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Deutsches Streaming-Portal : Gemeinsam gegen Netflix

  • -Aktualisiert am

Tonangebend auf dem Bildermarkt: die amerikanischen Streamingportale Netflix und Amazon Prime Video Bild: dpa

Streamingdienste aus Amerika dominieren weltweit den Markt. Eine deutschsprachige Plattform könnte dem etwas entgegensetzen. Warum gibt es sie nicht? Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Die deutsche Fernseh- und Kinowelt hat es seit jeher schwer und befindet sich in einem Dilemma: Wir haben 2020 den hundertjährigen Siegeszug und die Dominanz der amerikanischen Filmstudios und Produktionen in Deutschland gefeiert, denn im Jahr 1920 trat der amerikanische Film seinen globalen Siegeszug an. Seine umfassende, weltweite Verbreitung und die globale Verständlichkeit kanonisierter Bildsprache, die dem Geschmack eines weltweiten Publikums entsprach, ließen ihn sich von bisherigen kulturellen Werken unterscheiden.

          Diese Dominanz der amerikanischen Filmwirtschaft festigte sich über die nächsten Jahrzehnte bis heute. Im Jahr 2019 waren vierzig der fünfzig erfolgreichsten Filme in Deutschland nach Anzahl der Kinobesucher amerikanischer Herkunft. Dies entspricht einem Marktanteil von achtzig Prozent. Hingegen betrug der Anteil deutscher Filme an den Top 50 im Jahr 2019 gerade einmal sechzehn Prozent – das waren acht Filme. Da hilft auch die seit Herbst 2018 geltende EU-Richtlinie, dass mindestens dreißig Prozent der Inhalte der amerikanischen Streamingdienste aus Europa stammen müssen, nicht. Umgekehrt stellten deutsche Filme unter den laut der Motion Picture Association of America (MPAA) in den Vereinigten Staaten veröffentlichten insgesamt 835 Filmen 2019 einen verschwindend geringen durchschnittlichen Anteil von weniger als einem Prozent.

          Über viele Jahre hinweg, in den Neunzigern bis etwa 2005, flossen Milliarden an deutschem Kapital in die Vereinigten Staaten, das sogenannte „Stupid German Money“, mit dem deutsche Steuersparmodelle statt die einheimische Filmwirtschaft Hollywood unterstützten.

          Jeder Sender hat sein Eigenes

          Es scheint uns gleichgültig zu sein, dass wir mit unseren monatlichen Abogebühren dazu beitragen, dass diese Multis unsere deutsch-europäische Mediengesetzordnung unterlaufen und gigantische Umsätze und Gewinne machen, die sie nicht einmal in Deutschland, geschweige denn in Europa versteuern.

          Der Ruf nach einem deutschen oder deutschsprachigen Gegengewicht verhallt, weil offensichtlich jeder Sender sein eigenes Süppchen kocht. Eine deutsche oder europäische Antwort muss her, der Markt schreit danach. Falls es der deutschen Fernseh- und Filmbranche in absehbarer Zeit nicht gelingt, in einer konzertierten Aktion eine Antwort auf die amerikanische Streamingoffensive zu finden, wird diese zweite Welle der Dominanz noch viel stärkere Auswirkungen auf den deutschen Medienmarkt haben, als wir uns bisher vorzustellen vermögen. Große Hollywood-Studios wie Disney, Warner Bros., Sony, Paramount oder NBC Universal tendieren mehr und mehr dazu, ihre Blockbuster auf eigenen Streamingplattformen weltweit und in Eigenregie statt über Drittlizenznehmer zu vermarkten. Bei allem Respekt vor den Leistungen Hollywoods, High-End-Produktionen „made in Germany“ brauchen den internationalen Wettbewerb nicht zu scheuen, sie sind längst in Bezug auf Innovation, Qualität und Mut international wettbewerbsfähig und gewinnen im Ausland an Aufmerksamkeit.

          Das Einzige, was uns fehlt, ist die Bündelung hiesiger Kreativität auf einer deutschsprachigen Plattform. Wie sähe diese aus? Kurz: Deutschlands Sender und Produzenten schicken ihre Produktionen (Filme, Serien, Dokumentationen, Shows) auf eine zentrale, nonlineare Streamingplattform und bieten sie unter einem für alle verständlichen Namen – warum nicht noch einmal „Germany’s Gold“? – weltweit zugänglich an. Dieser Zugang sollte kostenfrei sein, zu Paid Contents könnte auf die Senderplattformen verlinkt werden.

          Nutznießer der deutschen „Zersplitterung“

          Der deutschsprachige Streamingmarkt zeigt sich angesichts der übermächtigen amerikanischen Plattformen uneinheitlich. Jeder Sender kocht sein eigenes Süppchen. Die öffentlich-rechtliche ARD und das ZDF mit eigenen Mediatheken, die RTL-Gruppe Deutschland mit „TVnow“ hat bereits vor Monaten den Avancen von Pro Sieben Sat.1, bei „Joyn“ mitzumachen, eine Absage erteilt und ist eine Kooperation mit der Telekom eingegangen. Pro Sieben Sat.1 hatte 2019 mit hohem finanziellen Aufwand gemeinsam mit Discovery Communications die Plattform „Joyn“ lanciert und inzwischen die Bezahlplattform „Joynplus“ integriert.

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