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George W. Bushs Memoiren : Abu Ghraib? Waterboarding? Verdammt, ja!

  • -Aktualisiert am

Verkaufsförderndes Gespräch: George W. Bush und Oprah Winfrey Bild: dapd

„Decision Points“: George W. Bush verkauft seine Memoiren, und Oprah Winfrey, eigentlich erklärte Anhängerin Obamas, hilft ihm dabei. Im Fernsehen verstehen sich die beiden prächtig. Bush darf in selektiven Erinnerungen schwelgen.

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          Na bitte, es geht doch! Bis hin zum Wangenkuss und zwischenzeitlichen Händchenhalten kommen sie sich näher: Oprah Winfrey, die sonst für Obama kämpft, und George W. Bush, der immer noch Cheney und Rumsfeld und jetzt vor allem auch sich selbst verteidigt. Zu diesem Zweck hat er unter dem Titel „Decision Points“ sogar ein Buch vorgelegt, und um den 512 Seiten starken, ziemlich frei flottierenden Rückblick auf sein Leben zu verkaufen, muss er, wie das Bestsellerwesen es verlangt, nach seinem Abschied von der Washingtoner Bühne ein Comeback zumindest im amerikanischen Unterhaltungsgeschäft feiern. Der Auftritt bei Oprah, Amerikas übermächtiger Buchverkäuferin, ist schlechthin Pflicht.

          Harmonisches Geplauder

          Aber ein bisschen darf sich der Fernsehzuschauer dann doch wundern, wie harmonisch das Geplauder zwischen den beiden politischen Gegenspielern verläuft, wie entspannt sie einander zum Lächeln und Lachen bringen und überhaupt von alten Spannungen kaum mehr etwas zu spüren ist. Ganz wunderbar spielt im Studio auch das Publikum mit, das sich sogleich vorschriftsmäßig erhebt, als der Ex-Präsident topfit aus den Kulissen federt, und ihm nicht weniger brav zujubelt.

          Wie es mal bei Oprah so Sitte ist, kommen die nur allzumenschlichen Aspekte auch jenes Politikerlebens ausführlich zur Sprache. Verständnisreich abgehakt werden Bushs siegreicher Kampf mit dem Alkohol, seine Neigung zum Tränenfluss, sein existentielles Kraftschöpfen im Familienkreis.

          Bilder vom Besuch bei Mama und Papa

          Zwischendurch ziehen gar Bilderbuchszenen von seinem Besuch bei Mama und Papa in deren weltberühmten neuenglischen Sommerresidenz vorüber. Wer wollte da noch leichtfertig über „Dubya“ - unter diesem Spitznamen lief George W. Bush bei Gegnern wie Anhängern lange Zeit - und seine tausendfach beschriebenen Eigenarten lästern? Bush ist freilich nicht bloß zum Smalltalk erschienen. Mit Buch und entsprechendem Werbefeldzug startet er auch die erste Phase, um seine Regierungszeit höchstpersönlich für die Nachwelt zu modellieren.

          Er will zurechtrücken, was andere, wie er meint, nicht korrekt in den bald historischen Raum gestellt haben. Die Wirtschaftskrise? Hat ihn überrascht, doch schon, aber umgehend will er die richtigen Maßnahmen ergriffen haben. Massenvernichtungswaffen? Mögen damals im Irak leider nicht gefunden worden sein, aber schließlich geht es der Welt ohne Saddam besser. Oder? Oprahs Publikum bestätigt es ihm durch freundlichen Applaus.

          Waterboarding? „Verdammt, ja!“

          Und gut, bei Katrina wurden Fehler gemacht, aber er verbittet sich, deswegen als Rassist beschimpft zu werden. Obgleich auf gegnerischem Terrain, hat Bush bei Oprah leichtes Spiel. Wird ihm dieser Tage andernorts auch vorgeworfen, als Autor höchst selektiv in Erinnerungen zu schwelgen, darf er in der Oprah Winfrey Show noch viel selektiver vorgehen. Er braucht nicht zu fürchten, dass die Interviewerin bei offensichtlich irreführenden Antworten nachhakt oder von Grund auf unangenehme Themen zur Sprache zu bringen. Abu Ghraib? Waterboarding? Cheney als Strippenzieher hinterm Vorhang? Wer darüber etwas erfahren will, hat bei Oprah kein Glück. Im Buch gesteht Bush immerhin stolz ein, dass er auf die Frage seiner Geheimdienstler, ob sie Waterboarding anwenden sollten, geantwortet habe: „Verdammt, ja!“

          Oprah aber sitzt ein Mann gegenüber, der sich seine eigene Welt erschaffen hat, ein Mann, der in sich selbst ruht und zufrieden von sich behauptet: „Ich habe immer nur das getan, was ich für richtig hielt.“ Beneidenswert, dieser Staatsmann, wie locker er über den Dingen schwebt und sich dem aktuellen politischen Geschäft strikt verweigert. Ein letzter Versuch: Seine Meinung über Sarah Palin? „Sie wollen mich zurück in den Sumpf holen“, wirft er kokett lächelnd Oprah vor. „Kommen Sie doch herein“, schäkert sie zurück. Bush aber denkt nicht daran, von dem Pedestal zu steigen, an dem er so eifrig weiterbaut

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