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TV-Tagebuch : Jetzt stell dich nicht so an

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Sagte da jemand, die dümmsten Fernsehshows kämen aus Amerika? Heidi Klum unterbietet mit „Germany’s next Topmodel“ noch die niedrigsten Standards. Bei ihr lernen junge Frauen nur eins: Unterwerfung.

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          Man behauptet ja gern, die Amerikaner seien oberflächlich. Aber bei „Germany’s next Topmodel“ können sich die vermeintlich so seichten Amis noch eine Scheibe abschneiden. Bei dem Model-Wettbewerb, der jetzt in der zehnten Staffel bei Pro Sieben läuft, werden noch die flachsten Klischees unterboten.

          Selbstverständlich darf man von einer Show, die vorgibt, eine Handvoll blutjunger Frauen zu „Topmodels“ zu stilisieren, nicht viel feministisches Selbstbewusstsein erwarten. Aber der Ernst, mit dem Sechzehn-, Siebzehn- und Achtzehnjährige um die Gunst professioneller Kleiderständer konkurrieren, und die Unverfrorenheit, mit der sich die Show an den Unsicherheiten der jungen Frauen nährt, lassen einem doch die Haare zu Berge stehen.

          Ich kann ja nicht so gut laufen

          „Es ist halt so, dass ich nicht so gut laufen kann“, sagt da eine, die nicht etwa physisch beeinträchtigt ist, sondern den Standards des Laufsteg-Staksens nicht genügt. Heidi Klum, die das Format von Tyra Banks fürs deutsche Fernsehen adaptiert hat, sagt: „Die Mädchen sind halt nervös, weil sie nach meinem ersten Feedback um ihre Schwächen wissen.“

          „Mädchen“ rufen Heidi Klum und ihre Konsorten die jungen Frauen, als seien sie zwölfjährige Kinder, und als Schwäche gilt alles, was die gepflegte Banalität der Werbewelt stört. Schon beim „Umstyling“ ist klar: Hier zählt nur, was andere cool finden. Teils unter Tränen lässt man sich das Haar in „freche“ und „ausdrucksstarke“ Frisuren trimmen. Klum führt selbst mit grimmiger Lust die Schere an den Zopf. Sie scheint zu wissen, wie sich die Erniedrigung anfühlt. Wer aufmuckt, zieht sich den Zorn der Modelmama zu. „Man kann sich auch anstellen“, sagt Heidi Klum irritiert, als eine ihre neue Frisur partout nicht toll findet. „Da fragen wir uns dann schon: Will die das richtig doll?“

          Mumienhaftes Dauerlächeln

          Die Grenze zwischen Ambition und Selbsterniedrigung ist bei „Germany’s next Topmodel“ fließend, und es ist obszön, wie sich die Kamera an der Pein von Teenagerinnen weidet, die auf einem sechzig Meter hohen Catwalk von panischer Höhenangst übermannt werden, denen der Ekel vor einer Schlange, die ihnen um den Hals gelegt wird, Tränen ins Gesicht treibt, oder deren ungelenke erotische Posen im Bikini als „lasch“ kritisiert werden.

          Tränen ins Gesicht treibt einem auch die Entourage von Heidi Klum. Thomas Hayo, der „Creative Director“, kriegt keinen vollständigen deutschen Satz heraus. „Der zweite Walk, da war ein Stumbler, was war da los?“, fragt er. Gemeint ist ein Stolperer, der einer Kandidatin beim Gang über den Laufsteg unterlief. Warum kann er das nicht sagen? Weil man wohl angesagter klingt, wenn man Branchen-Kauderwelsch verbreitet – zumindest für identitätssuchende Teenagerinnen, die sich hier die Botschaft abholen können: Show ist alles. Und das, wo man doch in Deutschland so gern über die Amerikaner lästert: Alles nur Show! Zum Glück ist Wolfgang Joop dabei, der leider von einem operabel-mumienhaften Dauerlächeln gezeichnet ist. Er erklärt den „Stumbler“ fachmännisch: „Oft passiert das, wenn sich die Stoffe um die Füße wickeln. Ein Topmädchen schafft das souverän, ein unerfahrenes Mädchen wird davon verunsichert.“

          Ein Topmädchen zu sein, das ist nicht leicht. Es scheint sogar übermenschliche Kräfte zu erfordern: Man müsse sich schon gesund ernähren, sagt Heidi Klum kopfschüttelnd, als eine der spindeldürren Kandidatinnen bei etwas sportlicher Bewegung schwindlig wird. Seit wann formt gesunde Ernährung solche ausgezehrten Körper? „Du musst du selbst sein!“, verlangt Heidi Klum, nachdem sie die jungen Frauen zu Pin-ups der Werbefotografie stilisiert hat.

          Ach, liebe Topmädchen, wer will sich da eigentlich noch über amerikanische Cheerleaderinnen oder straff operierte Strandschönheiten von Los Angeles erhaben fühlen?

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