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ZDF über „Helikopter-Eltern“ : Da waren sie stolz wie Oskar

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Hoch hinaus, ohne elterliche Flugbegleiter: vier junge Mitwirkende der ZDF-Sendung „Generation Helikopter-Eltern? Bild: ZDF und Kai Schulz Fotodesign

Mit „Helikopter-Eltern“ ist nicht zu spaßen. Doch sind Überbehüter das größte Problem der Kindererziehung? Im „Social Factual“ des ZDF mit Collien Ulmen-Fernandes scheint es so.

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          Lasst das Kind in Ruhe“, schreibt D.H. Lawrence 1918 in „Education of the People“. Der Gedanke wirkt beim gegenwärtigen Stand allgemeinen Selbstoptimierungsbemühens revolutionär. Wo kämen wir hin, wenn Eltern ihre Kinder in Ruhe ließen, statt ihnen jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen, sie mit Frühförderung vom Babyalter an zu traktieren und ihre Sicherheit zu überwachen, wie es heute zumindest in der sich als bürgerlich verstehenden Mittelschicht üblich ist? Wo manche Kinder schon vom Grundschulalter an täglich Nachhilfe bekommen, um nicht „abgehängt“ zu werden, in einigen Bundesländern beim Übergang in die weiterführende Schule allein der Elternwille zählt und sich eine ganze Industrie der „Verbesserung“ dem als defizitär angesehenen Kind widmet?

          Wir kämen zum Beispiel zu selbstbewussten Heranwachsenden, die Fehlertoleranz gelernt haben, mit Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit in die Zukunft sehen, Scheitern und Bestehen kennen und Risiken realistisch einschätzen. Kurz gesagt: zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern. So beschreibt es die Kinder- und Jugendpsychologin Silvia Schneider in dem zweiteiligen „Social Factual“ mit dem Titel „Generation Helikopter-Eltern?“, in dem Collien Ulmen-Fernandes bei Besuchen einer Kölner Grundschule, im Gespräch mit dem Hirnforscher Ralph Dawirs und Josef Kraus, ehemaliger Gymnasialdirektor und Ex-Vorsitzender des Lehrerverbandes, der Kinderärztin Karella Easwaran und mit zahlreichen Eltern und Kindern die Auswirkungen zeitgenössischer Überängstlichkeit mit unterhaltsamen und aufschlussreichen Lernanordnungen in den Blick nimmt.

          Die Moderatorin und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes führt ausdrücklich „als Mutter“ durch die Mischung von Reportage und Sozialexperiment, das sich viele Inszenierungsdetails von den Vox-Serien „Wir sind vier“ und „Wir sind fünf“ abgeschaut hat. Elternschelte soll vermieden werden – das erlaubt sich nur Josef Kraus, der den Begriff „Helikopter-Eltern“ geprägt hat und mit Sachbüchern bewirtschaftet. Stattdessen beschreibt der Film Anpassungswillen, Überwachung und Ratgeberorientierung gleichsam psychiatrisch als Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, die zu Zwängen und Ängsten führt. Bei der Diagnose belässt er es nicht. Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter stellt er in den Mittelpunkt, zeigt die Abenteuer ihres unbegleiteten Schulwegs, Kletterkompetenz im Hochseilgarten, positive Selbsteinschätzung nach überstandener Herausforderung („Da war ich stolz wie Oskar“). Kinder bauen mit echtem Werkzeug, sägen und hämmern, was das Zeug hält, und fungieren in umgekehrter Rolle als Ratgeber in der improvisierten Elternschule.

          In dieser Hinsicht überzeugt „Generation Helikopter-Eltern?“ genau wie bei den entwicklungspsychologischen Ausführungen. „Indem Mama dem Kind Sachen abnimmt, gibt sie ihm die Meta-Botschaft: Ich traue dir nicht zu, dass du das selbst machen kannst. Das ist für ein Kind kein guter Start“, sagt die Psychologin Silvia Schneider. Wobei Mama auch ein Papa sein kann.

          Hier liegt ein grundsätzlicheres Problem des „Social Factual“. Eltern treten, bis auf eine kurz gezeigte alleinerziehende Mutter, stets heterosexuell paarweise und gutsituiert auf. Durch die Aussagen klingt hindurch, dass die Rollenverteilung (Vater arbeitet, Mutter erzieht) traditionell ist. Die Grundschule, in der die Kinder laut Wandplakat in eine „Koala Class“ gehen, scheint bilingual zu sein, obgleich sie als x-beliebige Eingangsstufe vorgestellt wird. Die Elternschaft wirkt international und gebildet, gehobenes Milieu. Selbstverständlich ist das deutsche Wirklichkeit, aber nicht nur das. Kuriositäten wie der Baby-Bauchsensor, der Drehbewegungen aufs elterliche Smartphone überträgt und zur Vorbeugung des plötzlichen Kindstods dienen soll, oder Tracking-Uhren, die den Radius eines Kindes überwachen, mögen auf einen immer größeren Markt besorgter Digitalenthusiasten zielen. Aber die Realität ist vielfältiger.

          Bilinguale Haushalte mit Geige und Hockey spielenden, balletttrainierten und lesebegeisterten Kindern sind eher nicht das Typische, wie wir gerade wieder in der neuen Pisa-Studie zur nationalen Lesekompetenz erfahren haben. Zwischen Überbehütung auf der einen und Förderbedarf auf der anderen Seite scheint es indes kaum Mittelfeld zu geben. Hier macht es sich der Film bequem, indem er es beim „Helikopter-Problem“ belässt. Konsequent unterhaltsam endet er mit einer optimistischen Note – einer Freiluftparty, bei der die Eltern auf einer Seite des Feldes sich ungestört unterhalten und die Kinder auf der anderen Spaß haben. Es ist eine Reproduktion der idealtypischen Kind-Eltern-Situation, die der „Daily Telegraph“-Kolumnist Tom Hodgkinson in seinem Anti-Ratgeber „Leitfaden für faule Eltern“ schon 2009 pries. Mit solchen Freiräumen könnte Erziehung wirklich Spaß machen.

          Generation Helikopter-Eltern? läuft heute um 20.15 Uhr bei ZDFneo.

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