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Gamescom : In der digitalen Kirche

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Erhebt euch? Bei bis zu fünf Stunden Wartezeit bekommen auch die härtesten Spieler weiche Knie. Und nehmen auf der Gamescom computertypische Haltung an Bild: Getty Images

Die Kölner Gamescom ist ein Erlebnis der dritten Art. Die Jugend betet sie an, die Branche wird immer selbstbewusster, und die Politik hat verstanden.

          Die Vorberichte zur diesjährigen Gamescom waren durchwachsen, bisweilen hämisch. Der Umsatz der Computerspielbranche geht zurück, weil der neue Trend, Online- und Browser-Spiele, weniger abwirft, als bei den aufwendigen Großproduktionen wegfällt; dann haben noch einige Schwergewichte wie Nintendo, Sega und Microsoft ihre Teilnahme abgesagt: Der Stern schien zu sinken. Doch wer sich dieser Tage in die Nähe der Kölner Messehallen begibt, der merkt, dass die Gamescom ganz anders funktioniert.

          Eine Messe ist es durchaus, aber im emphatischen Sinne. Für die Kräfte, die hier freigesetzt werden, hat allein die Theologie ein Raster parat. Dreigestuft ist die Hierarchie: Es gibt die Götter - anthropomorphe Geister wie eh und je -, die Religionsgelehrten sowie die Gläubigen, die in rauhen Mengen herrgottsfrüh den Tempelkomplex umringen. Kurz, es handelt sich um einen fröhlichen Polytheismus, eine Religion im vollen Saft. Nichts von Niedergang, nur weil irgendwo ein Umsatz bröckelt, im Gegenteil: Die Gemeinde wächst. Das alles muss man zugestehen, auch wenn es nicht die eigene Religion ist, ja, selbst wenn einem die Sims, die Warcraft-Monster und all die ununterscheidbaren Kampfsoldaten in ihren sinnlosen Wüstenmissionen fremder sind als die ulkigsten Götter im Hinduismus.

          Die Atmosphäre erinnert an ein Techno-Festival. In den abgedunkelten Hallen dröhnt es ohrenbetäubend, und alles ist ein einziges Rätsel: Warum zum Beispiel steht eine kreischende Menge vor der Roccat-Bühne und bejubelt frenetisch Halbsätze wie: „Die Roccat Gaming Mouse“? Alles hier ist offenbar Verkündigung, mehr noch: Epiphanie. Wer sieht, wie das größtenteils jugendliche oder jungerwachsene (übrigens entgegen der angeblichen Geschlechterparität doch ziemlich männliche) Publikum aufgeregt schnatternd durch die Gänge strömt oder fünf Stunden lang fromm ansteht, um im uneinsehbaren Sanctum Sanctorum die neuesten Fortsetzungen teuer produzierter Großspiele anspielen zu können, den weht eine seltsame Wehmut an: Was gäbe man darum, noch einmal jung und naiv zu sein, davon überzeugt, die Lebenszeit sei nahezu unbegrenzt.

          Immer noch mehr Umsatz als Hollywood

          Jede Generation hat das Recht, ihre Jugend zu verschwenden. Diese hier tut es in Tanzboxen („My Body Coach 3“), im piratenverseuchten Dschungel („Far Cry3“) oder in voller Kampfmontur zwischen umgeknickten Windrädern („Call of Duty: Black Ops 2“). Freilich, der ein oder andere Enddreißiger drückt auch auf den Controllern herum, aber eine Gesellschaft, in der niemand hängen bleibt, wäre wohl gar nicht erstrebenswert. Die Frage ist eher, ob eine digital sozialisierte Generation nicht allzu brav wird. Das Abreagieren ist schließlich kathartisch aufgehoben und zugleich radikalkonsumistisch kontaminiert. Es gibt sogar jede Menge Graffiti Games: Kann es gutgehen, das Aufruhrpotential von Jugendlichen vollständig abzugreifen?

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