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Für Rupert Murdoch wird es eng : Ein Anschluss unter dieser Nummer

  • -Aktualisiert am

Rupert Murdoch im Kreuzfeuer der britischen Medien: Fast täglich gibt es Festnahmen oder Enthüllungen Bild: AFP

Die Aufarbeitung des Abhörskandals in Großbritannien geht voran. Jeden Tag wird ein Kapitel aufgedeckt. Nach den Zeitungen gerät nun Rupert Murdochs Fernsehkonzern Sky ins Zwielicht.

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          Wie eine langlaufende Seifenoper, die in eine weitere Staffel geht, deren Drehbuchautoren sich immer unwahrscheinlichere Wendungen ausdenken, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu halten, findet die Abhöraffäre um Rupert Murdochs britischen Zeitungskonzern mit Festnahmen und Enthüllungen fast täglich ihre Fortsetzung. In dieser Woche hat die von Lordrichter Leveson geleitete Untersuchung der „Kultur, Praktiken und Ethik der Presse“ ihre Anhörungen wiederaufgenommen. Nach den Opfern und Zeitungsmachern kommen nun die Zeitungsbarone zu Wort. Die Zuschauerquoten für die Direktübertragung dürften in den nächsten drei Tagen in die Höhe schnellen. Die Sendeflächen sind freigeräumt worden für die Vernehmung Rupert Murdochs und seines jüngsten Sohnes James.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als die beiden im Sommer vor dem Parlamentarischen Ausschuss für Kultur, Medien und Sport aussagten, traten sie gemeinsam auf. Diesmal werden sie einzeln vernommen im Saal 73 des Obersten Gerichts, wo die Untersuchungskommission seit vergangenem November tagt. James Murdoch, der bis vor kurzem als Vorsitzender des Zeitungskonzerns News International und des Satellitensenders BSkyB für die Geschäfte in Britannien zuständig war, steht am Dienstag im Zeugenstand. Zwar ist die Leveson-Untersuchung kein Gerichtsverfahren, doch werden die Geladenen von Anwälten wie im Kreuzverhör vernommen.

          Kultur der illegalen Nachrichtenbeschaffung

          Der durch die Abhöraffäre geschädigte Junior steht unter Druck. Er muss nachweisen, dass er weder unaufrichtig noch inkompetent gewesen ist in seiner Handhabung des Skandals, dessen Bedeutung er lange unterschätzt zu haben scheint. James Murdoch folgt heute den zwei anderen Zeitungsbesitzersöhnen, die am Montag als „Aufwärmer“ dienten: Aidan Barclay, der die seinem Vater David und dessen Zwillingsbruder Frederick gehörende Telegraph-Gruppe leitet, und Evgenij Lebedew, Filius des ehemaligen KGB-Agenten Alexander Lebedew, Eigentümer des „Independent“ und des „Evening Standard“.

          Als Erster aber wurde am Montag John Ryley, Nachrichtenchef des von Murdoch kontrollierten Kanals Sky News, befragt nach dem unbefugten Zugriff auf E-Mail-Konten im Zusammenhang mit einer Recherche über einen verschollen geglaubten Briten, der, wie sich herausstellte, seinen eigenen Tod vortäuschte, damit seine „Witwe“ die Lebensversicherung kassieren konnte. Der Fall soll in Hinblick auf den Datenschutz von der Medienaufsichtsbehörde Ofcom untersucht werden. Bei der Leveson-Anhörung ging es um die Frage, ob derartige journalistische Verstöße gegen das Gesetz im öffentlichen Interesse gerechtfertigt sein könnten, wie Sky argumentierte, als die Geschichte zutage kam. Murdoch-Kritiker sehen das Vorgehen von Sky News als Beleg für eine im ganzen Konzern verbreitete Kultur der illegalen Nachrichtenbeschaffung. Ryley wies jedoch darauf hin, dass Sky, obwohl im Teilbesitz von Murdoch, eine getrennte Organisation sei und unabhängig vom Zeitungsverlag News International arbeite.

          Dial M for Murdoch

          Bei der Vernehmung der Zeitungsbarone wird die Aufmerksamkeit vor allem auf deren enge Vernetzung mit der Politik gerichtet sein. Mit dem Beziehungsgeflecht zwischen Presse, Politik und Polizei und Rupert Murdochs als unheilvoll empfundenem Einfluss auf das Geschehen im Land befasst sich auch ein gerade erschienenes Buch des Labour-Abgeordnete Tom Watson und des „Independent“-Journalisten Martin Hickman. Der Titel „Dial M for Murdoch“ spielt auf den berühmten Hitchcock-Film „Dial M for Murder“ (Bei Anruf Mord) an. Watson und Hickman weisen den Medienunternehmer darin als großen Strippenzieher aus.

          Watson, der zu den eifrigsten Mitgliedern des Ausschusses für Kultur, Medien und Sport gehört, hat es sich zur Mission gemacht, das nach seinem vielerorts geteilten Ermessen korrupte und korrumpierende Wirken Murdochs zu entblößen. Das Buch ist bei dem zur selben Gruppe wie die „Financial Times“ gehörenden Penguin-Verlag von Stuart Proffitt betreut worden, der als Sachbuchverleger ein besonders hohes Ansehen genießt.

          Proffitt weiß aus eigener Erfahrung, was geschieht, wenn man sich gegen die Allmacht Rupert Murdochs stemmt. Er war der Verleger der Erinnerungen des letzten Gouverneurs von Hongkong (und jetzigen BBC-Aufsichtsratsvorsitzenden) Chris Patten, gegen die Murdoch vor vierzehn Jahren Einspruch erhob, weil er seine Geschäfte in China nicht durch regimekritische Bemerkungen aufs Spiel setzen wollte. Die von Murdoch angeordnete Sprachregelung für die Ablehnung des Manuskriptes sollte heißen, es sei unter Niveau. Proffitt spielte nicht mit und bezahlte mit seiner Stelle.

          Ihm würden, wie man sich denken könne, ständig Bücher über Murdoch angeboten, erzählte Proffitt bei der Vorstellung von „Dial M for Murdoch“. Dieses aber sei der erste Titel, den er mit voller Überzeugung angenommen habe. Es ist eine flotte Zusammenfassung der Entwicklungen bis dato, die den Murdoch-Konzern als überwachungsbesessenen „Schattenstaat“ darstellt, dessen Fangarme in alle Winkel reichen. Watson schreibt, Rupert Murdoch habe bei seinem Auftritt vor dem Medienausschuss weniger wie ein moderner Citizen Kane gewirkt denn wie ein „tauber, tatteriger, stolzer alter Mann“. Die draufgängerischen, regierungskritischen Twitter-Nachrichten, die Murdochs Ankunft im Lande begleiten, zeichnen ein anderes Bild. Sicher ist, dass die Konfrontation zwischen Rupert Murdoch und dem für seine moderate, aber dennoch messerscharfe Vernehmungstaktik bekannte Anwalt Robert Jay spannendes Theater liefern wird.

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