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Geheimdienstchef ausspioniert : Daten im Garten

Der Chef des Schweizer Geheimdiensts ist ausspioniert worden, intensiv und mit ausschließlich legalen Mitteln. Das Porträt in der linksalternativen „Wochenzeitung“ ist eine journalistische Meisterleistung.

          Das Ultimatum war auf Mittwoch, 17 Uhr befristet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Chef des Schweizer Geheimdiensts Gelegenheit, die Auflage der linksalternativen „Wochenzeitung“ (WoZ) aufzukaufen. Um zu verhindern, dass Informationen und Indiskretionen aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das Angebot der WoZ an Markus Seiler, den Vorsteher des eidgenössischen Nachrichtendienstes des Bundes (NDB), war ein spektakulärer Gag. Aber recherchiert über den Mann, der eine „Lizenz zur Verletzung der Privatsphäre“ besitzt, hat sie sehr wohl - intensiv und mit ausschließlich legalen Mitteln.

          Eine journalistische Meisterleistung

          Leicht war sein Anwesen in Spiez am Thuner See zu finden, das Grundstück ist gut siebenhundert Quadratmeter groß. Eine Schweizer Fahne hängt im Garten, Tanne und Hecke schützen vor ungewollten Blicken. Am Briefkasten kein Name. In der reformierten Kirche spielt Seiler eine wichtige Rolle. Drei Autos auf dem Einstellplatz, über die geheimen Kennzeichen können die Reporterermittler die Besitzer nicht ausfindig machen. Redseliger war die Steuerbehörde: Jahreseinkommen von etwa 200.000 Franken, Vermögen ein bisschen mehr, das Eigenheim teilt er sich mit seiner Frau. Damit könne er sich den Aufkauf der gesamten Auflage ja sehr wohl leisten, höhnte die WoZ in ihrem Video. Auf 96.000 Franken bezifferte sie den Deal. Seiler hat ihn abgelehnt.

          An diesem Donnerstag wurden die 15.000 Exemplare ausgeliefert. Die Ausgabe ist eine Sondernummer zum Thema Daten, Staat und Überwachung und enthält ein langes Interview mit Juli Zeh. Auch die fahrlässige Gleichgültigkeit der Zeitgenossen im Umgang mit ihrer Privatsphäre wird thematisiert. Das Porträt von Markus Seiler ist eine journalistische Meisterleistung. Sie zeigt, was der investigative Journalismus leisten kann - schon noch ein bisschen mehr als Google. Es dient ausschließlich der Provokation und der Public Relation. Die Fakten, die über Markus Seiler publiziert werden, sind weitgehend irrelevant. Natürlich lässt sein Verhalten am Steuer Rückschlüsse auf seinen Charakter zu. Doch als James Bond wird sich ohnehin niemand einen helvetischen Spitzenbeamten vorstellen.

          Ein heilsamer Schock?

          Die Biederkeit des Herrn Seiler erzeugt verstärkt den Eindruck, das Sammeln und Horten von Daten sei eine harmlose Banalität. Es ist die „Methode der Geheimdienste mit ihrer flächendeckenden, präventiven Überwachung“, schreibt die WoZ. Sie habe zeigen wollen, „was man über einen Menschen erfahren kann, ohne dass man ihn wissen lässt, dass man etwas über ihn herausfinden will“. Offensichtlich hat der Schweizer Geheimdienst von der Überwachung seines Chefs nichts mitbekommen. Das lässt auch seine Spionageabwehr als eher dilettantisch erscheinen.

          Das Groteske an der Sammelwut der öffentlichen und geheimen Nachrichtendienste macht die WoZ auf amüsante Weise sichtbar. Deren Gefährlichkeit wird durch den witzigen Gag aber eher verharmlost. Die Enthüllungen aus Seilers Privatleben haben die Öffentlichkeit nicht wirklich aufgeschreckt. Man darf allenfalls hoffen, dass sie beim Geheimdienstchef einen heilsamen Schock auslösen.

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