https://www.faz.net/-gqz-7jbr4

Führungswechsel beim Grimme-Institut : Die Kandidatin

Der Grimme-Preis besitzt bundesweite Strahlkraft. Ein neuer Institutschef muss dafür sorgen, dass das so bleibt Bild: dapd

Wer wird neuer Direktor des Grimme-Instituts? Als größter Geldgeber versucht das Land NRW seinen Einfluss bei der Neubesetzung des Postens geltend zu machen. Die Personalie birgt Konfliktpotential.

          3 Min.

          Beim renommierten Grimme-Institut in Marl steht ein Wechsel in der Geschäftsführung an. Der Direktor Uwe Kammann geht zum 30. April nächsten Jahres in Pension. Siebzehn Kandidaten haben sich auf die Stelle beworben, vergangene Woche haben die Gesellschafter des Grimme-Instituts den Kreis der Bewerber auf - wie zu hören ist - drei eingeschränkt. Und eine Kandidatin ist bekannt: Frauke Gerlach, die Justitiarin der Grünen-Fraktion im Landtag.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Deutsche Volkshochschulverband, der am Grimme-Institut vierzig Prozent der Anteile plus eine Stimme hält, hat sie, wie auf Nachfrage bestätigt wird, aktiv vorgeschlagen. Die Gesellschafter hatten sich in der Findungskommission das Recht vorbehalten, auch selbst Kandidaten zu fragen. Die eingereichten Bewerbungen schienen offenbar nicht ansprechend genug. Frauke Gerlach als Kandidatin einzuladen, wurde von allen Gesellschaftern einstimmig beschlossen: das sind, neben dem Volkshochschulverband, das Land Nordrhein-Westfalen, die Stadt Marl, die Filmstiftung NRW, die Landesmedienanstalt LfM, der WDR und das ZDF, sie alle sind mit jeweils zehn Prozent am Institut beteiligt.

          Kein konfliktfreier Wechsel

          Zahlmeister bei Grimme ist vor allem das Land NRW: Es steht für den Jahresetat von 1,9 Millionen Euro, die Stadt Marl gibt 150 000 Euro, Projektfördermittel kommen vor allem von der Landesmedienanstalt, alles zusammen macht das jährlich drei Millionen Euro. Der Volkshochschulverband hat das Grimme-Institut zwar 1973 gegründet, überlässt die Finanzierung aber anderen. Was mit sich bringt, dass das Land NRW, für das der Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann die Strippen zieht, eine bedeutende Rolle spielt.

          Eine Kandidatin ist bekannt: Frauke Gerlach, Justitiarin der Grünen-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalens

          Mit Frauke Gerlach erhielte das Grimme-Institut zum ersten Mal in seiner Geschichte eine „politische“ Besetzung. Die in ihrem Fall allerdings den Vorzug hat, dass sie parteilos und eine unabhängige Analytikerin des Medienbetriebs ist. Für parteipolitische Rechenspiele ist sie die Falsche. Ihre Promotion zum Thema Media Governance, in der es um das Gebot der Transparenz geht, wäre ein schönes Lehrbeispiel für viele Medienpolitiker. Frauke Gerlach sitzt allerdings in den Aufsichtgremien des Grimme-Instituts und einiger Grimme-Gesellschafter: Sie ist Vorsitzende der Medienkommission der Landesmedienanstalt LfM, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Filmstiftung NRW, Mitglied der Medienkommission des Landes NRW und Vorsitzende des Aufsichtsrats des Grimme-Instituts. Sie wechselte bei Grimme also vom Aufsichtsrat ins operative Geschäft.

          Rückkehr der Kungelei droht

          Das sieht nach dem alten Prinzip der NRW-SPD - verteile Posten und herrsche - aus und birgt Konfliktpotential. So berät die Medienkommission der Landesmedienanstalt LfM in den nächsten Tagen über ihren Etat für 2014 - in dem eine Menge Fördermittel für das Grimme-Institut neu beschlossen werden. Zum Hintergrund gehört auch, dass der Medienstaatssekretär Eumann im Frühjahr einen Gesetzentwurf aufgelegt hat, der bestimmt, dass die - aus Rundfunkgebühren finanzierte - Landesmedienanstalt 1,6 Millionen Euro pro Jahr an die neue, höchst umstrittene Pressestiftung („Stiftung Vielfalt und Partizipation“) überweisen muss und 850 000 Euro jährlich an das Grimme-Institut.

          Bislang konnte die Landesmedienanstalt über ihren Jahresetat von zuletzt 18,8 Millionen Euro autonom verfügen. In Fragen wie diesen, darf man annehmen, verfolgt Frauke Gerlach eine ganz andere Linie, als sie von der Medienpolitik der NRW-SPD vertreten wird. Die Medienkommission der Landesmedienanstalt hat denn auch inzwischen eine Vorlage zum neuen Mediengesetz beschlossen, welche die Autonomie der LfM erhalten soll.Gleichwohl meldet sich der medienpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Thomas Nückel, mit der Warnung zu Wort, „eine Beschädigung der Reputation des Grimme-Instituts durch intransparente Postenvergabe“ müsse „verhindert werden“. Der Personalvorschlag erscheine „wie die Rückkehr zu alten Zeiten des Auskungelns wichtiger Positionen durch die Staatskanzlei“.

          Grimme muss ins ganze Land wirken

          Wer Direktor des Grimme-Instituts wird, ist in der Tat allerdings offen. Die Findungskommission trifft sich Ende November mit den Kandidaten. Noch in diesem Jahr wolle man die Personalie beschließen, heißt es auf Anfrage aus dem Gesellschafterkreis. Zum 30. April 2014 steht noch eine zweite, entscheidende Besetzung an.

          Denn mit dem Institutschef Kammann geht der Referent des Grimme-Preises, Ulrich Spies, in den Ruhestand. Er hat manche Direktoren kommen und gehen sehen. Wenn es jemanden gibt, auf den die Bezeichnung „Mr. Grimme“ passt, dann ist er es. Um den Grimme-Preis, zu dem sich der Grimme-Online-Award hinzugestellt hat, muss sich ein neuer Institutschef zuvörderst kümmern und - dem Institut eine Ausrichtung geben, die ins ganze Land wirkt, nicht nur in NRW. Da der Deutsche Fernsehpreis ins Bedeutungslose abrutscht, hat Grimme eine große Chance. Es braucht die- oder denjenigen, die oder der sie nutzt.

          Weitere Themen

          Kommt jetzt Pep Guardiola?

          Katalonien-Krise : Kommt jetzt Pep Guardiola?

          Die Ausschreitungen radikaler Separatisten haben das Klima in Katalonien verschärft: Manche wünschen sich in der verfahrenen Situation einen Erlöser wie Pep Guardiola.

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Isabel Schnabel ist eine profilierte Kennerin der Finanzmärkte und der Geldpolitik.

          Isabel Schnabel rückt auf : Eine Bereicherung für die EZB

          Isabel Schnabel ist Expertin für Banken und Finanzmärkte. Dennoch wird ihre Berufung in die EZB-Führung als Nachfolgerin von Sabine Lautenschläger nicht jedem gefallen. Sie hat sich schon deutlich positioniert.

          Brexit-Deal im Parlament : Ein Ping-Pong-Spiel mit ungewissem Ausgang

          Selbst wenn Boris Johnson bei der Abstimmung über seinen Brexit-Deal siegen würde, bedeutet das noch keinen Durchbruch. Auch das Oberhaus hat nahezu grenzenlose Möglichkeiten, die Beratungen in die Länge zu ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.