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Doku „Frühjahr 48“ bei Arte : Als die Welt in den Kalten Krieg zog

  • -Aktualisiert am

Entwurzelt: Marija Makuskaite wird aus ihrem litauischen Dorf deportiert und muss für zehn Jahre in ein Arbeitslager in Sibirien. Bild: The Museum of Genocide Victims

Freiheit? Die gab es nach dem Zweiten Weltkrieg nur für das halbe Europa: Die Arte-Dokumentation „Frühjahr 48“ vergegenwärtigt eine Zeit, in der die Weichen für die Nachkriegsordnung gestellt wurden.

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          Anfang 1948. In der neutralen Schweiz finden die ersten Olympischen Spiele nach zwölfjähriger Pause statt. Deutschland und Japan sind von der Teilnahme ausgeschlossen, die Sowjetunion verzichtet. Sportlich mögen sich die Staaten nun wieder in fairem Wettkampf begegnen, die politische Lage sieht anders aus. Schon am 5. März 1946 hat sich der abgewählte britische Premier Winston Churchill bei einer Rede im amerikanischen Fulton tief enttäuscht gezeigt. Dies sei „sicherlich nicht das befreite Europa, für das wir gekämpft haben“. Nun, drei Jahre nach Kriegsende, stehen sich die Alliierten als Feinde gegenüber. Im Verlauf des Jahres werden die Weichen gestellt, die die Welt für Jahrzehnte in Ost und West teilen – mit einem eisernen Vorhang dazwischen. Der Kampf der Systeme und Nachkriegsordnungen, so zeigt der Dokumentarfilm „Frühjahr 48“ von Mathias Haentjes so informativ wie anschaulich, hat alle europäischen Länder erfasst. „Die nächsten Monate werden die Spaltung des Kontinents besiegeln.“

          Manche Länder, wie Litauen, werden schnell sozialistisch gleichgeschaltet. Die junge Marija Makuskaite („man hatte Angst vor den Russen“) wird mit ihrer Familie vom heimischen Hof im Viehwaggon 6000 Kilometer weit nach Sibirien deportiert. In der noch vergleichsweise liberalen Tschechoslowakei findet im Lauf des Jahres ein kommunistischer Putsch statt, über den der damalige Prager Student Peter Demetz berichtet; in Jugoslawien geht Tito zum wachsenden Missvergnügen Stalins seinen Sonderweg, um sich als charismatischer Führer der Balkanstaaten zu etablieren. In Griechenland versorgt der fünfzehnjährige Iraklis Sariamnidis seine Familie, nachdem der Vater als Partisan in die Berge gegangen ist. In Frankreich, von Generalstreiks politisch destabilisiert, halten es die Intellektuellen lieber mit Sartres Existentialismus als mit Blockpolitik. Sein Theaterstück „Die Fliegen“ wird Anfang 1948 von Jürgen Fehling auch in Berlin inszeniert.

          Die Stadt, aufgeteilt in vier Zonen, hungert und wartet auf eine Währungsreform, der Schwarzmarkt blüht. Simone de Beauvoir, mit Sartre zum Probenbesuch in Berlin, ist erschüttert von den Trümmern („Schutt und Ruinen – sonst nichts“) und sieht einen Bürgerkrieg mit zwei Fronten entstehen. Günter Lamprecht erzählt von den Hamsterfahrten des Achtzehnjährigen aufs Land. Auch in England ist die Versorgungslage prekär, das Empire verliert sein „Juwel in der Krone“, Indien. Lord Louis Mountbatten of Burma übergibt Palästina. In Landsberg am Lech füllt sich das Lager der „Displaced Persons“ mit Juden, die dem Holocaust entkommen sind und bald nach der Gründung des Staates Israel durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen auf Ausreise hoffen. Viele der Überlebenden sind zunächst euphorische Zionisten. Man stellte sich, so der Maler Samuel Bak, Tel Aviv wie einen Bauhaus-Spielkasten vor. Andere passieren Ellis Island, den Kontrollpunkt vor New York, mit neuer Freizügigkeit. Der Kontinent erlebt millionenfache Flüchtlingsbewegungen von Ost nach West, und von West nach Ost. „Wie ein großer Ameisenhaufen“, so erinnert es ein Zeitzeuge, sei Europa damals gewesen.

          In Italien versuchen KGB und CIA mit massivem Einsatz auf die Wahlen Einfluss zu nehmen. Die deutsche Wochenschau Ost zeigt FDJ-Freiwillige, die zu Musette-Walzermusik fröhlich im Takt den Platz am Gendarmenmarkt von Trümmern freischaufeln. Anna Seghers ist aus dem Exil zurückgekehrt und reist im Verlauf des Jahres nach Moskau, wo das Sowjetkino Monumentalarchitekturpläne präsentiert, die Stalins Machtanspruch widerspiegeln. Das Kontrollgremium für Berlin bricht 48 auseinander, nachdem der russische Vertreter einen Eklat provoziert. Schon am 15. Dezember 1947 war das Treffen der Siegermächte in London nach siebzehn Sitzungen ergebnislos abgebrochen worden. Zur Mitte des Jahres folgen die Blockade Berlins und die Luftbrücke der Westmächte.

          Mathias Haentjes’ dokumentarisches Verfahren, das er auch in „Sommer 39“, „Winter 42/43“ und „Frühjahr 45“ anwendet, ist das eines dramaturgischen Zeitsprungs. „Die Ereignisse sprechen lassen“ ist sein Motto. Um „das Nachfühlen individueller Schicksale“ zu inszenieren, arbeitet der Filmemacher vorwiegend mit Zeitzeugeninterviews, Archivmaterial und vielen literarischen und journalistischen Exempeln. Seine Zeugen waren im Berichtszeitraum allesamt junge Menschen, zwischen fünfzehn und zwanzig Jahre alt, und evozieren ihre damalige Gefühlslage so individuell wie nachvollziehbar. Auch „Frühjahr 48“ gelingt die vergegenwärtigende Unmittelbarkeit der Chronik überraschend gut – dazu zeigt die Dokumentation als Resultat umfassender Recherche in den verschiedensten Archiven auch einen Bilderbogen historischer, zum Teil bislang ungesehener Aufnahmen, die das seriöse Geschichtsfernsehen höchst augenfällig machen.

          Frühjahr 48 läuft heute, Dienstag 17. April, um 22 Uhr bei Arte.

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