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Funke Mediengruppe : Der graue Riese wächst

Bisher reichte das Verbreitungsgebiet der Mediengruppe bis in den Harz, jetzt kommt sie in der Hauptstadt an Bild: dpa

Die Essener Funke Mediengruppe dominiert mit der WAZ das Ruhrgebiet. Mit den von Springer erworbenen Zeitungen und Magazinen rückt sie auch in die Hauptstadt.

          3 Min.

          In dem „Q&A“, dem „Questions & Answers“-Papier mit dem „Stand 24.7.2013, 23.00“, das die Funke Mediengruppe in Essen an diesem Donnerstag Morgen, kurz nach Bekanntgabe der Übernahme von mehreren Springer-Titeln, an ihre Führungskräfte verschickte, findet sich auch diese naheliegende Frage: „Wurde die WR geschlossen, um den Zukauf zu finanzieren?“ Geschlossen? Bisher hatte die Verlagsleitung Wert darauf gelegt, dass sie die „Westfälische Rundschau“ (WR) in Dortmund ja weiterführe, wenn auch nur als Titel und ohne Redaktion, denn die Zeitung erhält seit 1. Februar 2013 ihren Mantel von dem Haupttitel des Konzerns, der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) in Essen, während die Lokalteile von verschiedenen bisherigen Konkurrenten - in der Halbmillionenstadt Dortmund von den „Ruhr-Nachrichten“ aus dem Medienhaus Lensing - zugeliefert werden (F.A.Z. vom 29. Januar).

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Antwort ist altbekannt und fällt denkbar allgemein aus: „Die Redaktion der WR war über lange Jahre defizitär. Die Schließung der Redaktionen hat den Kostendruck vermindert und damit wie viele andere Maßnahmen in den letzten Jahren einen Freiraum für Investitionen in Zukunftsprojekte geschaffen.“ Kleine Mitbewerber zum Aufgeben bringen und aufkaufen, Scheinkonkurrenzen aufbauen und zusammenlegen, Zentralredaktionen einführen und in Content Desks überführen, Titel fusionieren - im Auspressen der Ressourcen ist der (bisher) drittgrößte deutsche Medienkonzern schon lange spitze; allein bei seinen vier Zeitungstiteln im Ruhrgebiet wurde in den vergangenen Jahren rund die Hälfte von etwa achthundert Redakteuren „abgebaut“.

          Neue Machtposition in drei großen Ballungsräumen

          Die Essener Mediengruppe ist aus der 1948 von dem Sozialdemokraten Erich Borst und dem Konservativen Jakob Funke in Bochum gegründeten „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ hervorgewachsen und hat im Ruhrgebiet eine Monopolstellung erworben, die als Konkurrenten nur noch die „Bild“-Zeitung fürchten muss. Seit sie nicht mehr von der Parität der beiden Familien bestimmt wird, seit dieses intern oft konfliktträchtige, doch wirtschaftlich erfolgreiche Modell Anfang 2012 aufgegeben wurde, als Petra Grotkamp, die jüngste der drei Funke-Töchter, die Anteile der Brost-Familie übernahm und damit über eine Mehrheit von 66,6 Prozent verfügt, befindet sich der Konzern in einem Umbau, der ihn nicht mehr zur Ruhe kommen lässt.

          Die schon lange als Altlast empfundene WR wurde, so zeigt sich jetzt, auch abgeworfen, um einen großen Sprung zu machen. Denn mit der Übernahme verschiedener Springer-Titel - vor allem von „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ - gewinnt die Funke Mediengruppe auf dem Markt der Regionalzeitungen eine Machtposition, die sie in drei großen Ballungsräumen - und das eröffnet zumal dem Anzeigengeschäft ganz neue Möglichkeiten - eine Führungsrolle einnehmen lässt: im Ruhrgebiet, Hamburg und Berlin. Zugleich erschließt sich der oft mit einem grauen Riesen verglichene Medienkonzern damit auch eine andere Wahrnehmung. Bisher reichte sein Verbreitungsgebiet (mit der „Braunschweiger Zeitung“) bis in den Harz (daneben auch - mit drei Zeitungen - nach Thüringen), jetzt kommt er an in der Hauptstadt: Die „Berliner Morgenpost“ genießt wie das „Hamburger Abendblatt“, ob journalistisch gerechtfertigt oder nicht, eine andere publizistische Beachtung als die leichtgewichtig daherkommenden Revierblätter.

          Was die WAZ- und nach ihr nun die Funke Mediengruppe in vielen Ruhrgebietsstädten schon auf lokaler Ebene erfolgreich vorexerziert hat, indem sie zunächst zwei Titel parallel geführt und sie dann (oft in mehreren Schritten) zusammengelegt hat, dürfte ein Modell sein, das sich bei den Fernseh- und Frauenzeitschriften, wenn künftig „Hörzu“ und „Gong“, „Bild der Frau“ und „Frau im Spiegel“ aus demselben Haus kommen, im großen Maßstab wiederholen lässt.

          Aber auch bei den Tageszeitungen wird der Personalabbau schon erwogen und, noch ehe das Kartellamt entschieden hat, die Zusammenarbeit mit Axel Springer (AS) vorbereitet: „Bei einem Fußballspiel saßen früher vier Redakteure von vier Titeln auf der Pressetribüne und haben vier ähnliche Artikel geschrieben. Heute sitzen dort ein oder zwei Redakteure, die zusammenarbeiten und gleichzeitig Print und Online bedienen. Sicherlich wird es Kooperationen mit den Redaktionen der AS-Titel geben“, heißt es im „Q&A (Stand 24.7.2013, 23.00)“. Eine Entwicklung hin zu mehr Meinungsvielfalt hört sich anders an.

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