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Gamescom in Köln : Auf großer Fahrt durchs Konsolenidyll

  • -Aktualisiert am

Das Wollknäuel aus dem Game „Unravel“ ist auch etwas für Ballerspiel-Fans. Bild: Coldwood

Die Gamescom zeigt, wie weit es die Videospielbranche gebracht hat. Mörderspiele, die Romane des 19. Jahrhunderts fortschreiben, und ein tanzendes Wollknäuel bei der Erinnerungsarbeit – das rührt selbst abgebrühte Zocker.

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          Das musste wahrscheinlich mal raus: Der Einpeitscher, der von der gefechtsrot abgedunkelten, von zuckenden Stroboskop-Blitzen beleuchteten Bühne des weißrussischen Entwicklers „Wargaming“ Werbegeschenke ins Publikum wirft, wird von den Fans wie der uneingeschränkte Herrscher über die „World of Tanks“, die Welt der Panzer, begrüßt. Und je lauter er gegen die wummernde Heavy-Metal-Musik anbrüllt und Panzernamen abfragt, desto stürmischer brüllt die Masse zurück – jeder zerlegte Panzer auf der Leinwand wird mit Jubel quittiert, jede Antwort bejubelt, und durch den Trubel schlendern Hostessen in schnittiger Uniform.

          Wie langweilig geht es hingegen bei der Bundeswehr zu, die auf der Computerspielmesse Gamescom in Köln einen gepanzerten Truppentransporter zeigt, weil sie bei den Besuchern die IT-Kompetenz für den Drohnen- und Hackerkrieg von morgen vermutet. Auch bei den Diskussionsveranstaltungen, auf denen im stillen, durch eine Bezahlschranke vom lärmenden Volk abgeriegelten Bereich der Messe über Themen wie Jugendschutz, Medienpädagogik oder Ethik nachgedacht wird (Wortmeldung aus dem Publikum: „Bei ,Mensch ärgere dich nicht‘ musste ich bislang weder foltern noch töten“), war der Adrenalinausstoß eher niedrig.

          Die Kreativität der Ideenschmieden

          Da konnte man bestenfalls erleben, wie Versuche von ARD und ZDF, interaktive Narrationsformen auszuprobieren, von den geladenen Kultur- und Medienwissenschaftlern mit einem milden Lächeln bedacht wurden. Einerseits findet zu wenig statt, und wenn es stattfindet, ist es oft peinlich. Andererseits steht die Frage im Raum, inwiefern es die öffentlich-rechtlichen Sender, die ambitioniert an Projekte wie etwa „Dina Foxx“ – einen Fernsehkrimi, in dem die Zuschauer den Fall in einem dreiwöchigen Computerspiel lösen konnten – herangehen, überhaupt mit der Computerspielindustrie aufnehmen können oder sollen.

          Draußen ist es doch am schönsten: Im Videogame „Unravel“ geht ein Wollknäuel auf Abenteuerreise. Das ist sogar etwas für Ballerspiel-Fans. Bilderstrecke

          Im Doku-Bereich hat Arte mit seinem Dokumentarspiel „Fort McMoney“, das sich um den Widerspruch von Wohlstand und Zerstörung dreht, gerade gezeigt, wie mit Sinn und Verstand um Games erweitertes Fernsehen aussehen kann. Die Aussichten in dieser Nische dürften besser sein als im Unterhaltungsgeschäft, wo millionenschwere Studios wie Ubisoft stilprägend sind – und die Kreativität der Ideenschmieden nicht von Bedenkenträgern aus dem öffentlich-rechtlichen Apparat ausgebremst wird.

          Detailverliebt und atmosphärisch dicht

          Um das von der Computerspielbranche längst erreichte ästhetische und erzählerische Niveau in den Blick zu bekommen, muss man nur eine Ausstellung wie „Film und Games. Ein Wechselspiel“ besuchen, die bis Ende Januar im Frankfurter Filmmuseum zu sehen ist. Auf dem Titel des zugehörigen Katalogs ist ein alternder Assassine zu sehen: eine Verbeugung vor „Assassin’s Creed“, der Vorzeige-Saga des Herstellers Ubisoft.

          Ubisoft stellte dann auch auf der von Besuchern völlig überlaufenen Gamescom unter Beweis, warum seine Meuchelmörder-Spielreihe im Ruf steht, der historische Abenteuerroman des 21.Jahrhunderts zu sein. In „Assassin’s Creed: Syndicate“, das im Herbst auf den Markt kommt, dürfen die Spieler in das London des Jahres 1868 abtauchen. Und wieder scheint die Kulisse, wenn die auf der Messe vorgestellten Schnipsel nicht täuschen, mit Hilfe von Historikern und Geschichtsnerds so detailverliebt und atmosphärisch dicht ausgemalt worden zu sein, wie es bei den Vorgängern der Fall war.

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