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Gamingkultur im Archiv : Das Computerspiel ist mehr als Literatur

  • -Aktualisiert am

Videospiele wie „Life is Strange“ sollen nicht vorrangig unterhalten, sondern die Empathie ihrer Spieler wecken. Bild: Dontnod Entertainment

Das Literaturarchiv Marbach will nun auch Computerspiele sammeln, weil das angeblich nicht geschieht. Doch in Berlin gibt es längst eine große, kuratierte Sammlung. Ein Einspruch.

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          Seit kurzem ist das Marbacher Literaturarchiv in der Games-Branche Gesprächsstoff. Den Grund liefert die neue Direktorin Sandra Richter, die erklärt hat, künftig auch Computerspiele zu sammeln. Computerspiele als Literatur zu verstehen lässt die einen stutzen und andere vom Unterrichtsfach „Computerspiellehre“ träumen. Computerspiele sind endlich angekommen. Das ist doch was! Oder etwa nicht?

          Aber sind Computerspiele Literatur? Computerspiele bieten Literaturerfahrungen. So finden sich in Spielwelten ganze Bibliotheken („The Elder Scrolls“), Buchseiten unterfüttern die Handlungen der Spielenden mit Bedeutung („Braid“), Tagebücher bieten Raum für Introspektion („Life is Strange“). Auch problematisieren Computerspiele die narrativen Elemente des Mediums („The Stanley Parable“), da allzu forciertes Erzählen oft einengend wirkt und Erzählung und freie Spielwelterfahrung einander in die Quere kommen.

          Computerspiele können aber auch als Literatur betrachtet werden. Schon 1997 kategorisierte der Medienwissenschaftler Espen Aarseth Computerspiele als sogenannte „ergodische“ Literatur (griechisch: ergon – Arbeit, hodos – Weg). Im Gegensatz zu linearen Erzählformen wird hier ein nichttrivialer Aufwand zum Durchschreiten des Werkes nötig. So etwa in Büchern, in denen man sein eigenes Abenteuer entwickeln kann, Hyperfiction oder Text- und Grafik-Adventures. Im Erscheinungsjahr der wegweisenden Arbeit Aarseths öffnete das Computerspielemuseum seine Pforten, damals in der Rungestraße in Berlin-Mitte. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon eine Sammlung, die das Fundament des Museums bildete und bis heute, am neuen Standort auf der Karl-Marx-Allee, geblieben ist.

          Mehr als 25000 Software-Titel im Archiv

          Sandra Richter sagte dieser Zeitung (F.A.Z. vom 5. März), das Computerspielemuseum sei vorrangig ein Ausstellungsort. Woher dieser Irrtum rührt, kann ich mir nicht erklären, aber ich möchte ihn korrigieren. Unter den Ausstellungsräumen des Computerspielemuseums liegt das Archiv, in dem sich neben Hardware, Literatur und Medienkunstobjekten mehr als 25000 Software-Titel befinden. Das Archiv blickt auf eine mehr als zwanzigjährige Sammlungstätigkeit zurück. Internationale Forscherinnen und Forscher erhielten immer wieder exklusiven Zugang zu unserem Bestand.

          Überdies wird seit einiger Zeit über eine neue Großsammlung verhandelt. Unter dem Namen „Internationale Computerspielesammlung“ wird der Bestand des Computerspielemuseums mit weiteren Software-Sammlungen – darunter die des Digarec Potsdam und der Prüfstelle „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ (USK) vereint. Die erste Phase des Projekts, die digitale Zusammenführung unserer Bestände in einer gemeinsamen Datenbank, ist nahezu abgeschlossen. Für die zweite Phase, die physische Zusammenlegung der Sammlungen, hoffen wir auf weitere Unterstützung der Politik. „Physisch“ ist ein entscheidendes Stichwort. Die Sammlungstätigkeit des Computerspielemuseums ist durchweg physischer Natur. Unsere Sammlungsobjekte sind Datenträger, Handbücher, Umverpackungen und Hardware. Im Sinne der paratextuellen Bedeutungsebene sind auch Werkbeigaben sowie Ein- und Ausgabemedien bedeutungstragende Elemente.

          Probleme hinsichtlich der Wahrnehmung von Computerspielen

          Narrative Computerspiele in die ätherische Sphäre des Marbacher Literaturarchivs aufzunehmen ist eine scheinbar tolle Idee. Als Spielart der Literatur haben die Spiele ihre Berechtigung, Eingang in das Archiv zu finden. Seien es Literaturadaptionen, Text-Adventure oder andere Schnittpunkte. Dennoch sehe ich hier Probleme hinsichtlich der Wahrnehmung von Computerspielen. Es scheint mir hier eine allzu deutliche Dichotomie zwischen wertvollen – weil literaturnahen – Computerspielen und all den anderen Spielarten des Mediums zu entstehen.

          Vor allem frage ich mich, ob das Computerspiel von der Subsumierung in die Literatur überhaupt profitiert. Blicke ich auf den derzeitigen Diskurs, so denke ich nicht. Nachdem die cineastischen Qualitäten des Computerspiels gepriesen wurden, hat es sich nun wie ein gegen den Strom schwimmender Fisch zur Quelle gearbeitet und ist im Literaturarchiv gelandet. Dabei bleibt ein riesiger Teil im Ozean, über den nicht weiter diskutiert wird. Das Computerspiel ist so viel mehr als narrativ.

          Erweckt das Aufhebens um das neue Sammlungsziel des Literaturarchivs nur bei mir den Eindruck, dass das Bild, was Computerspiele sind, völlig verwischt und Narration stets als Prämisse eines wertvollen Spiels gedacht wird? „Das ‚Storytelling‘ rückt Computerspiele in ein anderes Licht, weg vom klassischen Ego-Shooter, von sportiven und kompetitiven Games. Weg aus dem Dunstkreis besorgter Eltern, die um das Wohl und die Gesundheit ihres Nachwuchses besorgt sind“, hieß es bei „Zeit online“ in einem Artikel zum Marbacher Literaturarchiv. Der Filter des Storytellings verzerrt das öffentliche Bild dessen, was Computerspiele sind und welche Computerspiele akzeptabel scheinen. Nicht zufällig wird hier das des Literaturarchivs würdige Game dem First-Person-Shooter gegenübergestellt. Und das, obwohl auch Ästhetiken des Shooters mittlerweile Eingang in die Literatur gefunden haben.

          Und wenn noch immer Eltern um die Gesundheit von Kindern bangen müssen, die Computerspiele spielen, dann ist das ein fundamentales Problem, das kein Literaturarchiv der Welt beheben kann. Ich will nicht falsch verstanden werden: Der Einzug der Computerspiele in das Literaturarchiv ist ein Erfolg. Aber eben nur für eine Teilmenge des Mediums. Was ich mir als Literaturwissenschaftlerin, Kuratorin des Computerspielemuseums und leidenschaftliche Spielerin nichtnarrativer Spiele wünsche, ist aber etwas anderes: Das Computerspiel hat ein eigenes Archiv verdient, in dem es in seinem ganzen Facettenreichtum erstrahlen kann. Ein Archiv wie das, auf dem das Computerspielemuseum fußt. Und ein Archiv wie jenes, zu dem die Internationale Computerspielesammlung werden kann und soll.

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