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„Geh doch nach drüben“ im ZDF : Herr Ober, bitte den Bildersalat!

  • -Aktualisiert am

Moderatoren im DDR-Stil? Bild: ZDF

Die ZDF-Dokumentation „Geh doch nach drüben“ will den Alltag im ehemals geteilten Deutschland zeigen. Das misslingt, der Sender häckselt deutsche Geschichte klein.

          2 Min.

          Falls Sie am Dienstag die erste Folge von „Geh doch nach drüben“ verpasst haben, der zweiteiligen ZDF-Dokumentation über den Alltag der Deutschen in Zeiten der Teilung, hier die Zusammenfassung, was bisher geschah: Weltkrieg, Brandenburger Tor, Hans-Dietrich Genscher, Bürger Lars Dietrich, Andrea Kiewel, Trabi, Käfer, Rock’n’Roll, Kino, Grün ist die Heide, Fernsehwerbung, Käseigel, Eiscreme, Milchshakes, Dry Martini, Erdbeerbowle, Grüne Wiese, Paul Breitner, Dieter Kronzucker, Udo Lindenberg, Wolfgang Bosbach, Uschi Glas, Wirtschaftswunder, Werteverfall, Tunnel, Flucht, Aufstand, Bildung, Intellektuelle, Urlaub, Rimini, Beton, Stacheldraht, Frank Schöbel, Hippies, 68er, Rolling Stones, Beatles, Dalli Dalli.

          Nein, da fehlten jetzt nicht die verbindenden, Sinn stiftenden Sätze. Die fehlen in der Sendung. Sie wirkt wie der Versuch, nach dem Konzept von Billy Joels „We Didn’t Start the Fire“, viele Dutzend Begriffe aus vierzig Jahren Weltgeschichte aneinanderzureihen, eine Dokumentation zu machen – nur weniger kunstvoll und mit schlechterer Musik.

          Trabi vs. Käfer

          „Wo lag das bessere Deutschland?“, heißt es im Untertitel, und vermutlich war es eine knappe Entscheidung, die Sendung nicht als „Großer Deutsche-Staaten-Check“ aufzuziehen. Ein paar „Check“-Elemente bleiben trotzdem. So testen die jungen Schauspieler Lara Mandoki und Constantin von Jascheroff , die angestrengt locker auftreten, welcher „Volkswagen“ familienfreundlicher ist, der Trabant oder der Käfer. (Fazit: Käfer ist besser, „aber man muss den Trabi einfach liebhaben“.) Sie nehmen Ost- und Westgetränke zu sich, er krabbelt durch einen Fluchttunnel, sie lässt sich einen Brigitte-Bardot-Look machen, um herauszufinden, „dass sie mit ihrem natürlichen Look eine Generation geprägt hat“.

          Es ist eine Sendung, die man sich wunderbar im Kinderkanal vorstellen kann, was offenbar Voraussetzung dafür ist, sie im ZDF zur Prime-Time zu zeigen. Der Sender scheute weder Kosten noch Mühen, nur Gedanken. Die Präsentatoren werden aufs Brandenburger Tor geschickt und sagen ein paar Sätze auf. „Wir beide sind im Bonner Haus der Geschichte“, erzählen sie nach einem Standortwechel, „’n bisschen recherchieren.“ Ergebnis: „Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten ja wohl beide Staaten, das Rezept für’n besseres Deutschland zu haben.“

          Ein winziger Ausschnitt vom „ZDF-Magazin“ ist zu sehen, nach einem Schnipsel des „Schwarzen Kanals“, ohne ein Wort der Erklärung. Ein paar Sekunden aus Hans Rosenthals „Dalli Dalli“ erscheinen, um zu illustrieren, dass es in Westdeutschland „Wettbewerb sogar im Unterhaltungsfernsehen gab“. Paul Breitner beklagt sich über die Erziehung auch durch Nazi-Lehrer im Westen: „Es hat uns gestört, dass wir von einer Generation miterzogen wurden, denen wir dieses Recht nicht zugestanden haben.“ Anschlussfrage des Jungschauspielers aus dem Off: „Ging’s denn der Jugend in der DDR besser? Konnte man dort seinen eigenen Kopf durchsetzen?“

          Die Clips sind so zusammengeschnipselt, dass nicht einmal klar ist, wen der Fotograf meint, der den sterbenden Benno Ohnesorg aufgenommen hat, wenn er über die Demonstrationen gegen den Schah von Persien spricht: „Damals hatte man das Gefühl, die warten nur darauf, die Gewalt einzusetzen, und sie freuen sich darüber, wenn sie’s können.“ Wer? Die Demonstranten? Die Polizisten? Egal, wir sind schon woanders.

          Vom Volksaufstand 1953 zieht die Dokushow eine kurze Linie zu den langen Spaghetti, die die Deutschen erst zu essen lernen mussten, denn der 17.Juni wurde in der Bundesrepublik Feiertag. Da fuhren die Menschen in den Urlaub und also nach – Rimini. „Mit einem Augenzwinkern“ wollte man den Alltag in Ost und West betrachten, sagt Filmautor Karlo Malmedie. Es ist das nervöse Geblinzel eines Beobachters mit Tic geworden.

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