https://www.faz.net/-gqz-9lhtr

Umstrittenes Funk-Video : Das ist kein Spaß

Auf einem der Youtube-Kanäle, die zum Netzangebot Funk gehören, sorgte ein Format schon länger für Ärger. Nun wurde es überarbeitet – und eines der Videos gelöscht. Bild: dpa

Die sogenannte Hate-Speech ist im Internet kein Novum. Vor allem Personen des öffentlichen Lebens sind online viel Hass ausgesetzt. Ein umstrittenen Funk-Video, in dem ein Youtuber auf beleidigende Kommentare antwortet, wurde nun offline genommen – und das Format geändert.

          „Was hat eigentlich zuerst den Boden erreicht? Deine Würde oder deine Wampe?“ Der Youtuber „Exsl95“ schaut etwas unsicher. Dann antwortet er der Computerstimme, die ihm die beleidigende Frage vorgelesen hat, indem er sich selbst lächerlich macht. Nur keine Verletzung zeigen, scheint das Motto zu sein.

          Sendungen wie diese, in denen Hasskommentare vorgelesen werden, gibt es zuhauf. Oft sollen Prominente spontan auf fiese Tweets oder Kommentare reagieren und den Absendern so den Wind aus den Segeln nehmen. Auch das „Hater-Interview“ des zu „Funk“ gehörenden Youtube-Kanals „World Wide Wohnzimmer“ funktioniert so. Der Kanal der Zwillinge Dennis und Benjamin Wolter gehört zu dem auf ein junges Publikum zielenden Netzangebot von ARD und ZDF. Etwa sechzig ihrer Videos zeigen bekannte Youtuber oder Schauspieler, die in einem Keller mit Fragen konfrontiert werden, die von den Zwillingen zuvor auf Twitter gesammelt wurden.

          Als im Oktober des vergangenen Jahres Exsl95 zu Gast war, um sich den „bitterbösen Fragen“ zu stellen, empörten sich viele über die sinnlosen Beleidigungen, die von den öffentlich-rechtlichen Sendern anscheinend unterstützt würden. Die Kritiker beanstandeten, dass Body-Shaming als Witz dargestellt und dass nur aufgrund von Äußerlichkeiten beleidigt werde, ohne dass irgendein Mehrwert für den Zuschauer entstehe.

          Inhaltliche Kritik statt wüsten Beleidigungen

          Die Demütigung hatte sich gewaschen: „Fresssüchtige Fast-Fehlgeburt“, „kinnlose Kackbratze“, „lebendig gewordene Blähung“ – das sind nur ein paar der Dinge, die sich Exsl95 in diesem Video anhören musste. Er reagierte meist belustigt und übertrieb selbst. Er wirbt für seinen eigenen Youtube-Kanal mit „der fetteste Youtuber Deutschlands“ und veröffentlicht Videos, in denen er Unmengen isst. Später verteidigte er auch die Rubrik in einem eigenen Video: „Das zeigt den Leuten, wie man damit umzugehen hat. Darüber sollte man sich lustig machen.“ Er sagte, das Interview sei „das beste, was ich je gemacht habe“.

          Auch Funk rechtfertigte das „Hater-Interview“ zunächst. Das Format sei ein „Fingerzeig auf den Hate im Netz“ und gebe den Betroffenen die Gelegenheit, zu reagieren. Trotzdem richteten die Wolter-Zwillinge die Sendung gemeinsam mit Funk neu aus; das neue „Hater-Interview“ verzichtete auf Beleidigungen und sollte nur inhaltliche Kritik enthalten. Durch den Aufruf von „World Wide Wohnzimmer“, gemeine Fragen zu stellen, die dann im Interview vorgelesen wurden, reproduzierten sie sogar Hass im Netz bloß.

          Die neue Ausrichtung der Rubrik reichte jedoch nicht allen. Beim Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks, der für „World Wide Wohnzimmer“ redaktionell zuständig ist, gingen Beschwerden ein. Das Gremium prüfte das Video und empfahl Mitte März, es zu entfernen. Funk folgte dem Vorschlag; am 19. März wurde es gelöscht. Benjamin und Dennis Wolter produzierten drei Tage darauf eine Sondersendung, in der sie die Löschung erklärten und mit einer Psychologin einzelne Szenen des Interviews durchsprachen. „Ich stehe jetzt nicht mehr dahinter“, sagt Dennis Wolter in der Sendung.

          Weitere Themen

          Gehören deine Gedanken ganz mir?

          Theaterserie „Der Stärkere“ : Gehören deine Gedanken ganz mir?

          Das Verhältnis zwischen Frau und Mann, Eifersucht und Leidenschaft: Dagny Jules’ „Der Stärkere“ wendet sich radikal gegen bürgerliche Konventionen und moralische Zugeständnisse – und ist nun auch auf Deutsch zu lesen.

          Topmeldungen

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.
          Haus an Haus: Bisweilen liegen Wunsch und Wirklichkeit zumindest räumlich sehr nah.

          Hohe Immobilienpreise : Vom Traumhaus zur Realität

          Die Suche nach Immobilien bringt immer mehr Stress mit sich. Doch vom freistehenden Einfamilienhaus träumen die meisten Deutschen. Und ein Eigenheim hat viele Vorteile.

          Erdölreserve : Was passiert, wenn das Öl knapp wird?

          Der Ölmarkt ist in einem Ausnahmezustand, doch Deutschland hält Reserven für den Notfall. Wann werden diese angezapft – und was bringt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.