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Gerd Heidemann : Ein Leben im Keller

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„Ich war das Bauernopfer“, sagt Gerd Heidemann. Die Pleite mit den Hitler-Tagebüchern blieb an ihm hängen, er musste ins Gefängnis Bild: Lisa Schnell

Gerd Heidemann wurde als „Stern“-Reporter gefeiert. Bis er die gefälschten Hitler-Tagebücher auftat. Sie kosteten ihn vor dreißig Jahren den Job. Heute lebt er vom Sozialamt. Sein Archiv führt ihn jeden Tag in die Vergangenheit.

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          Das Erste, was Gerd Heidemann jeden Tag macht, ist: Akten kopieren für sein Archiv. Dafür zieht der Einundachtzigjährige sich Hemd und Krawatte an und macht sich auf in einen Hamburger Keller. Früher wurde er als Recherchespezialist des „Stern“ gefeiert. Jetzt zieht er ein blaues Plastikwägelchen mit weißen Punkten hinter sich her, wie es alte Leute zum Einkaufen benutzen. Heidemann hat darin geheime Nazi-Akten. Er wackelt mit ihnen über einen Hinterhof, ein paar Stufen hinunter in einen dunklen Heizungskeller. Putz liegt auf dem Boden, eine Baustellenlampe funzelt. Auf einer grauen Metalltür steht: Keller Nr. 1. Der Eingang zu seinem Lebenswerk: dem Heidemann-Archiv.

          „Es ist die Weltgeschichte“, sagt er. In mehr als achttausend schwarzen Ringordnern hat er 100.000 Dokumente und Fotos sortiert. Sein Archiv beginnt mit dem Urknall. Die Ringordner ziehen sich auf 68 Quadratmetern fünf Gänge entlang durch die Geschichte: Mittelalter, Kaiserzeit, Revolution. Heidemann war nie als Erstes Journalist, er war Archivar. Seit mehr als vierzig Jahren sammelt er alle Dokumente, die er kriegen kann: seine Hotelrechnungen, aber auch Nazi-Akten, auf denen in Rot „Geheim“ gestempelt ist. Doch eigentlich geht es nur um 150 Aktenordner, auf denen steht: „Hitler-Tagebücher“. Hier endet sein Archiv.

          Kladden vom Flohmarkt

          Der 28. April 1983 war für Heidemann der letzte Tag der Weltgeschichte. Sein Leben als Reporter endet mit diesem Datum, an dem der „Stern“ die Story über die angeblichen Hitler-Tagebücher veröffentlichte. Danach sammelte Heidemann kaum noch für sein Archiv. Er beginnt sofort zu erzählen. Ungefragt. Noch bevor die erste Frage gestellt ist, befindet er sich mitten in der einen Geschichte seines Lebens. Drei Stunden lang wird er über diese Zeit sprechen, über die folgenden Jahre aber kein Wort verlieren.

          Heidemann hat die angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers aufgespürt. Sie sollten die Geschichte der NS-Zeit umschreiben und wurden zum größten Presseskandal der Bundesrepublik. Anstatt auf ein Gutachten vom Bundeskriminalamt zu warten, verließ sich der „Stern“ auf zwei Experten, die aussagten, so habe Hitler geschrieben. Doch der Fälscher Konrad Kujau hatte jahrelang geübt, bis er gar nicht mehr anders konnte, als mit Hitlers Handschrift zu schreiben. Acht Tage nach der ersten Veröffentlichung meldete das BKA, dass die Tagebücher eine Fälschung seien. Das Papier enthielt Nylonfäden und war damit definitiv aus der Nachkriegszeit. Heidemann wurde zu über vier Jahren Haft verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, einen Teil des Geldes, das der „Stern“ für die Tagebücher bezahlt hatte, in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Insgesamt hatte der Verlag 9,3 Millionen Mark für ein paar schwarze Kladden vom Flohmarkt bezahlt, gefüllt mit DDR-Papier. Kujau hatte es in Tee getaucht, damit es vergilbt aussah.

          Ein Bauernopfer

          Über Nacht wurde Heidemann vom Starreporter zur Witzfigur. Dreißig Jahre später lehnt er an einem Metallregal seines Archivs. Langes Stehen strengt ihn an. Doch immer, wenn seine Schultern zusammenzusacken drohen, drückt er seinen Rücken durch und nimmt Haltung an. Die Geschichte, die sein Leben veränderte, erzählt er in Anekdoten. Er freut sich, wenn er seine Zuhörer unterhalten kann. Etwa, wenn er Kujau nachmacht, wie der ihn bei der Übergabe der Tagebücher immer aufforderte: „Lies doch mal vor. Ich kann die Schrift nicht entziffern.“ Und Heidemann dem Fälscher dessen eigene Texte vorlas.

          Heidemann präsentiert am 25. April 1983 ein Exemplar der vermeintlichen Hitler-Tagebücher.

          Es gibt zwei Themen, bei denen Heidemann kurz die Kontrolle verliert. Wenn er vom „Stern“ spricht, schlägt er mit der Faust gegen die Rücken seiner Ordner: „Ich war das Bauernopfer.“ Die Chefredaktion, der Verlag, alle seien in die Recherche eingeweiht gewesen. Und wenn es um seine Ehre als Archivar geht. Er drückt sich vom Regal weg, läuft zielsicher den Gang entlang, als würden die Dokumente, die seine Unschuld beweisen sollen, ihn magisch anziehen. „Ich hab’ alles da“, murmelt er in einen aufgeschlagenen Ringordner und blättert Klarsichthüllen mit vergilbten Seiten um. Geht es um die Tagebücher, kennt Heidemann jedes Detail. Über dreißig Jahre später weiß er immer noch, welcher angebliche Satz Hitlers sich ihm sofort einbrannte: „Meine Magenverstimmung hat sich behoben, ich kann wieder feste Nahrung zu mir nehmen.“

          „Mal im Luxus, mal in der Scheiße“

          Immer wieder schweift er ab, würzt die Tagebuch-Geschichte mit seinen Reporterabenteuern. Als Kriegsberichterstatter in Afrika hatte er sich einen so guten Ruf erschrieben, dass er sich beim „Stern“ die Geschichten aussuchen konnte: das Papst-Attentat oder doch lieber diese „Scheiß-Hitlertagebücher“? Er soff mit Stasileuten und machte Verträge mit der DDR-Regierung. Wenn sich der Chef des Verfassungsschutzes mit ihm treffen wollte, dann bestellte Heidemann ihn zu sich, nicht andersherum. Damals bekam er mehr als 10.000 Mark im Monat.

          Jetzt lebt er von Grundsicherung. Nur mit seinen Fotos aus dem Archiv verdient er sich etwas dazu. Fragt man ihn nach einem seiner Bilder, heißt es: „Nur wenn Sie zahlen.“ Einer Zeitung schrieb er ein halbes Jahr Briefe hinterher, damit sie ihm das Geld für eine Druckerpatrone erstattete, fünfzig Euro. „Mal bist du im Luxus, mal in der Scheiße.“ Das ist sein Lebensmotto. Die Armut, das Gefängnis - sie prallen an seinem Fatalismus ab. Den legte er sich in Afrika zu, von wo er über dreizehn Kriege berichtete. Er schlief auf dem Urwaldboden, Ameisen krabbelten über sein Gesicht, Kugeln pfiffen um seinen Kopf. Einmal grub er die Leichen von zwei Kollegen aus. Dagegen waren die vier Jahre Gefängnis ein Erholungsheim.

          Über ihm baumelt die Attrappe eines Militärflugzeugs. In seinem Archiv sind Fotos von ihm mit alten SS-Veteranen. Sie trafen sich auf Heidemanns Yacht, die früher Göring gehörte. „Alles nur aus dokumentarischen Zwecken“, sagt Heidemann. Auf einem Regal stehen fünf kleine Panzer aus Plastik. Die dürfen nicht fotografiert werden. „Sonst heißt es gleich wieder, der Heidemann ist ein Nazi.“

          Der Rundgang durch sein Archiv endet bei den Ordnern über die Hitler-Tagebücher. „Schreiben Sie doch endlich mal die Wahrheit über mich und die Tagebücher.“ Heidemann hat Hoffnung. Gerade besuchen ihn wieder mehr Journalisten, weil sich in diesem Jahr der Tagebuch-Skandal zum dreißigsten Mal jährt. Er wird ihre Artikel ausschneiden, in eine Klarsichthülle schieben und in einen schwarzen Ringordner einheften. Ein bisschen Platz ist noch frei auf dem letzten Regal in seinem Archiv.

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