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Germany’s Next Topmodel : Die fetten Zeiten sind vorbei, auch für Heidi Klum

Eine erscheint als Lichtgestalt, die andere als Zicke

Der Studie, die sich mit „Germany’s Next Topmodel“ beschäftigt, wird Pro Sieben Sat.1 mit juristischen Mittel nicht beikommen, denn diese beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Basis mit dem Befund, der einem als Zuschauer auch so ins Auge springt. „Das Schönheitsideal“, das „Germany’s Next Topmodel“ setze, werde „für die Mädchen zum Maßstab, den sie anzustreben versuchen, aber nie erreichen werden“, sagte die Leiterin des IZI, Maya Götz, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Kandidatinnen seien „absolute Ausnahmeerscheinungen in Bezug auf Körper und Gesichtsform“. Bei „Germany’s Next Topmodel“ erschienen sie aber als „Normalfall“ und das „mit einem Mindestmaß von 1,72 Metern und maximal Kleidergröße 36“. Dies könne bei jüngeren Zuschauerinnen, auf welche die Show abzielt, zu „einem Aufbau von Druck“ führen, der wiederum „in eine Krankheit“ münden könne. Es sei löblich, dass „Germany’s Next Topmodel“ gerade in der aktuellen Staffel das Thema gesunde Ernährung beachte und Magersucht ablehne, das ändere aber wenig „am Grundproblem“.

Das „Grundproblem“ ist in der Tat offensichtlich. Heidi Klum kann noch so oft Hamburger oder Döner vor der Kamera mampfen und über gesundes Essen reden, für die „Mädchen“ in der Show, die sie mit ihrer Piepsstimme zu absurden Übungen in Selbstverleugnung anhält, kommt es darauf an, im Hindernisparcours gut auszusehen. Gut aussehen heißt: kein Gramm Fett am Körper, hochfahrende Miene und alles mit sich machen lassen, was bei den „Shootings“ gefordert wird.

Dabei werden die Kandidatinnen allerdings nicht nur in allerhand Klamotten gesteckt und mit mal mehr, mal weniger Textil bedeckt abgelichtet, sie werden in bewährter Realityshow-Manier im Zusammenschnitt der Szenen auch noch in je eigene Rollen gepresst – die eine erscheint als resolut, die andere als scheu, die eine als Lichtgestalt, die andere als Zicke. Die vermeintlichen Charakterstudien passen dann selbstverständlich wunderbar zur Einordnung der Juroren. Wer sich danebenbenimmt und die Erwartungen nicht erfüllt, fliegt raus. Allerdings nicht ohne Standpauke. Wer mit eigenen Vorstellungen in dieses Rennen geht, hat von vornherein schlechte Karten beziehungsweise gute Aussichten, mit einem Negativ-Etikett versehen zu werden. Das Vorgehen ist seit Urzeiten bekannt – als „schwarze Pädagogik“.

Die Sendung nutzt nur Heidi Klum selbst

Auch wenn am Ende eine der Kandidatinnen gewinnt – am Donnerstag beim nächsten Finale von „Germany’s Next Topmodel“ – und auf einem Zeitschriftencover landet, so ist doch unverkennbar, welchem Sinn und Zweck die Übung folgt: Promotion für Heidi Klum, um die herum die gesamte Show inszeniert ist; Nachschub für die von Klums Vater Günther geführte Modelagentur „Oneeins“, ein Tochterunternehmen der Heidi Klum GmbH, über deren Verträge sich schon etliche Kandidatinnen beschwert haben. Die Namen der „Mädchen“ sind am Tag nach der Show meist schon vergessen. Den Weg zum Ruhm ebnet „Germany’s Next Topmodel“ nicht, die Sendung ist vielmehr der Laufsteg-Ersatz der vermeintlichen „Model-Mama“, die in dieser Rolle ihre Karriere verlängert.

Die Art und Weise, in der sie dies unternimmt, beschreibt der Psychiater Lütz denkbar drastisch. Seinem Vorschlag, Einspieler in die Sendung aufzunehmen, die vor Magersucht warnen – wie die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen –, wird Pro Sieben kaum folgen. Aber vielleicht wird nach der jüngsten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ja die Idealvorstellung des Psychiaters wahr, und die Show wird eingestellt. Das Halbfinale fand am Sonntag vor gerade einmal zwei Millionen Zuschauern statt. Vielleicht sollte man sich bei Pro Sieben, auch angesichts der Kritik, noch einmal fragen, welchen Nutzen der Sender eigentlich von den seit 2006 alljährlich stattfindenden Heidi-Klum-Festspielen hat.

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