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Nach dem Germanwings-Absturz : Jeder ist ein Medienkritiker

  • -Aktualisiert am

Es lohnt die Mühe, sich diese Fragen tatsächlich zu stellen und zu versuchen, sie zu beantworten, anstatt sich nur routiniert oder intuitiv (wenn überhaupt) auf journalistische Traditionen oder abstrakt-formale Konstruktionen wie die von der „Person der Zeitgeschichte“ zu berufen.

Und es muss auch möglich sein, scheinbar naive und weltfremde Anmerkungen zu machen, wie der Internetradiosender detector.fm, der feststellte, dass Antworten auf die Frage, was da eigentlich passiert sei, „keine Minute schneller kommen, wenn wir darüber spekulieren“.

Angebot individueller Trauerarbeit

Christoph Herwartz, Politik-Redakteur beim Online-Ableger von n-tv, hat am vergangenen Donnerstag eine bemerkenswerte Antwort auf die Kritik an der atemlosen Live-Berichterstattung gefunden. „Wenn Zehntausende jede noch so kleine Meldung zu diesem Thema lesen, warum sollte man diesen Menschen Informationen vorenthalten“, schrieb er. „Wir werden oft dafür gescholten, aber im Prinzip ist doch nichts falsch daran, den Lesern die Texte zu bieten, die sie interessieren.“

Ganz am Ende stellte sich heraus, dass seine finale Antwort auf die Frage nach dem Warum gar nichts mit der Aufgabe des Journalismus zu tun hat, die Menschen mit relevanten, verlässlichen Informationen zu versorgen. Jeder sei frei, wenn er innehalten wolle, den Fernseher auszumachen oder sich von Newsseiten fernzuhalten. „Wir machen so lange weiter und liefern denen, die zum Trauern Nachrichten brauchen, diese Nachrichten.“

Nachrichten für Leute, die zum Trauern Nachrichten brauchen. Wenn man Nachrichten von der Idee löst, die Menschen über Neuigkeiten zu benachrichtigen, und sie zu einem Angebot individueller und kollektiver Trauerarbeit macht, ändern sich natürlich auch die Ansprüche an sie. Natürlich erfüllen sie auch diese Funktion. Natürlich mag es helfen, die schrecklichen Informationen zu verarbeiten, wenn man in einen Strom eintauchen kann, in dem ununterbrochen darüber geplappert wird. Womöglich hilft es in diesem Sinne sogar, zur Besinnung zu kommen, wenn man sich der Besinnungslosigkeit der Live-Berichterstattung eines Programmes wie n-tv oder N24 aussetzt.

Psychologen statt Medienkritiker

Aber der Preis dafür ist hoch, wie man auch in den „ARD-Brennpunkt“- und „ZDF-Spezial“-Sendungen der vergangenen Woche sehen konnte, deren Länge offenkundig nicht durch die vorhandene Menge an nachrichtlichem Material und gesicherten Informationen bestimmt war, sondern von der Bedeutung des Ereignisses – und damit womöglich dem Bedarf an Stoff für Zuschauer, die solche Sendungen „zum Trauern brauchen“.

Man brauchte dann vordringlich keine Medienkritiker zur Beurteilung dieser Sendungen, sondern vielleicht Psychologen, jedenfalls würde man sie nicht danach beurteilen, ob sie die Menschen klüger machen, sondern ob sie sich danach besser fühlen. Und natürlich würde man dann nicht berichten, wenn man etwas gesichert weiß, sondern dann, wenn es im Publikum einen Bedarf nach Berichterstattung gibt.

Es wäre vermutlich das Ende der Medienkritik, aber auch deren neue Formen stehen ohnehin längst unter dem Verdacht, ebenso Teil der Trauerarbeit zu sein. „Ich glaube ja, dass die Echtzeit-Medienkritik auf Twitter auch ein Trauer-Surrogat ist“, formulierte Imre Grimm, Medien-Redakteur der Madsack-Medien, gestern – auf Twitter. Und die „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn fragte ebendort: „Ist das Schockverarbeitung, auf die Medien einzudreschen???“

Die Frage ist berechtigt. Sie verhindert aber praktischerweise auch die Auseinandersetzung mit der Kritik.

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