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Bodensee-„Tatort“-Folge „Rebecca“ : Er will nicht ihr neuer Meister sein

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Das Mädchen mit den Schwefelhölzern: Gro Swantje Kohlhof als Rebecca im gleichnamigen Bodensee-„Tatort“ Bild: SWR/Johannes Krieg

Seit ihrem zweiten Lebensjahr wurde das Mädchen gefangen gehalten. Jetzt ist ihr „Erzieher“ tot, und sie sucht einen neuen: Der Bodensee-„Tatort“ geht mit einem furiosen Psychodrama auf die Zielgerade.

          Wenn man die Welt nur durch grüne Brillengläser wahrnimmt, muss alles grün erscheinen, ohne dass man einen Begriff dafür hat: Die sogenannte Kant-Krise des Heinrich von Kleist, diese idealistische Rückbindung der Wahrheit an die Wahrnehmung, lässt sich erzählerisch immer neu fruchtbar machen, auf radikalste Weise wohl durch Kaspar-Hauser-Anordnungen. Eine solche wählt der erstaunlich starke, sich behutsam seinem delikaten Sujet nähernde „Tatort“ in der Regie des vielversprechenden jungen Regisseurs Umut Dag. Es ist die vorletzte Bodensee-Episode, bevor diese Dienststelle entgegen dem Trend dichtgemacht wird.

          Das Drehbuch von Marco Wiersch, einem ausgebildeten Psychologen, lehnt sich an das Martyrium von Natascha Kampusch an. So wie die Österreicherin mit achtzehn Jahren aus ihrem Gefängnis fliehen konnte, entkommt hier die Protagonistin Rebecca kurz vor der Volljährigkeit ihrem Entführer. Den Bewusstlosen setzt sie - so waren ihre Anweisungen - zu Beginn des Films in Brand, bringt es jedoch nicht fertig, sich selbst ebenfalls anzuzünden, ein erster Akt der Auflehnung. Gespielt wird Rebecca von der überragend agierenden Gro Swantje Kohlhof, bekannt vielleicht aus ihrem Auftritt in der Bremer „Tatort“-Folge „Wiederkehr“ im März 2015. Ihre Leistung trägt den Film in erster Linie und macht ihn sehenswert. Doch auch Sebastian Bezzel überzeugt. Sein sonst gern etwas praktikantenhaft wirkender Kai Perlmann darf diesmal groß aufspielen.

          Tauziehen um die Seele des Mädchens

          Natascha Kampusch war acht Jahre in der Hand ihres Peinigers, die fiktive Rebecca seit ihrem zweiten Lebensjahr. Sie konnte daher von diesem komplett programmiert werden. Der zurückgezogen lebende Architekt hatte das Mädchen nicht nur jahrelang missbraucht, sondern einer quasireligiösen Unterweisung ausgesetzt, sich selbst zum Halbgott stilisiert. Gro Swantje Kohlhof drückt die Verstörung der jungen Frau, die sich in eine neue Welt geworfen sieht, schon allein mit ihrem Blick aus, entzieht sich allen Annäherungen der Therapeuten wimmernd oder schreiend, ohne dass die Reaktion je unangemessen wirkte. Glaubhaft ist auch der Umschwung, als sie einen neuen Meister erblickt oder vielmehr erwählt, eben Kai Perlmann („Bist du mein neuer Erzieher?“), der als Mann eigentlich außen vor bleiben sollte. Doch ist sie nur ihm gegenüber kooperationsbereit, alle andere gelten ihr - das Unterwerfungssystem war nach außen abgedichtet - als Ungläubige. Nun liegt es an dem überforderten Polizisten, von Rebecca zu erfahren, ob die Hinweise auf ein zweites entführtes Mädchen der Wahrheit entsprechen.

          Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) macht dem widerwilligen Perlmann (Sebastian Bezzel) klar, wie er als ihr „Erzieher“ handeln muss, wenn sie unartig ist.

          Der Kommissar hadert mit seiner Rolle des Gebieters, die er umzubiegen versucht in die des Ratgebers, die des Freundes und schließlich die des Verbündeten. Er möchte Rebecca, die nur das Einfügen in den totalen Absolutismus kennt (ihre grüne Brille), dazu bekommen, selbst Entscheidungen zu treffen. Und doch beginnt er im Namen der Sache - das kleine Mädchen könnte in Lebensgefahr schweben -, seine Macht auszuüben. Er herrscht das Opfer im Befehlston an, was dieses sofort respektiert. Ob ihn da auch etwas Archaisches anspricht, bleibt unklar. Die ihn auf Schritt und Tritt überwachende professionelle Psychologin (Imogen Kogge) jedenfalls ist alarmiert, zumal Perlmann schwere Fehler begeht und alle Absprachen ignoriert. Er kassiert - endlich einmal glaubhaft - Verweise en masse und gar eine Ohrfeige von Kollegin Klara Blum (Eva Mattes).

          Opferschutz gegen Aufklärungsinteresse: Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) ist mit Klara Blum (Eva Mattes) nicht einer Meinung.

          In Szenen ohne Rebecca, in denen die Kommissare Löcher in die Luft starren oder Klara Blum die Genervte oder Erschütterte gibt, weiß man wieder, warum der Bodensee-„Tatort“ zu den drögeren der Reihe zählt und seinem Verschwinden kaum nachgetrauert werden wird. Das an Grundfragen der Pädagogik rührende Tauziehen um die Seele des Mädchens aber ist derart spannend, dass es für solche Momente entschädigt. Vielleicht die wichtigste Parallele zum Fall Kampusch besteht übrigens in dem Umstand, dass das Opfer trotz aller Kontrolle eine sehr starke Persönlichkeit ausgebildet hat, was ihr letztlich die Kraft gibt, dem Kopfgefängnis zu entkommen. Diese Entwicklung wird hier - auch das eine wohltuende Zurücknahme - nur leise angedeutet.

          15 Jahre lang musste Katja (Sandra Borgmann) glauben, ihre Tochter für immer verloren zu haben, und Rebecca (Gro Swantje Kohlhof), dass ihre Mutter sie vergessen hatte.

          Zweimal fällt im Film sozusagen vorauseilend der Satz „Ich vermiss dich, Perlmann“. Vielleicht wird in der Abschlussfolge „Wofür es sich zu leben lohnt“ dann die ausscheidende Figur Klara Blum öffentlich beweint. Die aktuelle Folge sticht bis hinein ins grausam-realistische Finale aus den Bodensee-Episoden jedenfalls heraus.

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