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Gema-Alternative C3S : Legaler Tausch schließt Profit nicht aus

  • -Aktualisiert am

Kreativschaffende, die Nutzern das Kopieren und Bearbeiten ihrer Werke erlauben wollen, wählen Creative-Commons-Lizenzen. Die Initiative C3S möchte dafür eine neue Verwertungsgesellschaft gründen. Bild: Dieter Rüchel

Wem gehört Musik und wer darf sie benutzen? In Deutschland gibt es bisher nur eine Verwertungsgesellschaft, die Lizenzen für Musiker herausgibt: die Gema. Das soll anders werden. Die Konkurrenz heißt C3S.

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          Der folgende Satz gehört zu den unbeliebtesten im deutschen Internet: „Dieses Video ist in Deutschland nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, für die die Gema die erforderlichen Rechte nicht eingeräumt hat.“ Spätestens seit der Youtube-Sperre 2009 ist die Kritik an der bisher einzigen deutschen Verwertungsgesellschaft unüberhörbar geworden. Die Liste der beanstandeten Punkte ist lang: Mangelnde Transparenz bei der Berechnung der Abgaben und der Verteilung der Tantiemen wird der Gema vorgeworfen, ebenso die Ungleichbehandlung der Vereinsmitglieder, von denen nur eine kleine Gruppe über volles Stimmrecht verfügt.

          Auf das digitale Zeitalter hat sich die Gema, die vor achtzig Jahren gegründet wurde, noch nicht eingestellt, sagen Kritiker. Immer noch müssen zur Abrechnung von den Veranstaltern auf Papier geschriebene und unterzeichnete Playlists eingereicht werden, obwohl längst Software zur automatischen Musikerkennung existiert. Und immer noch ist es Gema-Mitgliedern verwehrt, Stücke unter Creative-Commons-Lizenzen zu veröffentlichen.

          Am Anfang einer Karriere ist Bekanntheit die wichtigste Währung

          Seit 2001 hat die gemeinnützige amerikanische Organisation „Creative Commons“, zu Deutsch „kreatives Gemeingut“, sechs Lizenztypen entwickelt, die der Öffentlichkeit verschiedene Nutzungsrechte an Werken kostenlos einräumen: Dabei kann es sich um die nichtkommerzielle Weitergabe von Stücken handeln oder um die Möglichkeit, ein Werk weiterzubearbeiten, etwa einen Song zu remixen. Gerade für junge, noch unbekannte Künstler sind Creative-Commons-Lizenzen –- kurz CC-Lizenzen genannt -– attraktiv, da sie es erlauben, Musik legal zu kopieren und zu teilen. Am Anfang einer Karriere ist Bekanntheit die wichtigste Währung; klassische All-Rights-Reserved-Lizenzen, wie die Gema sie ausschließlich vergibt, könnten sich für aufstrebende Musiker gar als kontraproduktiv erweisen.

          Der Musiker Meik Michalke und der Medienberater Wolfgang Senges lernten sich 2009 auf der Konferenz „all2gethernow“ in Berlin kennen. Die Musikmesse Popkomm war abgesagt worden; stattdessen diskutierten Labelbetreiber, Künstler und Interessierte drei Tage lang über neue Vermarktungsstrategien für Musik. Michalke und Senges waren sich in einem einig: Die Gema muss sich für CC-Lizenzen öffnen. „„Anfang 2010 trafen wir uns mit einem Vertreter der Gema und einem Vertreter von Creative Commons Deutschland beim Deutschen Patent- und Markenamt““, erinnert sich Senges. Das Amt beaufsichtigt die deutschen Verwertungsgesellschaften. Im Gespräch versuchten Michalke und Senges, den Gema-Vertreter von ihrer Idee zu überzeugen –- vergebens.

          Was ist nötig, um eine Gema-Alternative zu gründen?

          Doch Senges und Michalke wollten sich nicht geschlagen geben. Sie fragten bei einem Justitiar des Patentamtes nach, was nötig sei, um eine eigene Verwertungsgesellschaft zu gründen. Im Wesentlichen habe eine Gema-Alternative zwei Anforderungen vor ihrer Zulassung zu erfüllen, erklärte das DPMA. Erstens müsse sie Mitglieder vorweisen können: Musikschaffende, also Urheber, die ihre Rechte von der neuen Verwertungsgesellschaft vertreten lassen wollen. Es müssten ausreichend viele sein, dass sich das Unternehmen gemäß seinem Business-Plan aus den Lizenzeinnahmen finanzieren könne. Zweitens müsse die Infrastruktur der Verwertungsgesellschaft vorhanden sein. Für die Verwaltung, die Abrechnung, das Monitoring müsse gesorgt sein, damit nicht nur Lizenzen vergeben werden könnten, sondern auch die Kontrolle ihrer Einhaltung möglich sei.

          Diese Anforderungen machen die Sache kompliziert. Senges sagt: „„Es ist ein Henne-Ei-Problem. Für die Zulassung müssen wir zirka 3000 Mitglieder vorweisen können, deren Rechte wir aber erst aktiv vertreten dürfen, wenn die Absegnung vom DPMA vorliegt.““ Vorher gebe es keine Berechtigung, als Verwertungsgesellschaft zu arbeiten. „„Ein normales Unternehmen steht bei der Gründung meistens in den roten Zahlen. Es ist ganz gewöhnlich, dass die schwarzen Zahlen vielleicht erst im dritten Jahr erreicht werden““, sagt Senges. Für eine Verwertungsgesellschaft gelte das aber nicht. Da sie die wirtschaftliche Sicherheit ihrer Mitglieder verantworte, erhalte sie die Zulassung vom Patentamt erst, wenn sie die schwarze Null schon vorweisen könne.

          Wolfgang Senges hat die Initiative C3S mitbegründet.
          Wolfgang Senges hat die Initiative C3S mitbegründet. : Bild: Simon Bierwald

          Das Wir, von dem Senges spricht, ist die „Cultural Commons Collecting Society“, kurz C3S. Die Initiative, zu deren Team mittlerweile neben Senges und Michalke neun weitere Personen gehören, arbeitet auf die Gründung einer Gema-Alternative hin. Auf den wesentlichen Unterschied verweist schon der Name: „„Bei uns wird es möglich sein, sowohl CC-Lizenzen als auch die herkömmlichen All-Rights-Reserved-Lizenzen zu nutzen““, sagt Senges. Die Künstler, die sich von C3S vertreten lassen, können bei jedem Stück flexibel entscheiden, welche Lizenz gelten soll. Bei der Gema ist das anders: Wer Mitglied wird, muss dem Verein die Verwertung aller seiner Werke übertragen –- bisher können diese bei der Gema ausschließlich unter All-Rights-Reserved-Lizenzen veröffentlicht werden.

          Nicht nur in diesem Punkt will C3S besser machen, was an der Gema kritisiert wird. Vor allem soll Gleichberechtigung unter den Mitgliedern herrschen. „„Bei uns sind als nutzende Mitglieder nur Urheber zugelassen, also Musikschaffende. Dazu zählen wir auch Prosumer, das sind Nutzer, die Musik privat zu Remixes oder Mashups weiterverarbeiten““, erklärt Senges. Jeder von ihnen soll gleiches und volles Stimmrecht bekommen -– unabhängig von seinen Einnahmen durch Lizenzgebühren oder von der Anzahl der Anteile, die er bei C3S gezeichnet hat. Verleger, Produzenten oder andere Investoren sollen nur als fördernde Mitglieder zugelassen werden. Anders als bei der Gema sollen sie prinzipiell kein Stimmrecht erhalten, dürfen aber in beratenden Kommissionen tätig sein.

          Das Ziel von C3S: Pay per Play

          Auch die Ausschüttung der Lizenzeinnahmen soll gerechter werden. Senges sagt: „„So weit wie möglich wollen wir nicht auf Hochrechnungen und Pauschalen zurückgreifen, wie es die Gema tut. Die Anteile sollen sich danach richten, wie häufig ein Künstler wirklich gespielt worden ist. Unser Ziel ist eine Eins-zu-eins-Abrechnung –- pay per play.““ Daten, die darüber Auskunft geben, seien für den Online-Markt bereits vorhanden. Man müsse sie nur nutzen. „„Das lässt sich sehr einfach maschinell auszählen.““

          Vorerst will sich C3S daher auf Online-Lizenzen konzentrieren. „„Im Bereich Radio und Fernsehen, im sogenannten Airplay, wäre es für uns schwer, sofort einzusteigen““, sagt Senges. „„Da arbeitet die Gema für etablierte Künstler effizient. Im Internet sieht das anders aus: Als Lizenznehmer hat man hier viel bürokratischen Aufwand, zum Beispiel, weil sich die Playlists nicht direkt an die Datenbank der Gema übertragen lassen.“ Die nötigen Programmierschnittstellen fehlen.“ C3S will ein alternatives technisches System entwickeln, das den Lizenznehmern eine möglichst einfache und transparente Abrechnung erlaubt.

          Die Initiative finanziert sich über Crowdfunding

          Um das zu realisieren, ist viel Kapital nötig. Entwickler und Programmierer müssen eingestellt werden, um die Datenbanken aufzubauen. Ebenso braucht C3S Personal für die Verwaltung. Bisher kann niemand aus dem Team Vollzeit an dem Projekt arbeiten, da es keinen Gewinn abwirft. Investoren sind nur schwer zu gewinnen, da sie an zukünftigen Profitausschüttungen nicht beteiligt werden. Tantiemen sollen ausschließlich an Urheber gehen. Wie also Kapital akquirieren?

          Crowdfunding heißt die Lösung. Über die Schwarmfinanzierung auf der Internetseite startnext.de kamen seit Mitte Juli 89 172 Euro für C3S zusammen. 1403 Personen spendeten; 1060 Genossenschaftsanteile, die je fünfzig Euro kosten, sind bisher vergeben. „„Bis zum Ende des Crowdfundings am 30. September ist es unser Ziel, 200.000 Euro einzunehmen. Schon mit der Summe, die wir bis jetzt gesammelt haben, können wir das Projekt auf jeden Fall weiterführen““, sagt Senges. „„Bisher haben wir für die Initiative in unserer Freizeit gearbeitet und sind damit an unsere Grenzen gestoßen.““

          Bis zur aktiven Verwertungsgesellschaft ist es noch ein weiter Weg

          Eine ausreichende Menge an Eigenkapital sei außerdem nötig, um staatliche Fördermittel beantragen zu können. Diese könnten bald vom Land Nordrhein-Westfalen kommen: Beim Innovationswettbewerb „Digitale Medien NRW“ überzeugte das Konzept C3S eine Experten-Jury, die eine Förderungsempfehlung in Höhe von 200.000 Euro aussprach. „„Für eine verbindliche Zusage der Fördergelder muss es uns aber noch gelingen, den gleichen Betrag an Eigenmitteln nachzuweisen““, erklärt Senges.

          Jenseits des Crowdfundings verfügt die Initiative, die bisher keine juristische Form hat, über fast 40.000 Euro Startkapital. Der nächste Schritt hin zur aktiven Verwertungsgesellschaft besteht in der Gründung von C3S als Europäischer Genossenschaft. Damit wird das Projekt am 25. September erstmals zu einem Rechtssubjekt. Das kommende Jahr über wird C3S damit beschäftigt sein, die Vorgaben des Patentamts hinsichtlich der Mitgliederzahl und der Infrastruktur des Unternehmens zu erfüllen. „„Wir hoffen, Ende 2014, Anfang 2015 den Antrag auf Zulassung als Verwertungsgesellschaft beim DPMA stellen zu können““, sagt Senges. Man müsse mit einer Wartezeit von bis zu einem Jahr rechnen, bis das Patentamt die Zulassung tatsächlich erteile. „„Frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2015 werden wir unsere Künstler aktiv vertreten können.““

          Es wird also noch dauern, bis die Gema Konkurrenz bekommt. Schon jetzt aber ist zu spüren, dass C3S den Monopolisten nervös macht. Der Gema-Justitiar Tobias Holzmüller hat der „MusikWoche“ kürzlich in einem Interview gesagt, er sei zuversichtlich, dass in absehbarer Zeit die Nutzung von CC-Lizenzen und die Gema-Mitgliedschaft miteinander vereinbar seien. Holzmüller betont aber gleichzeitig, man sehe C3S nicht als „echte Alternative“ zur Gema. Wer seine Werke unter freien Lizenzen veröffentliche, verzichte „unwiderruflich auch für die Zukunft auf eine Vergütung“ für die Nutzung der Stücke.

          Wolfgang Senges sieht das anders: „„Keine CC-Lizenz schließt aus, dass für einen Song bezahlt wird. Es gibt Alben, die bei Amazon Bestseller werden, obwohl man sie ganz legal tauschen kann.““ Noch scheint die Gema daran zu glauben, dass Künstler nur aus All-Rights-Reserved-Lizenzen Einnahmen ziehen können. Es ist an C3S, das Gegenteil zu beweisen.

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