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Film über Antibabypille : Für superschöne Haut, die Lungenembolie gibt es obendrauf

  • -Aktualisiert am

Zielgruppe: Lisa und Lena Mantler spielen die Influencerinnen Mimi und Maja. Bild: NDR/Wolfgang Ennenbach

Zu Risiken und Nebenwirkungen der neuesten Generation von Antibabypillen sollte man diesen Film sehen: „Was wir wussten – Risiko Pille“ mag ein Fernsehfilm sein, die Gefahren die er benennt, sind real.

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          Julia ist erst neunundzwanzig, als sie eine Lungenembolie und einen Herzstillstand erleidet. Mit den Langzeitfolgen kämpft sie bis heute. Wir sehen ihr Gesicht und wir sehen andere Gesichter – alle jung, alle in Schwarzweiß. Das ist der dokumentarische Schlussteil des Films „Was wir wussten“, der an die vorhergehende, fiktionale Handlung anschließt. Er unterstreicht: Hier geht es um einen Fernsehfilm, aber nicht um etwas Ausgedachtes. Es geht um Gesundheitsrisiken der Pille.

          Eine junge Frau erleidet mit achtzehn eine Lungenembolie, eine andere im Alter von dreißig Jahren. Sie haben eine Mikropille der sogenannten dritten und vierten Generation mit einem bestimmten Gestagen eingenommen. Viele benutzten das Präparat zur Verhütung, viele aber auch wegen des Versprechens glatter Haut. Der Hersteller hatte die Zulassung als Kontrazeptiv und als Anti-Akne-Mittel bekommen – obwohl Studien ein vielfach höheres Thrombose-Risiko als bei den Pillen zuvor belegen.

          In den Vereinigten Staaten, führt der Film „Was wir wussten“ auf, der einen realen Medizinskandal verarbeitet, wurden zur Vermeidung von Sammelklagen bisher 2,1 Milliarden Dollar an 10.700 betroffene Frauen und Mädchen gezahlt. In Frankreich wurde die Zulassung entzogen. In Deutschland hingegen seien Pillen mit dem betreffenden Gestagen noch vor Aspirin der größte Umsatzbringer des Konzerns.

          Zur Markteinführung der „Wunderpille“

          Das Autoren-Ehepaar Eva und Volker A. Zahn ist für seine sozialkritischen Stoffe bekannt und vielfach ausgezeichnet worden. „Ihr könnt euch niemals sicher sein“, ein Film über den vermuteten Amoklauf eines frustrierten jungen Mannes, oder der Film über die Folgen der Duisburger Love-Parade-Katastrophe „Das Leben danach“, der Bluter-Skandal-Film „Unter der Haut“ und insbesondere der Fernsehfilm „Mobbing“ mit Tobias Moretti und Susanne Wolff sind Exempel für ihre Fernsehspiele, die dramaturgisch und in der Figurenzeichnung eher Komplexität als wohlfeile Eindeutigkeit suchen. Ihre Skandalfilme skandalisieren in der Regel nicht, heroische Protagonisten, Gerichtsdramenästhetik amerikanischer Filmtradition sind nicht ihr Fall.

          Der Film, der vor seinem dokumentarischen Anhang mit einem Auftritt protestierender Geschädigter der – echten – Selbsthilfegruppe „Risiko Pille“ beim Aktionärstreffen zufriedener Dividendenempfänger endet, stellt die Markteinführung der neuen, zu schönsten Umsatzhoffnungen berechtigenden „Wunderpille“ „Bellacara“ in den Mittelpunkt. Der Vorstandsvorsitzende Holger Schmitz-Wessel (Thomas Heinze) hat als „Action-Teamleiterin“ eine Frau mit Ambitionen eingesetzt. Sabine Krüger (Nina Kronjäger) hat zwar eine Affäre mit Carsten Gellhaus (Stephan Kampwirth), der den Behörden gegenüber die Unbedenklichkeit des Mittels darlegen soll.

          Sie nimmt die Affäre aber weniger ernst als er, der – zumindest im Privaten skrupulös –, gleich Frau und Kinder verlässt. Das Team komplettiert eine quirlige Marketingfrau mit Instagram- und Youtube-Konzept, Nadine Schwarz (Luise Wolfram); der diskret beobachtende Karim Seidel (Cem-Ali Gültekin), der lieber zusieht, wie die anderen sich verkämpfen, und Heiko Ottenbruch (Oliver Fleischer), ein emotional angeschlagener Typ. Für den Vorstandschef ist das eine Win-win-Situation: tolles Produkt, Gelegenheit, mit Frauenförderung zu punkten – oder bei Misserfolg die gläserne Decke einzuziehen, den Mediziner auf die Spur zu setzen und den körperlich schwammigen Low-Performer („Sind Sie schon einmal einen Marathon gelaufen?“) anzutreiben.

          Hochwirksam mit drastischen Nebenwirkungen

          Als „Work-Place-Drama“ funktioniert „Was wir wussten“ auf ganzer Linie. Die Regisseurin Isabel Prahl setzt die Räume mit viel Glas und Stahl als Dauermeeting-Arbeitswaben in Szene (Kamera Tobias von dem Borne). Außen dominiert scheintransparente Machtarchitektur (die Aufnahmen zeigen die Verwaltungszentrale der Norddeutschen Landesbank in Hannover).

          Keiner der Protagonisten wird einen heroischen Kampf gegen seinen Arbeitgeber aufnehmen. Kampwirths Figur zögert, weil seine Töchter zur Zielgruppe zählen. Vorübergehend hat er Bedenken, aber die Zeit ist ein wirksames Schmiermittel. „Was wir wussten“ ist auch ein Film über Opportunismus in der Arbeitswelt. Niemand ist in dieser Systemaufstellung vorsätzlich Betrüger oder Verbrecher, aber alle trimmen sich „auf Linie“ – oder sind draußen.

          Die – fiktive – Pille „Bellacara“, das macht diesen Film zusätzlich aktuell, richtet sich, wie die realen Präparate, an Lifestyleprodukte-Verbraucherinnen im Alter von elf Jahren an. Die Vermarktungskampagne setzt auf Influencerinnen: die „Internet-Zwillinge“ Maja und Mimi (Lena und Lisa Mantler) mit ihren Millionen Followerinnen.

          Bei inszenierten „Beautyparty“-Videos sprechen sie mit gecasteten Freundinnen über Gewichts- und Hautprobleme, Styling, erstes Verknalltsein und empfehlen ihren „voll süßen“ Fans ein hochwirksames Hormonpräparat mit drastischen Nebenwirkungen als „Schönheitspille mit dem Schlank-Effekt“. Verhütung ist Nebensache. In der Hauptsache zählen die Cash-cow-Qualitäten. „Absolut superprime“, oder, wie Maja an einer Stelle drastisch sagt, „reine Verarsche“. So funktioniert Werbung heute. Direkt in den Kinderzimmern. „Was wir wussten“ legt auch diese Mechanismen frei.

          Was wir wussten – Risiko Pille, 20.15 Uhr, ARD

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