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Germany’s Next Topmodel : Die fetten Zeiten sind vorbei, auch für Heidi Klum

Ihre Namen sind schnell vergessen: Katharina, Anuthida, Vanessa und Ajsa. Bild: obs

Seit zehn Jahren staksen in „Germany’s next Topmodel“ dünne, junge Frauen über Laufstege. Das soll angeblich ihr Weg zu einer großen Karriere sein. Doch vielleicht macht es viele auch einfach nur krank.

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          Über die Show „Germany’s Next Topmodel“ ist schon vieles gesagt worden. Doch so deutlich wie der Psychiater Manfred Lütz dürfte es noch kaum jemand formuliert haben: „,Germany’s Next Top Model‘ nimmt eiskalt den Tod junger Mädchen in Kauf“, sagte er in der „Bild“-Zeitung. Geht es nach dem Willen des Senders Pro Sieben Sat.1, muss Lütz diese und eine weitere Aussage unterlassen, weil sie nicht der Realität entsprächen und kreditschädigend beziehungsweise herabwürdigend seien. Unterschrieben hat Lütz die Unterlassungsaufforderung nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auf die Palme gebracht hatte den Mediziner, der das Alexianer-Krankenhaus für psychisch Kranke in Köln leitet, die Reaktion von Pro Sieben Sat.1 auf die Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), das dem Bayerischen Rundfunk zugeordnet ist. Das Institut hatte 241 Patienten mit Essstörungen gefragt, welchen Einfluss das Fernsehen und welchen Einfluss insbesondere die Sendung von Heidi Klum auf ihre Krankheit habe. 85 Prozent der Befragten gaben ihre Überzeugung zu Protokoll, dass die Model-Show Essstörungen verstärken könne. Die Sendung folge einer „krankmachenden Logik“, befanden die Autoren der Studie. Der Pro-Sieben-Sprecher Christoph Koerfer wies die Kritik mit dem Hinweis zurück, dass „gesunde und nachhaltige Ernährung ein wichtiges Thema“ der Show sei. „Das Schönheitsideal Size Zero spielt in der Sendung keine Rolle.“ Magersucht sei für die Betroffenen und deren Familien „ein großes und schlimmes persönliches Thema“, doch sei, gesellschaftlich betrachtet, Übergewicht ein viel größeres Problem.

          Die Sendung nimmt eiskalt den Tod junger Mädchen in Kauf

          Deshalb, könnte man an dieser Stelle mit etwas Zynismus anfügen, hat der Schwestersender Sat.1 ja auch eine Show wie „The Biggest Loser“ im Programm, bei der man sehr, sehr übergewichtigen Kandidaten dabei zusehen kann, wie sie sich Woche um Woche quälen, um ein paar Pfunde loszuwerden.

          Für Pointen scheint das Thema indes ungeeignet. Und dem Psychotherapeuten Lütz war denn auch nicht nach Scherzen zumute. „Wenn der Sender sich nicht für seine unsägliche Stellungnahme entschuldigt und keine Konsequenzen zieht, dann müsste man über eine Sendung, die eiskalt den Tod junger Mädchen in Kauf nimmt, um Kohle zu machen, sagen: ,Das ist eine mörderische Show!‘“ Das ist die zweite, mit einem eingeschobenen Konjunktiv versehene Aussage, die sich Pro Sieben Sat.1 nicht bieten lassen will.

          Der Kritiker Lütz wiederum fand es ausgesprochen seltsam, dass zunächst der Vater von Heidi Klum bei ihm angerufen habe, um die siebzehn und achtzehn Jahre alten Töchter des Psychiaters in die Show einzuladen. Klum senior solle doch lieber an Magersucht leidende junge Frauen zu einer Diskussion mit seiner Tochter und der Redaktion ihrer Sendung bitten, meinte Lütz. Dann kam die Post vom Anwalt mit der Aufforderung zur Unterlassungserklärung.

          Eine erscheint als Lichtgestalt, die andere als Zicke

          Der Studie, die sich mit „Germany’s Next Topmodel“ beschäftigt, wird Pro Sieben Sat.1 mit juristischen Mittel nicht beikommen, denn diese beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Basis mit dem Befund, der einem als Zuschauer auch so ins Auge springt. „Das Schönheitsideal“, das „Germany’s Next Topmodel“ setze, werde „für die Mädchen zum Maßstab, den sie anzustreben versuchen, aber nie erreichen werden“, sagte die Leiterin des IZI, Maya Götz, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Kandidatinnen seien „absolute Ausnahmeerscheinungen in Bezug auf Körper und Gesichtsform“. Bei „Germany’s Next Topmodel“ erschienen sie aber als „Normalfall“ und das „mit einem Mindestmaß von 1,72 Metern und maximal Kleidergröße 36“. Dies könne bei jüngeren Zuschauerinnen, auf welche die Show abzielt, zu „einem Aufbau von Druck“ führen, der wiederum „in eine Krankheit“ münden könne. Es sei löblich, dass „Germany’s Next Topmodel“ gerade in der aktuellen Staffel das Thema gesunde Ernährung beachte und Magersucht ablehne, das ändere aber wenig „am Grundproblem“.

          Das „Grundproblem“ ist in der Tat offensichtlich. Heidi Klum kann noch so oft Hamburger oder Döner vor der Kamera mampfen und über gesundes Essen reden, für die „Mädchen“ in der Show, die sie mit ihrer Piepsstimme zu absurden Übungen in Selbstverleugnung anhält, kommt es darauf an, im Hindernisparcours gut auszusehen. Gut aussehen heißt: kein Gramm Fett am Körper, hochfahrende Miene und alles mit sich machen lassen, was bei den „Shootings“ gefordert wird.

          Dabei werden die Kandidatinnen allerdings nicht nur in allerhand Klamotten gesteckt und mit mal mehr, mal weniger Textil bedeckt abgelichtet, sie werden in bewährter Realityshow-Manier im Zusammenschnitt der Szenen auch noch in je eigene Rollen gepresst – die eine erscheint als resolut, die andere als scheu, die eine als Lichtgestalt, die andere als Zicke. Die vermeintlichen Charakterstudien passen dann selbstverständlich wunderbar zur Einordnung der Juroren. Wer sich danebenbenimmt und die Erwartungen nicht erfüllt, fliegt raus. Allerdings nicht ohne Standpauke. Wer mit eigenen Vorstellungen in dieses Rennen geht, hat von vornherein schlechte Karten beziehungsweise gute Aussichten, mit einem Negativ-Etikett versehen zu werden. Das Vorgehen ist seit Urzeiten bekannt – als „schwarze Pädagogik“.

          Die Sendung nutzt nur Heidi Klum selbst

          Auch wenn am Ende eine der Kandidatinnen gewinnt – am Donnerstag beim nächsten Finale von „Germany’s Next Topmodel“ – und auf einem Zeitschriftencover landet, so ist doch unverkennbar, welchem Sinn und Zweck die Übung folgt: Promotion für Heidi Klum, um die herum die gesamte Show inszeniert ist; Nachschub für die von Klums Vater Günther geführte Modelagentur „Oneeins“, ein Tochterunternehmen der Heidi Klum GmbH, über deren Verträge sich schon etliche Kandidatinnen beschwert haben. Die Namen der „Mädchen“ sind am Tag nach der Show meist schon vergessen. Den Weg zum Ruhm ebnet „Germany’s Next Topmodel“ nicht, die Sendung ist vielmehr der Laufsteg-Ersatz der vermeintlichen „Model-Mama“, die in dieser Rolle ihre Karriere verlängert.

          Die Art und Weise, in der sie dies unternimmt, beschreibt der Psychiater Lütz denkbar drastisch. Seinem Vorschlag, Einspieler in die Sendung aufzunehmen, die vor Magersucht warnen – wie die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen –, wird Pro Sieben kaum folgen. Aber vielleicht wird nach der jüngsten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ja die Idealvorstellung des Psychiaters wahr, und die Show wird eingestellt. Das Halbfinale fand am Sonntag vor gerade einmal zwei Millionen Zuschauern statt. Vielleicht sollte man sich bei Pro Sieben, auch angesichts der Kritik, noch einmal fragen, welchen Nutzen der Sender eigentlich von den seit 2006 alljährlich stattfindenden Heidi-Klum-Festspielen hat.

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