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Furcht vor Corona : Wenn auch nur ein Drehtag ausfällt

  • -Aktualisiert am

Verbandschef Björn Böhning: „Wir brauchen staatliche Unterstützung“ Bild: dpa

Die staatlichen Corona-Absicherungen für Film und Fernsehen sind ausgelaufen. Produzenten fürchten, sie brauchen sie gerade jetzt. Verbandschef Björn Böhning appelliert an die Bundesländer.

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          „Von nun an ging’s bergab“: Während die Branche auf dem Münchner Filmfest den Kontakt mit dem Publikum feiert, kriecht mit dem heutigen Tag die Angst vor Drehunterbrechungen an den vielen sommerlichen Fernseh-Sets in die Büros der Filmproduktionen. In den letzten Tagen und Wochen hatten einige Produktionen coronabedingte Stillstände und Ausfälle, einfach weil ein oder mehrere Darsteller oder Crewmitglieder positiv auf Corona getestet wurden.

          Auf „hohe fünfstellige, leicht auch sechsstellige Summen“ beziffert Björn Böhning, Vorsitzender der Produzentenallianz, im Gespräch mit dieser Zeitung die Kosten für einen abgesagten Drehtag, weil alle Gewerke bis hin zum Caterer dann einen Ausfall geltend machen. Bisher waren diese Ausfälle über den Ausfallfonds 1 für Kinofilme und High-End-Serien über den Bund abgesichert und die Fernsehproduktionen durch das Pendant der Länder, den Ausfallfonds 2. Doch nun endet die Absicherung der Fernsehproduktionen. „Wir sind erst einmal sehr glücklich, dass der Bund den Ausfallfonds 1 verlängert bis zum 31. März 2023“, sagt Böhning und ist trotzdem unglücklich. Einer der renommiertesten Produzenten, Michael Polle („Babylon Berlin“), warnt im Gespräch mit dieser Zeitung, dass es jetzt sehr viele, vor allem mittelständische Produktionsfirmen erwischen könnte, sollte der Ausfallfonds 2 nicht verlängert werden. „Das gefühlte Verschwinden von Corona erhöht die Ansteckungsgefahr enorm und zwingt die Produktionen immer häufiger zu Unterbrechungen. Das hat auf Dauer niemand im Kreuz“, sagte Polle, bevor er sich selbst mit Corona abmeldete. „Dass wir zunehmend Produktionsausfälle haben und parallel dazu keine Absicherung, ist ein unglaubliches Stück. Ich finde es verwerflich, dass die Versicherungen das Corona-Risiko nicht wie Grippe absichern. Das ist ihre originäre Aufgabe, die Versicherung zu tragen. Es wäre das Normalste der Welt, bei einem Corona-Ausfall einzutreten. Solange das aber nicht der Fall ist, brauchen wir staatliche Unterstützung – auch weil wir etwas Zeit benötigen, um intensiv mit den Versicherungskonzernen darüber zu sprechen.“

          Die Versicherungen zahlen nicht

          In einem von MDR-Intendantin Karola Wille und Björn Böhning Anfang Juni an Kulturstaatsministerin Claudia Roth adressierten Brief versichern sie, dass die Fonds nur eine „ultima ratio“ seien, aber: „Wie Sie wissen, gestaltet sich eine wirtschaftlich tragfähige Versicherungslösung trotz der verhältnismäßig geringen Schadensquote unverändert schwierig. Keine Versicherung ist derzeit bereit, Corona-Risiken abzusichern, wie dies zum Beispiel bei endemischen Krankheiten wie der Grippe bisher der Fall ist. Das liegt auch daran, dass die großen Rückversicherer diese Risiken derzeit nicht übernehmen.“

          Eine Anfrage dieser Zeitung beim größten Rückversicherer Munich Re (versichert auch die Allianz oder R&V) bestätigt die Einschätzung. „Die Deckungsentscheidung von Erstversicherern und Rückversicherern sind grundsätzlich unabhängig voneinander“, lässt Munich-Re-Sprecherin Irmgard Joas wissen. „Das Pandemierisiko ist, wie beispielsweise auch Krieg, aus der Sicht der Versicherer ein potenziell ruinöses Großrisiko. Für diese Kumulrisiken funktioniert das für Versicherung grundlegende Prinzip der Risikostreuung nicht, sie können deshalb nicht privatwirtschaftlich getragen werden. Auch in der Filmversicherung bietet Munich Re deshalb die Deckung des Pandemierisikos unverändert nicht an. Im vergangenen Jahr (Bilanzjahr 2021) hatte Munich Re allein durch den Ausfall von Veranstaltungen einen weltweiten Schaden von über 1,8 Milliarden Euro verzeichnet (darin sind auch Filmprojekte inkludiert).“

          Das klingt nicht versöhnlich. Umso dringender ist die Verlängerung des Ausfallfonds 2, welche Stand heute nur Berlin und Hamburg vornehmen. „Unsere eindringlichste Bitte richtet sich an die anderen Länder, den Ausfallfonds 2 auch zu verlängern, ganz besonders gilt das für die produktionsstarken Länder wie Bayern und NRW“, sagt Produzentenverbandschef Böhning. Insgesamt seien bislang sehr wenig Hilfen in Anspruch genommen worden „was zeigt, dass extrem aufgepasst wurde“. Sollte sich die Gemengelage nicht ändern und sollten lediglich die zwei Stadtstaaten den Ausfallfonds 2 verlängern, sagt Böhning eine neue Art von „Standortwettbewerb“ voraus: „In der Konsequenz heißt das, dass die Produktionen, nicht nur Filme, sondern auch TV-Shows, aus Ländern, die keine Absicherung mehr leisten, in Länder gehen werden, die das anbieten – allein um sichere Produktionsbedingungen zu haben.“ Einem Münchner Produzenten, der bislang zwei Corona-Fälle verkraften musste, aber keine Hilfen in Anspruch nahm, schwebt eine weitere Lösung vor. „Auch in Bezug auf die Versicherungen, wäre es doch nur richtig und wünschenswert, wenn wir die pandemische Lage für beendet erklärten. Wer findet die Ausfahrt, wer sagt, dass Corona versicherungstechnisch endlich auch wie Grippe behandelt werden kann?“

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