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Streaming-App Quibi : Für die Zeit dazwischen

  • -Aktualisiert am

Eine große Familie: Meg Whitman im Januar bei der Vorstellung von „Quibi“ Bild: UPI/laif

Mit „Quibi“ startet ein Streamingdienst, der in die Zukunft weist. Er bietet Kurzfilme fürs Smartphone und die Stars sind zuhauf dabei.

          2 Min.

          Wenn am 6. April mit dem Streamingdienst „Quibi“ der bislang jüngste Service im Streaming-Goldrausch startet, dann mag das zunächst wie ein Anachronismus wirken. Quibi steht für „Quick Bites“, schnelle Häppchen, ein Konzept also, das in viel hektischeren Zeiten erdacht wurde.

          Als der Filmproduzent Jeffrey Katzenberg, früher mal Chef von Disney und Gründer von „Dreamworks“, und die frühere Chefin von Hewlett Packard, Meg Whitman, ihr Zwei-Milliarden-Dollar-Projekt als „die nächste Generation des Erzählens“ Ende Januar auf dem Sundance Film Festival anpriesen, war die Welt noch eine andere. Quibi, für fünf Dollar im Monat zu abonnieren, sollte mit Dokus, Serien, Realityshows im Miniformat, in Episoden von jeweils maximal zehn Minuten, „Zwischenräume füllen“; die Kurzgeschichte gewissermaßen für das Fernsehzeitalter, in dem fiktionale Inhalte gern den Vergleich mit hoher Literatur anstreben.

          Quibi sollte, wie das Online-Branchenmagazin „IndieWire“ es fasste, die „Alternative zum Instagram-Scrollen, während man bei Starbucks in der Schlange steht, oder zur gefürchteten Twitter-Sucht im Wartezimmer vom Zahnarzt“ sein. Inzwischen freilich sind Arztpraxen und Kaffeeketten auch in Amerika weitgehend geschlossen, und wenn die meisten eines zurzeit nicht wirklich brauchen, sind das Video-Häppchen auf dem Handy, um die Zeit zwischen wichtigeren Dingen zu überbrücken.

          175 Sendungen mit insgesamt 8500 Episoden

          Katzenberg räumte denn auch bei CNN Business ein, dass „wir im Moment mehr Zeit haben als je zuvor“. Aber zwischen dem Homeoffice und der Kinder-Unterhaltung, den Videokonferenzen mit Freunden und den „acht täglichen Snacks, die wir uns alle zu verkneifen versuchen“, blieben eben doch eine ganze Menge „Zwischenmomente“, die er mit Quibi zu füllen hofft. Das mag nicht völlig illusorisch sein – andere Kurzformate wie Videospiel-Streamer Twitch, die Home-Video-App Tiktok oder Youtube sind in Quarantänezeiten sehr gefragt. Und manch einer mag Quibi als die ersehnte Erlösung von den zahlreichen Miniserien auf Netflix sehen, die ihre Geschichten unverdienterweise auf zehn Episoden ausdehnen, im Kriechtempo.

          Der Promi-Faktor immerhin, den Katzenberg und Whitman hier auffahren, kann sich sehen lassen. Die Popdiva J.Lo, der Basketballstar LeBron James und die gefeierte Autorin Lena Waithe sind in Realityshows zu sehen, die von super-sentimental bis schön ausgefallen rangieren. Sam Raimi, Guillermo Del Toro und Steven Spielberg machen Horrorserien; Sophie Turner, Liam Hemsworth, Kiefer Sutherland und Christoph Waltz spielen in Thrillern; große Medienhäuser wie die BBC, NBC, Telemundo und ESPN produzieren Nachrichtensendungen. Es gibt Neuauflagen von bereits Dagewesenem (die Serie „Punk’d“, diesmal mit Chance the Rapper), Neues von Stars („Agua Donkeys“ von Funny or Die und eine eigene Serie für Kirby Jenner, der auf Instagram als „Zwillingsbruder“ von Kendall Jenner posiert) sowie die üblichen Verdächtigen (eine Show über Hundehütten-Designer, verschiedene Kochsendungen und eine feministische Tierdoku mit Reese Witherspoon). Mit „The Daily Chill“ ist auch eine audiovisuelle Entspannungshilfe dabei. Und Technik-Freunde will man mit einer eigens entwickelten Software begeistern, die nahtlos zwischen Hoch- und Querformatsansicht wechseln kann.

          175 Sendungen mit insgesamt 8500 Episoden hat man bis jetzt produziert, fünfzig Projekte sollen zum Start verfügbar sein. Aber die Dinge sind ja zurzeit noch unwägbarer, als sie es sonst in der Unterhaltungsindustrie sowieso schon sind. So stellt die Coronavirus-Pandemie den Neuling auf dem Streaming-markt auch vor die Herausforderung, weiter Inhalte zu liefern, während in Hollywood der Shutdown herrscht. Manche Quibi-Produzenten machen inzwischen in ihren Garagen oder dem Wohnzimmer weiter, wie der „Hollywood Reporter“ berichtet. Andere, wie die CBS-Nachrichtensendung „60 in6“, sind zunächst zurückgestellt. Meg Whitman sagte dem Blatt, man müsse wohl einfach abwarten. „Es hängt davon ab, was die Leute daheim machen und wie viele Leute zu Hause sind. Die Lage ändert sich ja momentan jeden Tag.“

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