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Funke-Mediengruppe : Rückzug auf Raten

Essen: Die Firmenzentrale der Funke Medien Gruppe. Bild: dpa

Die Funke-Mediengruppe will „eine Versorgung der Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten“ etablieren. Sie könnte in Thüringen das Ende der Papierzeitung einläuten.

          Es war nur eine Pressemitteilung der Funke-Mediengruppe. Ende der vergangenen Woche schlug sie in Thüringen jedoch wie eine Bombe ein. Unter dem Titel „Mehr als eine Restrukturierung“ kündigte der Essener Konzern an, seine Regional- und Lokalmedien bundesweit „neu aufzustellen“, also zu sparen und zu kürzen. Thüringen, wo Funke mit der „Thüringer Allgemeine“ (Erfurt), der „Thüringische Landeszeitung“ (Weimar) und der „Ostthüringer Zeitung“ (Gera) quasi ein Monopol besitzt, kam in einem Satz vor: „Für die Thüringer Titel werden Szenarien erarbeitet, wie eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten gewährleistet werden kann.“ Daraus zogen nicht wenige den Schluss, dass Funke gedruckte Ausgaben einstellen will. Gegenüber dem MDR bekräftigte das Unternehmen, dass der Umstieg so schnell wie möglich kommen solle, wenn die Entscheidung einmal gefällt sei.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Thüringen wäre das erste Bundesland, in dem keine gedruckte Tageszeitung mehr erschiene. Die Politik war alarmiert. „Ich möchte nicht, dass Zeitungen zu Hause und aus dem öffentlichen Raum verschwinden“, schrieb Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) an Funke-Geschäftsführer Ove Saffe in einem offenen Brief, in dem sie an die vor dreißig Jahren hart erkämpfte Meinungsfreiheit und die Rolle der Presse als „notwendigen Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält“, erinnerte. Die CDU im Thüringer Landtag kritisierte, ein solches Vorhaben koppele den ländlichen Raum von politischer Information und demokratischer Teilhabe ab, die SPD fürchtete, dass Thüringen zum „blinden Fleck in der Medienlandschaft“ werde. „Ich wünsche mir ein klares Bekenntnis zur gedruckten Zeitung“, schrieb Anja Siegesmund.

          Zustellung im ländlichen Raum „wahnsinnig teuer“

          Ein solches folgte angesichts des Aufruhrs schnell. „Es gibt keine Planung, Print einzustellen“, versichert Unternehmenssprecher Tobias Korenke im Gespräch. „Wir wollen nichts aufgeben.“ Allerdings müsse man jetzt – nicht nur in Thüringen, sondern auch in anderen ländlichen Gebieten, etwa in Nordrhein-Westfalen – Optionen prüfen. Das Problem in Thüringen sei nicht die Auflage, die mit 240000 Exemplaren relativ stabil ist. Vielmehr sei die Zustellung im ländlichen Raum und seit Einführung des Mindestlohns „wahnsinnig teuer“, zudem finde der Verlag gerade in Thüringen kaum Zusteller, seit diese in die Logistikzentren um Erfurt strömten. Allein aus ökonomischen Gründen werde man nicht von heute auf morgen auf digital umstellen, so Korenke. Mehr als neunzig Prozent der Auflage in Thüringen würden auf Papier verkauft. „Mit Print sofort aufzuhören wäre suizidal.“

          Sergej Lochthofen traut der Beteuerung nicht. Funke gebe sich bis 2022 Zeit, das „Zukunftsprogramm“ umzusetzen. „Und spätestens dann wird ein Teil der Leute keine gedruckte Zeitung mehr haben“, sagt der langjährige Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine“, der 2009 ging, weil er das Sparprogramm nicht umsetzen wollte, mit dem der Konzern den Gewinn von fünfzehn auf zwanzig Prozent habe steigern wollen. So hohe Renditen gebe es heute nicht mehr, doch sehe er in den Plänen einen „Rückzug der Zeitung auf Raten“, verursacht von Leuten in einer weit entfernten Konzernzentrale, die nichts vom Zeitungsgeschäft verstünden. „Natürlich ist Zeitungsvertrieb teuer“, so Lochthofen. „Aber in Essen haben sie keine Vorstellung davon, wie die Orte in Thüringen heißen, wer die Leser überhaupt sind und was die hier so machen. Thüringen ist offensichtlich unwichtig.“ Das zeige sich auch daran, dass die Leser der Thüringer Titel zunächst nichts über die Pläne in ihren Zeitungen erfuhren. Viele Leser hätten sich von allein von Zeitungen abgewendet, mit spürbaren Folgen für die gesellschaftliche Teilhabe wie die Kenntnis dessen, was im Land passiert.

          Lochthofen kritisiert, dass Funke in Thüringen seit langem kaum investiert habe. Die Zeitungen seien zwei Jahrzehnte lang als Cash-Cows genutzt worden, die ihren Eigentümern im Westen satte Gewinne beschert und manch defizitären Titel dort gestützt hätten. In Thüringen sei auf Verschleiß gefahren und gespart worden. „Besonders in den letzten Jahren war es ein solcher Niedergang, dass ich inzwischen alles für möglich halte.“ Vor drei Jahren hatte Funke die Redaktionen der Thüringer Titel zusammengelegt, 150 Mitarbeiter entlassen und die überregionale Berichterstattung in die Berlin-Zentrale verlagert. An diese müssten die Thüringer Zeitungen jährlich zwei Millionen Euro zahlen für Berichte, welche die regionale Ausgangslage oft völlig außer Acht ließen.

          Funke veröffentlicht keine Geschäftszahlen. Sprecher Korenke versichert, der Verlag sei sich seiner Verantwortung bewusst: „Wir sehen ganz klar unsere Verpflichtung, die Thüringer Titel am Leben zu halten und erst recht in einem Wahlkampfjahr wie diesem die öffentliche Meinungsbildung zu gewährleisten. Wir werden weiterhin drucken, aber auch unsere digitalen Kanäle verstärken. Alles andere wäre unverantwortlich.“

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