https://www.faz.net/-gqz-a0hwc

Russische Zeitung „Wedomosti“ : Gefangen im Netz der Oligarchen

Haben nun ein Wörtchen mitzureden in der Berichterstattung über sie: der russische Öl-Konzern Rosneft Bild: AFP

Vom russischen Kommunikationsminister als „Partisaneneinheit“ bezeichnet: Die liberale Qualitätszeitung „Wedomosti“ steht in Moskau kurz vor ihrem traurigen Ende.

          3 Min.

          In Moskau geht der Kampf um die führende russische Qualitätszeitung „Wedomosti“ einem bitteren Ende entgegen. Wochenlang leistete die Redaktion ihrem neuesten Chefredakteur Andrej Schmarow Widerstand. Schmarow war Ende März im Hinblick auf einen weiteren Verkauf des Blatts als geschäftsführender Chefredakteur eingesetzt worden. Er machte umgehend deutlich, dass er von der objektiven, unabhängigen und daher oft kritischen Haltung von „Wedomosti“ wenig hält. (F.A.Z. vom 15. April). Insbesondere, was die Berichterstattung zu Rosneft angeht, dem staatlich kontrollierten Ölkonzern unter Führung von Igor Setschin, einem Weggefährten von Präsident Wladimir Putin – die Rolle des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder als Rosneft-Aufsichtsratsvorsitzender ist vornehmlich zeremoniell. Die Redaktion warf Schmarow nach Eingriffen in die Berichterstattung Zensur und Verstöße gegen die Redaktionsstatuten vor. Diese „Dogmen“ stammen aus der Zeit, als Business News Media (BNM), die Aktiengesellschaft hinter „Wedomosti“, einem amerikanisch-britisch-finnischen Konsortium gehörte; sie sind in Russland legendär und tragen dazu bei, dass „Wedomosti“ trotz der eher geringen Printauflage von 75000 Exemplaren dennoch Bedeutung hat. Der Kreml jedoch verbot es Ausländern von 2016 an per Gesetz, mehr als zwanzig Prozent eines russischen Medientitels zu besitzen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Redaktion beließ es nicht bei Klagen: Sie recherchierte mit Kollegen anderer unabhängiger Medien, dass Rosnefts gefürchteter Pressesprecher vermutlich an der Ernennung seines Bekannten Schmarow beteiligt war und dass BNM seit 2017 enorme Schulden bei einer Tochterbank des Ölkonzerns hat. Zwar verbot Schmarow, unter Berufung auf eine Kreml-Bitte, Umfrageergebnisse des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum zu veröffentlichen, die Unmut über Putins sinkende Beliebtheit spiegeln. Doch die Redaktion veröffentlichte die Ergebnisse weiter – darunter auch Beiträge von Lewada-Mitarbeitern auf der „Wedomosti“-Meinungsdoppelseite, einem Refugium für liberale Stimmen. „Wenn der Chefredakteur nicht Chef in der Redaktion ist, dann ist es keine Redaktion mehr, sondern irgendeine Partisaneneinheit“, sagte der stellvertretende Kommunikationsminister Alexej Wolin zur Situation. Er forderte, Journalisten, die sich Anordnungen des vom Eigentümer eingesetzten Chefredakteurs widersetzten, „unverzüglich“ zu entlassen.

          90 Mitarbeiter gingen aufgrund des neuen Chefredakteurs

          Als Eigentümer von „Wedomosti“ gilt nach undurchsichtigem Gezerre seit Ende Mai der Medienunternehmer Iwan Jerjomin. Dessen Newsportal „Federal Press“ war Rosneft-Strukturen jahrelang durch lukrative Werbeaufträge verbunden, veröffentlichte PR-Material. So war niemand verwundert, dass Jerjomin an Schmarow festhielt, als es am Montag abermals um die Wahl des Chefredakteurs ging. Die Redaktion stellte eine mit dem Haus vertraute Gegenkandidatin auf. Schmarow wurde gewählt, weil die Stimme des Eigentümers die entscheidende ist. Daraufhin kündigten alle fünf stellvertretenden Chefredakteure an, dass sie „Wedomosti“ so bald wie möglich verlassen würden; sie alle arbeiteten schon lange vor dem Kreml-Gesetz gegen ausländischen Einfluss bei der Zeitung und standen für Kontinuität. Auch der Online-Chef von „Wedomosti“ und die Leiterin des Wirtschaftsressorts wollen gehen. Zuvor hatten schon etwa zehn der rund neunzig Mitarbeiter die Zeitung Schmarows wegen verlassen. Weitere suchen jetzt über Facebook nach Arbeit „im Zusammenhang mit dem Ende der Geschichte der Zeitung“.

          Die stellvertretenden Chefredakteure begründeten ihren Fortgang damit, dass die Grundsätze der Zeitung mit Schmarows Ernennung nicht mehr gewährleistet sein würden. Einer der fünf, Dmitrij Simakow, der selbst achtzehn Jahre bei „Wedomosti“ wirkte, klagte, unter „respektabler Etikette“ solle „etwas Serviles“ entstehen. Das sei „eine Katastrophe“. Mit Ausnahme eines Investors, der die – vor dem Mediengesetz vom russischen Ableger von Axel Springer herausgegebene – russische Ausgabe der Zeitschrift „Forbes“ kaufte, sieht Simakow keinen „weißen Ritter“ auf dem Medienmarkt, der die großen Risiken auf sich nehmen wolle. Die Lage werde „jedes Jahr toxischer“.

          Unter Putins Herrschaft sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche unabhängige russische Medienhäuser auf Linie gebracht worden. Die Duldsamkeit der Machthaber gegenüber Kritik sinkt immer weiter. Dennoch erweisen sich der russische Qualitätsjournalismus und seine Vertreter als bewundernswert zäh und kreativ. Davon zeugen Neugründungen wie das Newsportal „Medusa“, „The Bell“ oder „Projekt“, die teils aus dem Exil betrieben werden. Die Nachfrage nach ungefärbten Informationen bleibt groß.

          Weitere Themen

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Topmeldungen

          Brasilianischer Präsident : Bolsonaro ist an Covid-19 erkrankt

          Seine Infektion bestätigte der Präsident am Dienstag – und beteuerte, es gehe ihm gut. Die Maskenpflicht hatte er nicht nur oft missachtet, er hatte sie energisch bekämpft. Nun wird er mit Häme überschüttet.
          Die Welt wird enger, aber wir können etwas dagegen tun.

          Polarisierung in Debatten : Wir Gesinnungsgenossen

          In diesen Monaten zeigt sich die Herrschaft des Framings noch deutlicher also sonst – besonders bei Twitter. Ein Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber dem, was uns zwar nicht gefällt, aber noch lange nicht extrem ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.