Es ist halt so, dass ich nicht so gut laufen kann“, sagt da eine, die nicht etwa physisch beeinträchtigt ist, sondern den Standards des Laufsteg-Staksens nicht genügt. Heidi Klum, die das Format von Tyra Banks fürs deutsche Fernsehen adaptiert hat, sagt: „Die Mädchen sind halt nervös, weil sie nach meinem ersten Feedback um ihre Schwächen wissen.“

          „Mädchen“ rufen Heidi Klum und ihre Konsorten die jungen Frauen, als seien sie zwölfjährige Kinder, und als Schwäche gilt alles, was die gepflegte Banalität der Werbewelt stört. Schon beim „Umstyling“ ist klar: Hier zählt nur, was andere cool finden. Teils unter Tränen lässt man sich das Haar in „freche“ und „ausdrucksstarke“ Frisuren trimmen. Klum führt selbst mit grimmiger Lust die Schere an den Zopf. Sie scheint zu wissen, wie sich die Erniedrigung anfühlt. Wer aufmuckt, zieht sich den Zorn der Modelmama zu. „Man kann sich auch anstellen“, sagt Heidi Klum irritiert, als eine ihre neue Frisur partout nicht toll findet. „Da fragen wir uns dann schon: Will die das richtig doll?“

          Mumienhaftes Dauerlächeln

          Die Grenze zwischen Ambition und Selbsterniedrigung ist bei „Germany’s next Topmodel“ fließend, und es ist obszön, wie sich die Kamera an der Pein von Teenagerinnen weidet, die auf einem sechzig Meter hohen Catwalk von panischer Höhenangst übermannt werden, denen der Ekel vor einer Schlange, die ihnen um den Hals gelegt wird, Tränen ins Gesicht treibt, oder deren ungelenke erotische Posen im Bikini als „lasch“ kritisiert werden.

          Tränen ins Gesicht treibt einem auch die Entourage von Heidi Klum. Thomas Hayo, der „Creative Director“, kriegt keinen vollständigen deutschen Satz heraus. „Der zweite Walk, da war ein Stumbler, was war da los?“, fragt er. Gemeint ist ein Stolperer, der einer Kandidatin beim Gang über den Laufsteg unterlief. Warum kann er das nicht sagen? Weil man wohl angesagter klingt, wenn man Branchen-Kauderwelsch verbreitet – zumindest für identitätssuchende Teenagerinnen, die sich hier die Botschaft abholen können: Show ist alles. Und das, wo man doch in Deutschland so gern über die Amerikaner lästert: Alles nur Show! Zum Glück ist Wolfgang Joop dabei, der leider von einem operabel-mumienhaften Dauerlächeln gezeichnet ist. Er erklärt den „Stumbler“ fachmännisch: „Oft passiert das, wenn sich die Stoffe um die Füße wickeln. Ein Topmädchen schafft das souverän, ein unerfahrenes Mädchen wird davon verunsichert.“

          Ein Topmädchen zu sein, das ist nicht leicht. Es scheint sogar übermenschliche Kräfte zu erfordern: Man müsse sich schon gesund ernähren, sagt Heidi Klum kopfschüttelnd, als eine der spindeldürren Kandidatinnen bei etwas sportlicher Bewegung schwindlig wird. Seit wann formt gesunde Ernährung solche ausgezehrten Körper? „Du musst du selbst sein!“, verlangt Heidi Klum, nachdem sie die jungen Frauen zu Pin-ups der Werbefotografie stilisiert hat.

          Ach, liebe Topmädchen, wer will sich da eigentlich noch über amerikanische Cheerleaderinnen oder straff operierte Strandschönheiten von Los Angeles erhaben fühlen?

          Weitere Themen

          Er hatte keinen Ruf zu verlieren

          Wilhelm von Boddien : Er hatte keinen Ruf zu verlieren

          Und der Kampf ist noch nicht zu Ende: Wilhelm von Boddien erinnert sich an seinen über drei Jahrzehnte währenden Einsatz für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses.

          Topmeldungen

          Ein pensionierter Sportlehrer leitet den Kurs „Fit im Alter“ im Gesundheitskiosk Hamburg-Billstedt.

          Streit um Gesundheitksioske : Einmal gesund werden, bitte

          Karl Lauterbach will, dass bundesweit Hunderte Gesundheitskioske entstehen. Ihr Nutzen ist umstritten, viele Kassen wollen das Geld lieber anders ausgeben. Ein Modellprojekt bangt schon um seine Zukunft.
          Stahlproduktion in Duisburg

          Wirtschaftslage in Deutschland : Wie schlimm wird die Rezession?

          Die deutsche Wirtschaft kommt trotz Energiekrise ohne katastrophale Schäden durch die kommenden Monate, versprechen Forscher. Doch in den Unternehmen geht die Angst um.
          Verena Hubertz, 34, ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag.

          Verena Hubertz : Plötzlich mächtig

          Gerade hat Verena Hubertz ein Start-up gegründet. Nun ist sie die wichtigste Wirtschaftspolitikerin der Kanzlerpartei. Eine Karriere mit Giga-Geschwindigkeit.
          Pflicht erfüllt: Lionel Messi und Argentinien gewinnen gegen „El Tri“ aus Mexiko.

          2:0 gegen Mexiko : Argentinien wendet vorzeitiges Aus ab

          Superstar Lionel Messi führt Argentinien zum dringend benötigten Sieg über Mexiko. Der Superstar macht für die „Albiceleste“ den Unterschied. Weltklasse ist aber nur die Stimmung auf den Rängen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.