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TV-Serie „Sharp Objects“ : Und willst du nicht meine Schwester sein

Außenseiterin, Insiderin: Die Reporterin Camille (Amy Adams) recherchiert in ihrem Heimatort Wind Gap. Bild: HBO/Sky

Schwarzer Feminismus: Die Serie „Sharp Objects“ handelt von Frauen, die anderen Frauen gefährlich werden und sich selbst Wunden zufügen.

          Westlich von St. Louis beginnt Amerika zu verrotten. Mit jedem Kilometer, den Camille mit ihrem maroden Volvo ins ländliche Missouri vordringt, mit jedem Schluck Wodka, den die von Amy Adams gespielte Reporterin aus ihrer Evian-Flasche nimmt, taucht sie tiefer ein in eine Welt des spätsommerschwülen Verfalls. Camilles Gesicht glänzt vor Schweiß. Jenseits des Ortsschilds streift ihr Blick vermodernde Reklamebilder, die Erinnerungen an bonbonfarbene Konsumverheißungen früherer Zeiten wecken. Unbehaust wirkende Gestalten drücken sich im Schatten der Straßen herum, während der Provinz-Cop stoisch seine Runden dreht und Dorf-Lolitas in Hotpants Rollschuh-Kapriolen schlagen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Willkommen zuhause: Camille ist in ihrem Heimatort, in Wind Gap, einem Südstaaten-Kaff irgendwo auf halbem Weg nach Kansas City, wo Schwarze nur als Hausangestellte auftreten. Ihr Boss und Mentor bei der Zeitung hat sie zurückgeschickt in die Stadt, aus der sie einst entkommen ist, wohl weil er glaubt, dass die nicht mehr junge Frau kaputt genug ist, um aus dieser kaputten Gemeinde, ihrer Gemeinde, zu berichten – und weil der väterliche Freund ihr helfen will, sich ihren Dämonen zu stellen und die Autorin zu werden, die sie sein könnte. Das Tiefgehendste, das sie bisher geschrieben hat – so werden wir Stück für Stück sehen –, sind die Worte, die sie vom Hals abwärts in ihren eigenen Körper geritzt hat, wann immer der Schmerz zu groß wurde. „Sharp Objects“ heißt die achtteilige Serie nicht ohne Grund. Rückblenden offenbaren, dass Camille als Jugendliche ihre etwa gleichaltrige Schwester verlor. Jetzt ist die Reporterin wieder mit toten Mädchen konfrontiert. In Wind Gap wurde eines ermordet aufgefunden. Ein zweites ist spurlos verschwunden.

          In ein paar Jahren wird man vielleicht auf die Geschichte des global expandierenden Serien-Fernsehens unserer Tage zurückblicken und besser verstehen, woher das kommt, diese virulente Faszination von Autoren und Produzenten für verlorengehende Kinder und tote Teenagerinnen. Wird da eine Paranoia beschworen, die aus der Illusion totaler Sicherheit und Kontrolle in Zeiten der Smartphone-Ortung geboren wurde? Sind Kinder und Jugendliche in alternden Gesellschaften rar genug, um Symbole unserer aller Verwundbarkeit, Sehnsüchte und Irrationalität abzugeben?

          Dorf-Lolita: Eliza Scanlen spielt die jüngste Tochter Amma.

          Wie auch immer, das fiktionale Fernsehen ist zu einem gefährlichen Ort für Minderjährige geworden. In „Stranger Things“ und „Dark“ bei Netflix werden Kinder förmlich vom Erdboden verschluckt; die BBC-Serie „The Missing“ dreht sich um einen verschwundenen Achtjährigen; die ARD lässt in „Das Verschwinden“ eine Frau nach ihrer Tochter suchen; in „Broadchurch“ ist ein ganzer Ort verdächtig, einen elf Jahre alten Jungen ermordet zu haben – die Reihe ließe sich fortsetzen. Verwandte Plots ergeben sich in hiesigen und ausländischen Produktionen aus der Konstellation, dass Jugendliche sich in den „Dschihad“ nach Syrien absetzen, Und in der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ steht der Suizid einer Schülerin im Zentrum – was auch an die von Sofia Coppola fürs Kino verfilmten „Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides denken lässt. Im Fernsehen fing wohl alles mit Laura Palmer in „Twin Peaks“ an. Tatsächlich klingen in „Sharp Objects“ Echos von David Lynchs 1990 begonnener und 2017 zu Ende geführter Krimi-Mystery-Serie an: ein Kriminalfall in einer Kleinstadt, die Suche nach einem jungen weiblichen Opfer, geheimnisvolle Räume, unheimliche Wälder, Ermittler von außerhalb.

          Und doch ist alles anders. Mystisches interessiert den somnambulen Psychothriller „Sharp Objects“ nicht, und statt ein mutmaßliches Verbrechensopfer zu fetischisieren, richtet die Verfilmung des gleichnamigen Debütromans der „Gone Girl“-Autorin Gillian Flynn – kurz eingeblendete Schockbilder aus der Gerichtsmedizin – ihre Aufmerksamkeit auf die Hauptfigur. Camille ist das wahre Enigma der Serie, mit der Regisseur Jean-Marc Vallée zum zweiten Mal nach „Big Little Lies“ für den Abokanal HBO einen fiktiven Kriminalfall aus konsequent weiblicher Perspektive inszeniert. Das bedeutet: Mit Amy Adams steht und fällt jede Szene. Und man muss sagen: Sie steht und steht und steht und demonstriert immer aufs Neue, wie das geht, einen Charakter zu verkörpern, mit all seinen auch physischen Makeln und in seiner Schönheit, ohne ihn zu erklären.

          Zwei Mitspielerinnen auf Augenhöhe helfen ihr dabei: Patricia Clarkson in der Rolle von Camilles Mutter Adora gibt die eiskalte Hexe und Mater Dolorosa in diesem finsteren Märchen; die neunzehnjährige Eliza Scanlen – definitiv die größte Entdeckung von „Sharp Objects“ – ist die jüngere Schwester. Die Dreizehnjährige Amma hat den Gegensatz, den das ältere Schwesternpaar darstellte – tomboy Camille und die puppenhafte Marian – internalisiert. In der elterlichen Vom-Winde-verweht-Villa, die es noch einmal als Puppenhaus gibt, spielt sie die Liebliche mit Schleifchen im Haar, die sich von Mama umsorgen lässt. Draußen gehört sie zu den erbarmungslosen Rollschuhgören, die im Internet den Sonderling am Ort, einen stillen jungen Mann, als Mörder diffamieren. Ein charismatischer Detective (Chris Messina) aus Kansas City, der sich zu der Reporterin hingezogen fühlt, und die verwelkte Schönheit Jackie (Elizabeth Perkins) vervollständigen das Bild.

          Oder eher eines der Bilder. Denn „Sharp Objects“ ist zerschnitten von sich immer wieder ins Geschehen einblendenden Flashbacks, aus denen sich Camilles Geschichte zusammensetzt. Wären da nicht ein Obama-Poster und ein paar Smartphones, sie wäre völlig zeitlos: Eine Geschichte von pervertierter Mütterlichkeit, toleriertem und in Historienspielen gefeiertem Missbrauch, scheiternder Frauensolidarität und unter alten Wunden schwärenden Geheimnissen, die zutage treten müssen, soll das Morden enden.

          Der Plot ist voller Klischees – der Stift als Waffe, der Körper als Medium sind noch die raffiniertesten –, und entwickelt sich so langsam, als solle das wattige Gefühl im Kopf nach dem x-ten Wodka evoziert werden. Es braucht drei Stunden, bis sich die Details zu einem Gewebe fügen, an dessen atmosphärischer Dichte die Bildgestaltung von Yves Bélanger entscheidenden Anteil hat. Wann immer jemand Musik einschaltet – wichtigstes Realitätsfluchtmittel der Serie – ertönt überdies ein Titel aus dem großen amerikanischen Songbook von Sinatra bis Led Zeppelin. Für den Suspense aber sorgen Worte. Eines ihrer Mädchen sei gefährlich, eines in Gefahr, sagt der Dorfpolizist zu Adora. Falsch. Für jede Frau in „Sharp Objects“ gilt beides.

          Sharp Objects läuft auf Sky Ticket und wird vom 30. August an auf Sky Atlantic ausgestrahlt.

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