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Gamescom : In der digitalen Kirche

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Um Fragen wie diese geht es beim Gamescom-Kongress traditionellerweise nicht, sondern immer nur um die beiden Generalthemen der beiden Veranstalter, Politik und Softwarebranche: Wird die Jugend ausreichend vor Gewalt und Sucht geschützt? Wird die Zukunftsbranche Unterhaltungssoftware ausreichend von der Politik gehätschelt? Dass in diesem Jahr die zweite Frage, die Branchenvertreterperspektive, klar im Vordergrund steht, hat nicht nur mit der eingangs erwähnten Eintrübung der Konjunktur auf hohem Niveau (immer noch mehr Umsatz als Hollywood) zu tun, sondern auch mit Ermüdung auf Seiten der Defensive.

So erkannte die unter anderem für Medien zuständige nordrhein-westfälische Ministerin Angelica Schwall-Düren, obgleich sie einen Großteil ihres Vortrags mit den ewig wolkigen Lieblingsvokabeln aller Medienpolitiker bestritt - „Medienkompetenz“ und „Jugendmedienschutz“ -, ganz wie Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei der Messeeröffnung an, dass Computerspiele das Leitmedium der jungen Generation darstellten. Sie versuchte auch eine moralisch einwandfreie Legitimation: „Games selber können auch positive Effekte auf unsere Alltagsgestaltung haben.“ Die Aussage sollte trotz ihrer abenteuerlichen Schlichtheit nicht unterschätzt werden, denn dahinter steht ein Sinneswandel der Politik, die nicht länger an ihrem Vom-Egoshooter-zum-Amokläufer-Märchen festhält.

Computerspiele als Kulturgüter

So bestand die erste Tagungssektion denn auch darin, sich gegenseitig zu versichern, dass Computerspiele - und zwar auch gewalttätige - Kulturgüter sind. Murad Erdemir (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, USK) zählte sie zur Kunst, Cheflobbyist Maximilian Schenk (Bundesverband interaktive Unterhaltungssoftware e.V., BIU) gar zur Hochkultur, was Peter Tauber (CDU) und Alexander Vogt (SPD) locker abnickten. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat wollte aus dem Kunststatus spitzfindig eine inhaltliche Verantwortung der Hersteller ableiten: Künstlerische Innovation müsse künftig im Vordergrund stehen statt des zwanzigsten Abklatschs eines erfolgreichen Spiels. Das führte natürlich auf keinen grünen Zweig, denn Abklatsche gibt es in allen Kulturbereichen.

Doch auch der Wirtschaft geht es nicht einfach um Anerkennung. Wo man nun einmal Kulturträger ist, will man an die Fördertöpfe. Neidisch gehen die Blicke in Richtung des subventionierten Films, der laut Schenk in Deutschland bis zu hundertmal mehr als die Gameswirtschaft gefördert werde. Die gesamte nächste Sektion war denn auch die übliche Klagerunde, in der die satt verdienende Industrie über Vernachlässigung jammerte. Wer Branchenvertreter allein nach ihren Wünschen fragt, darf sich nicht wundern, wenn es vermessen wird: Odile Limpach, die nach eigener Aussage mit ihrem Studio Blue Byte in Deutschland zwar ordentlich wächst, aber in China oder Singapur noch stärker wachsen könne, hätte hierzulande gern asiatische Rahmenbedingungen.

Und doch dürfte nicht ganz falsch sein, was zwei industrienah argumentierende Akademiker in die Diskussion einbrachten: Die Professoren Jörg Müller-Lietzkow (Paderborn) und Reto Wettach (Potsdam) regten an, zumindest ein Kompetenzzentrum für Gamedesign an einer öffentlichen deutschen Universität zu gründen, um in dieser Zukunftstechnologie den Anschluss nicht zu verlieren. Allein dieses Appells wegen hat sich der Kongress denn doch gelohnt.

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