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Nach dem Germanwings-Absturz : Jeder ist ein Medienkritiker

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„Aufklärung setzt sich immer durch – aber leider nur in der Tendenz“, sagt ein Freund, was ein tröstender Gedanke gegen das Gefühl der völligen Sinn- und Folgenlosigkeit des eigenen Tuns ist, an den man sich im Angesicht weiter Teile der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz aber auch mit größtem Optimismus klammern muss. Hinzu kommt noch der Eindruck, selbst Teil eines Rituals zu sein: So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die „Bild“-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich.

„Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung“, schreibt der Münchner Medienethik-Professor Alexander Filipović auf den Seiten des Netzwerkes Medienethik: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“

Eine schwer zu ignorierende Wucht

Die andere Erfahrung ist die, dass da etwas Neues passiert. „Ich kann mich nicht an eine Tat vergleichbarer Dimension erinnern, bei der eine so merkwürdige Diskussion geführt wurde“, schreibt Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chef dieser Zeitung, zur Debatte darüber, ob es richtig sei, den Kopiloten zu zeigen. Das kann mit den konkreten Umständen des Falls zusammenhängen, mit einer Skepsis in Teilen des Publikums, ob wir wirklich schon genug wissen, um diesen Mann öffentlich als skrupellosen Massenmörder zu brandmarken, als jemanden, der „den schlimmsten deutschen Massenmord nach 1945“ zu verantworten hat, wie es der Chef-Korrespondent des „Kölner Stadt-Anzeigers“, Joachim Frank, formulierte (bevor er die Formulierung revidierte), als „Amokläufer“, wie die beiden „Bild“-Chefs es tun, die sicher zu wissen glauben, dass man die Tat als „grausam, als Folter, als Ritualmord“ bezeichnen kann.

Es hat aber sicher auch damit zu tun, dass es die erste „Tat“ dieser Dimension ist, die im Zeitalter der Allgegenwart sozialer Medien geschieht. Jeder ist plötzlich ein Medienkritiker, kann auf Facebook und Twitter oder in den Kommentarspalten der Medien seinen Widerspruch formulieren, seinen Dissens sichtbar machen, seiner Empörung ungehemmt Ausdruck verleihen. Diese kritischen Äußerungen mögen für viele Medien im Zweifel weniger entscheidend und überzeugend sein, als es die klare Sprache von Einschaltquoten, Klickzahlen und Auflagenmeldungen ist. Aber sie entwickeln eine Wucht, die sich schwer ignorieren lässt. Und die sich nicht mit Appellen, doch bitte den Ball flach zu halten, wie sie in der Kritik der Medienkritik formuliert werden, bremsen lassen werden.

Teilweise ist eine erstaunliche Rollenumkehr zu beobachten: Früher, zum Beispiel nach dem Amoklauf von Winnenden 2009, galt das Internet in der Berichterstattung noch als der gefährliche Ort, an dem irgendwelche Leute einfach – unsortiert und ungeprüft – Gerüchte verbreiteten, Fotos oder den vollen Namen des Täters. Jetzt verteidigen professionelle Medien das Recht, Fotos und den vollen Namen des Kopiloten zu veröffentlichen, gegen viele kritische Stimmen im Netz. (Auch wenn das, auf der anderen Seite, natürlich nach wie vor der Ort ist, an dem die abwegigsten Spekulationen und die übelste Hetze zu finden sind.)

Was gewinnen wir?

Dass sich plötzlich größere Gruppen von Lesern und Zuschauern öffentlich sichtbar artikulieren, die rufen: „Halt, hört auf, macht langsam, lasst das weg!“, ist in dieser Form neu.

Die Frage nach dem Warum, die sie – unterschiedlich schrill – an die Medien richten, ist dabei teilweise erstaunlich schwer zu beantworten. Warum müssen wir in das Gesicht des Kopiloten sehen, warum seinen Namen wissen? Was würden wir verlieren, was gewinnen, wenn wir darauf verzichten?

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