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Chemnitz und die Medien : Es bedarf keiner Dramatisierung

Teilnehmer einer Demonstration in Chemnitz Bild: dpa

Für den Journalismus ist das Geschehen in Chemnitz ein Prüfstein. Es gilt nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen – auch für die Medien. Alles andere spielt nur den Propagandisten in die Hände.

          Der Chefredakteur der „Freien Presse“ in Chemnitz ist ein besonnener Journalist. Das merkte man gleich, als Torsten Kleditzsch zu den Ereignissen in seiner Stadt vom Deutschlandfunk befragt wurde. Da wollte man von ihm wissen, wie die Dinge einzuordnen seien und – was ist.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Torsten Kleditzsch redete nichts klein, legte aber auch keine dramatisierenden Vokabeln auf, so, wie es sich für profunden Journalismus geziemt. Und so sagte er auch, warum seine Zeitung nach den Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende, nach dem Tötungsdelikt, dem ein fünfunddreißig Jahre alter Chemnitzer zum Opfer fiel und dessen zwei Flüchtlinge verdächtigt werden, den Begriff „Hetzjagd“ mit Blick auf das, was seither geschehen ist, nicht verwendet: „weil er aus unserer Sicht nicht zutrifft“.

          Eine Szene, die beileibe nicht harmlos ist

          So schreibt es Kleditzsch auch noch einmal im Online-Auftritt seiner Zeitung, auch mit Blick auf jene, die aus dem einen oder anderen (ideologischen) Grund kein Interesse daran haben, die Dinge genau in den Blick zu nehmen: „Wenn aus dieser Differenzierung interessierte Gruppen und Medien nun ableiten, es sei alles halb so schlimm gewesen oder eine große Erfindung, dann ist das weder in unserem Sinne, noch entspricht es der Wahrheit.“ Es habe aus der Demonstration heraus sehr wohl „Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten“ gegeben, Menschen sei „über kurze Distanz nachgestellt“ worden, so dass man von „Jagdszenen“ hätte sprechen können, nicht aber von einer „Hetzjagd“ dem Sinn nach, dass „Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben“. Und Kleditzsch ergänzt: „Der offen zu Tage getretene Hass, der die Proteste auf den Straßen in Chemnitz am Sonntag begleitet hat, war schrecklich genug. Er bedarf keiner Dramatisierung.“

          Zurückgehen dürfte die Dramatisierung auf ein Video der „Antifa Zeckenbiss“, das unter dem Rubrum „Menschenjagd in #Chemnitz“ große Verbreitung fand. Es zeigt eine Szene, die beileibe nicht harmlos ist; es zeigt, wie ein junger Afghane von einem schwarzgekleideten Mann verfolgt wird und die Flucht ergreift. Ein anderer soll zuvor mit einer Bierflasche nach dem Flüchtling geschlagen, der Mann in Schwarz eine Freundin des Bedrängten geschlagen haben. Bei der Polizei wurde deshalb Anzeige erstattet.

          Das ist ein Ausschnitt des Bildes, das sich Journalisten von den Ereignissen in Chemnitz zu machen versuchen. Nimmt man nur einen Ausschnitt und hält ihn für das Ganze, wird man nicht nur dem Geschehen nicht gerecht – was Bürger in Chemnitz beklagen –, sondern spielt denen in die Hände, die aus Trauer und Wut (unter anderem darüber, dass das auslösende Tötungsdelikt zu wenig erwähnt werde) Hetze machen. So verhält es sich bei einem beschnittenen Bild der Agentur Associated Press, das bedauerlicherweise auch bei FAZ.NET Verwendung fand. Es zeigt Demonstranten in Chemnitz, die ein Transparent halten. Auf dem Bild sieht man nur das Wort „Terror!“ auf dem Plakat, das ein schwarzgekleideter Mann festhält. Was man nicht sieht, ist das vollständige Plakat mit der Aussage „Kein Zutritt für Terror!“ Was damit gemeint ist, kann man sich denken. Aber es ist etwas anderes, als nur die Vokabel „Terror!“.

          Nichts hinzufügen, nichts weglassen, darauf muss die Maxime aufrichtigen, nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit strebendem Journalismus lauten, zu dem auch gehört, Fehler – wie diesen – einzugestehen. Sonst haben die Propagandisten, die der Presse Propaganda vorwerfen, leichtes Spiel und einen weiteren Mosaikstein für ihre Verschwörungstheorien von der „Lügenpresse“. Der Hass, schreibt der Chefredakteur der „Freien Presse“, ist „schrecklich genug“. Einer Dramatisierung bedarf er nicht.

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