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Frühkritik: Sandra Maischberger : Sie sollten im Zentrum stehen

  • -Aktualisiert am
Sandra Maischberger moderiert „Menschen bei Maischberger“.
          4 Min.

          In diesen Wochen erfahren wir am Beispiel des Bundespräsidenten Christian Wulff viel über den Sittenverfall in der deutschen Politik. Wie ein Ministerpräsident die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft niedergerissen hat; wie aus unproblematischen Kontakten sich ein Spinnennetz aus ökonomischen Interessen von Unternehmern und persönlicher Vorteilsnahme von Politikern entwickelt hat. Wulff ist zum Symbol für diese Symbiose von Politik und Wirtschaft geworden. Es durfte eben niemals zusammenwachsen, was nicht zusammengehört.

          Als am Montagabend Sandra Maischberger mit Norbert Blüm und Walter Riester über die Zukunft der Rente diskutierte, veröffentlichte die Bild-Zeitung das Ergebnis ihrer neuen Recherchen. Es geht um einen Urlaub von Wulff im Jahr 2007 auf Sylt, um die dreisten Vertuschungsversuche eines Herrn namens Groenewold vor noch nicht einmal drei Wochen – und um den Vorwurf der Bestechlichkeit. Wir erleben hier ein Drama der Kleinkarierten, gespielt in dem hedonistischen Milieu der Wulffs, Maschmeyers, Schmidts, Glaesekers und Groenewolds. Sie unterscheiden sich nur in einem Punkt von der hedonistischen Unterschicht: Sie haben Geld. Nur was macht eigentlich ein Walter Riester in diesem Umfeld? Diese Frage stellte man sich, als man ihn bei Maischberger erlebte.

          Die „Trümmerfrauen“ nach dem Krieg

          Riester verbindet sicherlich nichts mit diesem Milieu. Er ist als Person eher das, was die Hedonisten vom Typus Groenewold einen Langeweiler nennen würden. Niemand wird bei ihm  Glamour suchen – oder gar die Neigung, diesem zu verfallen. Trotzdem hat er einen Beratervertrag mit der Maschmeyer Rürup AG abgeschlossen. Jenem Carsten Maschmeyer, der überall dort eine Rolle spielt, wo der Glamour glitschig wird – und wo er sich ein gutes Geschäft verspricht, auch auf dem Rücken seiner Kunden.

          Frau Maischberger vermied dieses Thema, weil sie den inhaltlichen Kern herausarbeiten wollte, der mit dem Namen „Riester-Rente“ verbunden ist. Deshalb hatte sie auch Norbert Blüm als Riesters Antipoden eingeladen. Interessanter waren aber die beiden Frauen in der Sendung: die 75 Jahre alte Christa Färber und die 61 Jahre alte Gabriele Kinder. Sie werden niemals in dem Hotel „Stadt Hamburg“ auf Sylt oder im „Bayerischen Hof“ in München übernachten. Es wird auch kein Groenewold mit seiner Kreditkarte ihre Rechnungen bezahlen. Sie sind (bzw. werden) beide als Rentnerinnen auf die Grundsicherung angewiesen sein. Frau Färber arbeitet zudem noch zwei Tage in der Woche als Putzfrau.

          Traditionell defizitär in der Umverteilung

          Blüm und Riester hatten beide dazu nichts zu sagen, weil sie wissen, dass Frauen mit diesen Biographien im deutschen Rentenversicherungssystem schon immer auf der Strecke geblieben sind. Es war traditionell hoch defizitär in der Armutsvermeidung. Man muss sich nur die Biographien der sogenannten „Trümmerfrauen“ nach dem Krieg ansehen. Sie ähnelten denen von Frau Färber und Frau Kinder. Unser Alterssicherungssystem – ob nun mit oder ohne Riester-Rente - privilegierte historisch den männlichen Arbeitnehmer mit einer durchgehenden Erwerbsbiographie und (mindestens) einem Durchschnittseinkommen. Zudem war die Umverteilungswirkung etwa im Vergleich mit den skandinavischen Systemen schon früher gering. In den vergangenen dreißig Jahren wurde sie dann jedoch noch weiter reduziert.

          Rentner werden in unserem Rentensystem an den Rand gedrängt
          Rentner werden in unserem Rentensystem an den Rand gedrängt : Bild: dapd

          Der Hinweis Riesters auf die Absenkung des Rentenniveaus in der Amtszeit von Blüm war durchaus richtig. Er vergaß nur zu erwähnen, dass etwa die große Rentenreform (RRG 92) vom 9. November 1989 mit Zustimmung der SPD erfolgt war. So warfen sich beide Sozialpolitiker mit guten Argumenten jeweils ihre blinden Flecken vor. Frau Maischberger war gut vorbereitet, obwohl es ihr die beiden Herren nicht leicht machten.

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