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Fußball-Senderechte : Die Nagelprobe oder Die Pranke von Gibraltar

Gibt es hier eigentlich irgendjemanden, den dieses Spiel noch interessiert? Bild: Screenshot RTL

Ödes Qualifikationsgekicke für hundert Millionen Euro: Warum beim Fußball im Fernsehen RTL immer verliert und das öffentlich-rechtliche System immer gewinnt.

          3 Min.

          Das Investment macht sich für RTL nicht bezahlt. Da hat der Privatsender endlich die Senderechte am internationalen Fußball ergattert, die sonst immer ARD und ZDF haben, und schon spielt die deutsche Mannschaft auf Regionalliga-Niveau. Zumindest eine Halbzeit lang hatte es den Anschein, als käme der Weltmeister über einen äußerst knappen Sieg gegen Gibraltar nicht hinaus. Die deutschen Stürmer ließen den Ball im gegnerischen Strafraum lieber irgendwo liegen, als ihn ins Tor zu bugsieren. Bastian Schweinsteiger verschoss kläglich einen Elfmeter, dafür bekam Roman Weidenfeller im Tor reichlich zu tun. Eine derart peinliche Halbzeit hat man lange nicht gesehen. Und dann passte sich RTL dem Elend in Bild und Ton auch noch an: Das Bild blieb stehen, den Ton gab es doppelt, der Kommentator Marco Hagemann war sein eigenes Echo. Ob der Fußball, der hier „European Qualifiers“ heißt, nicht bei ARD und ZDF besser aufgehoben wäre?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wäre er selbstverständlich nicht, das lehrt uns jede Übertragung, bei der Steffen Simon für die ARD oder Béla Réthy für das ZDF am Mikro sitzen. Viel besser gespielt hat Joachim Löws Truppe am vergangenen Mittwoch beim von der ARD gezeigten Freundschaftsspiel gegen die Vereinigten Staaten auch nicht. Diese Vorstellung war nicht ganz so zum Nagelfeilen – womit sich der Bundestrainer die zweite Halbzeit gegen Gibraltar vertrieb – wie das Match in Faro, aber kaum besser.

          Individualtechnische Eins-gegen-Eins-Fähigkeiten

          Wäre ja auch noch schöner, wenn die Nationalmannschaft öffentlich-rechtlich ansprechend, privat übertragen aber zum Gähnen spielte. Man könnte ja sogar denken, dass die Fans ein Recht darauf haben, üppig alimentierte Spieler, die offenbar zu viel „Sand in den Schuhen“ (RTL) haben, sich ein wenig anstrengen zu sehen, wie es in der zweiten Halbzeit gegen Gibraltar ansatzweise geschah.

          Uns bleiben jedenfalls die fast schon rührenden Erklärungsversuche des RTL-Kommentators im Ohr: Die deutschen Spieler müssten den Halbprofis aus Gibraltar „individualtechnisch“ doch zumindest überlegen sein (waren sie aber nicht). Bellarabi habe „Eins-gegen-Eins-Fähigkeiten“ (nur leider nicht an diesem Tag). Und der Feuerwehrmann Pérez erweise sich im gegnerischen Kasten als „Pranke von Gibraltar“ (stimmt!).

          Ob die Fußballfans geahnt haben, wie müde das Programm ausfallen würde? 8,5 Millionen Zuschauer im Schnitt haben am Samstag eingeschaltet, was bei Spielen der Nationalmannschaft nicht sehr viel ist. Die erste Halbzeit durchlitten gerade einmal 7,6 Millionen Zuseher. Was sie sahen, hat RTL viel Geld gekostet: Hundert Millionen Euro hat die Sendergruppe für die Rechte an den Qualifikationsspielen für die EM 2016 und die WM 2018 bezahlt. Das macht pro Spiel rund fünf Millionen Euro, deren Gegenwert an einem solchen Abend sehr fraglich ist.

          Säckeweise Geld für die Fifa

          An die Senderechte ist die RTL-Gruppe auch nur gekommen, weil sie vor dem hohen Preis nicht zurückschreckte und die öffentlich-rechtlichen Sender aus taktischen Gründen beim Wettbieten ausnahmsweise einmal tiefer stapelten. Es macht sich nicht gut, andauernd über angeblich fehlende Mittel zu jammern und von Sparzwängen zu reden, wenn man das Geld dem organisierten Fußball dann säckeweise hinterherwirft. 432 Millionen Euro bezahlen ARD und ZDF für die nächsten beiden Fußball-Weltmeisterschaften, da kann man das Vorspiel, die Qualifikation, ruhig RTL überlassen. Den wirklich großen Scheck aus Deutschland bekommt der internationale Fußballverband Fifa nach wie vor vom aus dem Rundfunkbeitrag finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

          Das Spiel ums ganz große Rundfunk-Geld, bei dem es am Rande auch um die Ausgaben für den Sport gehen wird, findet übrigens in dieser Woche unter Beteiligung aller Bundesländer statt. Da wollen die Ministerpräsidenten entscheiden, was mit den 1,5 Milliarden Euro (manche Schätzungen liegen inzwischen sogar noch höher) Überschuss geschehen soll, die ARD, ZDF und Deutschlandradio im Laufe von vier Jahren mehr an Rundfunkbeitrag einkassieren. Ob die Politiker den Beitragszahlern das Geld zurückgeben?

          Das dürfte in etwa so wahrscheinlich sein wie ein zweistelliger Sieg Gibraltars gegen, sagen wir, Spanien. Wir würden eher darauf wetten, dass der Politik und ihren Sendern eine wunderbare Legende einfällt, das Geld zu behalten, damit man es im Zweifel für so schöne Dinge ausgeben kann wie – Fußballrechte. Und dann geht es, die Hucke voller Geld, ab in die wohlverdiente Sommerpause.

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