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Gerd Heidemann : Ein Leben im Keller

  • -Aktualisiert am
Heidemann präsentiert am 25. April 1983 ein Exemplar der vermeintlichen Hitler-Tagebücher.

Es gibt zwei Themen, bei denen Heidemann kurz die Kontrolle verliert. Wenn er vom „Stern“ spricht, schlägt er mit der Faust gegen die Rücken seiner Ordner: „Ich war das Bauernopfer.“ Die Chefredaktion, der Verlag, alle seien in die Recherche eingeweiht gewesen. Und wenn es um seine Ehre als Archivar geht. Er drückt sich vom Regal weg, läuft zielsicher den Gang entlang, als würden die Dokumente, die seine Unschuld beweisen sollen, ihn magisch anziehen. „Ich hab’ alles da“, murmelt er in einen aufgeschlagenen Ringordner und blättert Klarsichthüllen mit vergilbten Seiten um. Geht es um die Tagebücher, kennt Heidemann jedes Detail. Über dreißig Jahre später weiß er immer noch, welcher angebliche Satz Hitlers sich ihm sofort einbrannte: „Meine Magenverstimmung hat sich behoben, ich kann wieder feste Nahrung zu mir nehmen.“

„Mal im Luxus, mal in der Scheiße“

Immer wieder schweift er ab, würzt die Tagebuch-Geschichte mit seinen Reporterabenteuern. Als Kriegsberichterstatter in Afrika hatte er sich einen so guten Ruf erschrieben, dass er sich beim „Stern“ die Geschichten aussuchen konnte: das Papst-Attentat oder doch lieber diese „Scheiß-Hitlertagebücher“? Er soff mit Stasileuten und machte Verträge mit der DDR-Regierung. Wenn sich der Chef des Verfassungsschutzes mit ihm treffen wollte, dann bestellte Heidemann ihn zu sich, nicht andersherum. Damals bekam er mehr als 10.000 Mark im Monat.

Jetzt lebt er von Grundsicherung. Nur mit seinen Fotos aus dem Archiv verdient er sich etwas dazu. Fragt man ihn nach einem seiner Bilder, heißt es: „Nur wenn Sie zahlen.“ Einer Zeitung schrieb er ein halbes Jahr Briefe hinterher, damit sie ihm das Geld für eine Druckerpatrone erstattete, fünfzig Euro. „Mal bist du im Luxus, mal in der Scheiße.“ Das ist sein Lebensmotto. Die Armut, das Gefängnis - sie prallen an seinem Fatalismus ab. Den legte er sich in Afrika zu, von wo er über dreizehn Kriege berichtete. Er schlief auf dem Urwaldboden, Ameisen krabbelten über sein Gesicht, Kugeln pfiffen um seinen Kopf. Einmal grub er die Leichen von zwei Kollegen aus. Dagegen waren die vier Jahre Gefängnis ein Erholungsheim.

Über ihm baumelt die Attrappe eines Militärflugzeugs. In seinem Archiv sind Fotos von ihm mit alten SS-Veteranen. Sie trafen sich auf Heidemanns Yacht, die früher Göring gehörte. „Alles nur aus dokumentarischen Zwecken“, sagt Heidemann. Auf einem Regal stehen fünf kleine Panzer aus Plastik. Die dürfen nicht fotografiert werden. „Sonst heißt es gleich wieder, der Heidemann ist ein Nazi.“

Der Rundgang durch sein Archiv endet bei den Ordnern über die Hitler-Tagebücher. „Schreiben Sie doch endlich mal die Wahrheit über mich und die Tagebücher.“ Heidemann hat Hoffnung. Gerade besuchen ihn wieder mehr Journalisten, weil sich in diesem Jahr der Tagebuch-Skandal zum dreißigsten Mal jährt. Er wird ihre Artikel ausschneiden, in eine Klarsichthülle schieben und in einen schwarzen Ringordner einheften. Ein bisschen Platz ist noch frei auf dem letzten Regal in seinem Archiv.

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