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Gastbeitrag von Julia Klöckner : Neue digitale Wege für ARD und ZDF

  • -Aktualisiert am

Julia Klöckner ist CDU-Landes- und -Fraktionsvorsitzende in Rheinland-Pfalz Bild: dpa

Brauchen ARD und ZDF, um junge Zuseher zu erreichen, einen Jugendkanal? Nicht unbedingt, es könnte auch anders gehen. Mit mehr Einsatz im Internet vor allem.

          5 Min.

          Welchem Auftrag soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk künftig gerecht werden? Die Länder und die Rundfunkanstalten diskutieren heftig darüber. Es geht um Zuständigkeiten, Machbarkeiten, Einfluss und Wettbewerb - und die Rechtfertigung von Gebührengeldern. Erklärtes Ziel aller: den Auftrag präzisieren, die Akzeptanz beim Zuschauer steigern. Und das vor dem Hintergrund der Kostenbremse. Deshalb wird schnell klar: Viel ist nicht immer gut, schon gar nicht sparsam. Deshalb rücken die zahlreichen Digitalkanäle von ARD und ZDF ins Visier. Weniger müssen es werden, das ist klar.

          Doch welche legt man unter welcher Führung zusammen? Die Fragen sind vielfältig: Kann ein öffentlich-rechtlicher Jugendkanal die Attraktivität bei Jugendlichen steigern und den gefürchteten „Generationenabriss“ verhindern? Wird ZDFneo ein zweites junges Vollprogramm? Ist es sinnvoll, „tagesschau24“ mit Phoenix zu fusionieren? Noch werden die kontroversen Positionen zwischen den Beteiligten ausgelotet. Bis Herbst sollen ARD und ZDF den Ländern ein gemeinsames Konzept vorlegen. Diese wollen dann darüber diskutieren und entscheiden. Die Zeit drängt.

          Internet setzt ARD und ZDF unter Druck

          Bevor aber ein falscher Eindruck entsteht: Ich bin ein Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. ARD, ZDF oder das Deutschlandradio haben eine große Bedeutung für unsere Gesellschaft. Sie fördern die individuelle und öffentliche Meinungsbildung und leisten einen zentralen Beitrag zur Erfüllung der demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse unserer Gesellschaft.

          Sich ausdrücklich zur verfassungsrechtlichen Bestands- und Entwicklungsgarantie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu bekennen ist nicht selbstverständlich, aber wichtig. Denn die Zeiten haben sich massiv verändert. ARD und ZDF besetzen schon lange nicht mehr allein die Zahlen der Fernbedienung. Durch eine neue Generation von Fernsehgeräten, die Internet und Fernsehen mit einem Gerät ermöglichen (Connected-TV), wird das audiovisuelle Angebot vielfältiger, werden Konkurrenz und der Druck noch größer.

          Aus meiner Sicht braucht der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland eine klare Akzentuierung und Zuordnung. Der ehemalige ZDF-Intendant Markus Schächter hat das Bild vom Leuchtturm in Anspruch genommen. Es bedarf publizistischer Alleinstellungsmerkmale, um in einer konvergenten Medienwelt erkennbar zu bleiben: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten müssen für die Menschen ein objektiver, verlässlicher, glaubwürdiger und informativer Partner im großen Meer der Informationen sein. Sie müssen strahlen, hervorstechen. Sie müssen gesellschaftlichen Mehrwert bieten und einen Markenkern herausarbeiten. Und das ohne steigende Gebührengelder! Eine Profilschärfung und die Besinnung auf den Auftrag sowie die Kernkompetenzen auf allen Verbreitungswegen sind unabdingbar.

          ARD und ZDF sollten sich als Partner wahrnehmen

          Die Hauptprogramme von ARD und ZDF müssen als zentrales Integrationselement erhalten bleiben. Das geht nur mit echten Vollprogrammen. In der Hauptsendezeit müssen Information, Kultur, Bildung und Unterhaltung daher in einem ausgeglichenen Verhältnis stehen. Sparten- und Digitalkanäle sowie Dritte Programme sollten die Hauptprogramme im Idealfall sinnvoll ergänzen.

          Die Besinnung auf den Auftrag führt für mich daher zwangsläufig auch zu einer Diskussion über die Anzahl der Digitalkanäle und die Zuordnung der Spartenkanäle. ARD und ZDF sollten sich mehr als Partner wahrnehmen. Die Sender müssen inhaltliche Schwerpunkte setzen, vor allem im Bereich ihrer Kernkompetenzen. Nicht ein Nebeneinander macht die Qualität besser, sondern die Konzentrierung.

          Erste „Baustelle“: Sollte aus ZDFkultur und EinsPlus tatsächlich ein öffentlich-rechtlicher Jugendkanal nach dem Vorbild des „Kika“ entstehen, erscheint hier eine Zusammenarbeit von ARD und ZDF sinnvoll. Zwar scheinen die Diskussionen darüber schon sehr weit vorangeschritten. Gleichwohl will ich zumindest eine zweite Option vorschlagen. Ziel muss es sein, zielgruppengerecht und internetaffin auf die medialen Bedürfnisse von jungen Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren einzugehen. Anstelle eines eigenen Senders für Jugendliche könnte daher auch eine abendliche „Jugendkanal“-Schiene ab 20 Uhr im „Kika“ integriert werden.

          Das ist weniger teuer als ein eigener Kanal, zum anderen könnte auf bestehende Strukturen aufgebaut werden. Außerdem sollten die Möglichkeiten des Netzes ausgeschöpft werden: Ein Internet-Portal mit den jugendaffinen Inhalten aus Radio und Fernsehen der öffentlich-rechtlichen Sender könnte „JuKa“ sinnvoll ergänzen - wie bereits von den Sendern angedacht. Daneben gilt es gerade bei dieser Zielgruppe die Möglichkeiten von Social-Media auszuschöpfen. Insgesamt bliebe jedoch genügend Spielraum, um ein zielgruppengerechtes Fernsehprogramm ab 20 Uhr und ein modernes Internet-Portal zu konzipieren, ohne die anscheinend beträchtlichen Investitionen in eigene Strukturen und einen neuen Sender - dessen tatsächliche Akzeptanz beim jugendlichen Publikum zudem ungewiss ist.

          Zweite „Baustelle“: Eine Akzeptanzsteigerung bei der jugendlichen Zielgruppe könnte zudem durch eine Auftragsevaluation mit Blick auf das Angebot im Internet erreicht werden. Derzeit ist das öffentlich-rechtliche Angebot im Internet beschränkt. Teilweise können Inhalte nur bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung im Fernsehen im Internet noch einmal abgerufen werden. Gerade bei jüngeren Menschen stößt diese Regelung auf Unverständnis: Schließlich habe man für das Programm bereits gezahlt. Es sollte daher überprüft werden, ob diese Regelung noch zeitgemäß ist. Ziel könnte es beispielsweise sein, alle Eigenproduktionen der Sender im Netz zugänglich zu machen.

          Regionale Programme müssen ausgebaut werden

          Dritte „Baustelle“: Braucht das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem zwei digitale Informationskanäle? Das ZDF könnte neben ZDFkultur auch auf ZDFinfo verzichten und diese Informationskompetenz stattdessen in ZDFneo integrieren. Aus dem Familienkanal ZDFneo würde mit altersgerechten Nachrichten ein zweites ZDF-Vollprogramm für eine jüngere Zielgruppe. Um die Programmfamilie ZDF thematisch sinnvoll zu ergänzen, könnte Phoenix dem ZDF zugeordnet werden. Das ZDF hätte dann mit den Themenschwerpunkten Ereignis und Dokumentation eine gute Möglichkeit, seine Kernkompetenzen rund um das Thema Nachrichten weiter auszubauen und zu vertiefen.

          Vierte „Baustelle“: Die ARD sollte neue Wege im Internet gehen und „tagesschau24“ ins Netz ziehen inklusive einer entsprechenden App und diese rundum aufbauen zu einem Internet-Nachrichtenkanal. Öffentlich-rechtliche Fernsehaktivitäten im Internet sollten generell verstärkt Synergieeffekte nutzen dürfen. Nicht jeder Sender muss bei null starten, wenn er eine eigene Applikation für Smartphones konzipiert. Gerade bei den meist kostenintensiven technischen Entwicklungen sollten Öffentlich-Rechtliche enger zusammenarbeiten und keine Kooperationshemmnisse haben.

          Fünfte „Baustelle“: In den Dritten Programmen der ARD sollte noch stärker der länderspezifische Auftrag in den Fokus rücken nach dem Motto „Radikal Regional“. Ihre Rechtfertigung ist die Abbildung der föderalen und regionalen Eigenschaften Deutschlands - diese Kernkompetenz ist ein wichtiger Auftrag der ARD.

          Arte und 3sat sollen erhalten bleiben

          Sechste „Baustelle“: Die Gemeinschaftskanäle mit dem Schwerpunkt Kultur - Arte und 3sat - sollten zunächst erhalten bleiben. Oder wir wagen gleich den nächsten Schritt: den Ausbau beider Sender zu einem europäischen Kultursender, mit weiteren europäischen Ländern in einem Boot. Wie die Zuordnung der Sender innerhalb der ARD erfolgt, ist dabei zweitrangig, solange eine gerechte Aufgabenteilung im föderalen System erfolgt.

          Alle etwaigen Entscheidungen der Länder sollten spätestens nach drei Jahren auf ihren Erfolg hin überprüft werden. Unsere mediale Gesellschaft befindet sich im Fluss; nicht zuletzt die Digitalisierung forciert diese Entwicklung massiv. Es darf daher nicht um eine reine Besitzstandswahrung der Sender, es muss vielmehr um die Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems gehen.

          Die Verantwortlichen werden im Herbst um kluge Entscheidungen zur Schließung dieser Baustellen ringen. Wichtig ist: Stillstand bei den Öffentlich-Rechtlichen würde deren Abschaffung bedeuten. Das sollten wir alle gemeinsam verhindern.

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