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Doku zu Fortpflanzungstechnik : Ein Kredit für die Küche, einer fürs Baby

Wenige Stunden alte Babys in der Wochenstation des Leipziger Universitätsklinikums: Wie weit geht man für dieses Glück? Bild: dpa

Es gibt Samenbanken, Eizellenspenderinnen und Leihmütter – aber gibt es auch Grenzen? „Future Baby“ widmet sich der Ethik der Fortpflanzungstechnologie, lässt die Zuschauer aber ratlos zurück.

          3 Min.

          Eigentlich sollte es ja um ethische Fragen gehen. Darf man nicht ganz gesunde Embryos aussortieren? Darf man Geschlecht und Augenfarbe aussuchen? Wem gehören die eingefrorenen Spermien toter Spender? Bedeutet ein Kinderwunsch, dass man um jeden Preis ein Kind will? Große Fragen. Und dann ist die stärkste und zugleich traurigste Szene jene, in der ein amerikanisches Paar in einem mexikanischen Kreißsaal steht, wo die Leihmutter Esmeralda per Kaiserschnitt ihr Baby zur Welt bringt. Ganz alleine liegt sie da, völlig ignoriert, die ganze Zeit. Das Paar ist erst mit sich selbst beschäftigt und dann damit, das Baby ausgiebig zu fotografieren und sich vom Arzt filmen zu lassen. Erst spät richten sie überhaupt das Wort an Esmeralda, deren Bauch gerade zugenäht wird. Es fällt schwer, diesem Paar – das wahrscheinlich, hoffentlich, einfach nur vollkommen überfordert ist –, nicht Gebärmutterkolonialismus vorzuwerfen. Aber vor allem zeigt diese Szene: Selbst wenn manche der großen Fragen rechtlich und ethisch geklärt sind, bleibt ihre Umsetzung menschlich heikel.

          Julia Bähr

          Audience Managerin bei FAZ.NET.

          Fortpflanzungstechnologie ist ein weites Feld, das stetig größer wird. So viele können von der Entscheidung eines Paares für ein Kind betroffen sein: die Eltern selbst, die Eizellenspenderin, der Samenspender, die Leihmutter und natürlich das Kind selbst. Maria Arlamovsky lässt in ihrer Dokumentation „Future Baby“ viele Betroffene zu Wort kommen. Da spricht das Mädchen, das seinen genetischen Vater gerne kennenlernen möchte, aber die Samenbank schließt das aus. Es sprechen Frauen, die Eizellen spenden: Eine stellt sich gern vor, dass sie damit Paaren hilft, die andere redet sich lieber ein, dass da draußen keine fremden Kinder von ihr herumlaufen. Und ein kanadisch-deutsches Paar erklärt, sie wären zwar Ende vierzig, aber ihr Haus sei jetzt erst fertig: „Dann können wir einen Kredit aufnehmen in der gleichen Höhe wie für unsere Küche und ein Kind anschaffen.“ Per Eizellenspende in Alicante, weil die Gesetze in Spanien recht locker sind. „Fertilitätstourismus“ nennt ein Arzt aus Tel Aviv das: die Eizelle von einem neunzehnjährigen brasilianischen Model, das Sperma von der spanischen Samenbank, dann die mexikanische Leihmutter. „Früher wäre das Science-Fiction gewesen.“

          Gefahr mehrerer Fehlgeburten

          Auch Bioethiker und Soziologen kommen zu Wort, doch die interessantesten Beiträge liefern sie nicht. Schließlich ist die Diskussion nicht neu, die Bedenken sind es auch nicht – einen bisher unausgesprochenen ethischen Aspekt zu benennen gelingt keinem von ihnen. Dafür liefert eine spanische Expertin für Gendiagnostik einen überraschend plausiblen Grund, Embryos auf Krankheiten und Behinderungen zu checken und nur die gesunden einzusetzen, was bislang umstritten ist. Sie erklärt, dass dadurch die Gefahr gebannt wird, die Schwangerschaft später abbrechen zu müssen, weil das Baby nicht lebensfähig wäre – das gilt natürlich auch für Fehlgeburten aus dem gleichen Grund. Wenn man es also so betrachtet, dass den Paaren nicht ein Kind mit zum Beispiel Trisomie 21 „erspart“ wird, sondern stattdessen die Gefahr mehrerer Fehlgeburten und nötiger Schwangerschaftsabbrüche, und das bei Menschen, deren Kinderwunsch ohnehin schon etliche Rückschläge erlitten hat – kann man es dann noch verurteilen?

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          Solche wertvollen Erkenntnisgewinne muss man in der Dokumentation allerdings suchen. Maria Arlamovsky wirft jeweils nur Schlaglichter auf die Gesprächspartner; niemand wird über längere Zeit begleitet. Manchmal bricht sie an der spannendsten Stelle des Gesprächs ab, Schnitt, wir sind in Mexiko und zeigen erst mal den Mittelstreifen einer Straße, rechts und links Autos. Wer weiß, wie Autos aussehen, kann darauf getrost verzichten. Das Gleiche gilt für das Interview mit einer Bioethikerin, das in einem fahrenden Auto geführt wird. So spannend, dass es die Seekrankheit aufwiegen würde, ist es nicht. Der Hinweis eines Arztes, dass die medizinische Entwicklung mit dem für die Fortpflanzungstechnik hilfreichen Transfer von Cytoplasma und Mitochondrien noch nicht so weit sei, bleibt vollkommen unerklärt – dafür sehen wir graue Metalltonnen, in denen Sperma kühl gehalten wird. Und während alle anderen Beteiligten ausgiebig reden dürfen, kommt kein einziger Samenspender zu Wort. Warum eigentlich? Sind die Gefühle eines Samenspenders etwa weniger erwähnenswert als die einer Eizellenspenderin?

          Absolut entlarvend ist dann allerdings wieder, nach welchen Kriterien die potentiellen Eltern Genmaterial suchen. Ein Arzt erzählt, welche Wünsche er ablehnt. Und ein Mann auf der Suche nach einer Eizellenspenderin will nicht die Berkeley-Absolventin: Sie sei mit 57 Kilo „zu mollig“. Das Kind dieses Mannes zu werden ist sicher ein großes Glück. Die Medizin macht’s möglich.

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