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Frühkritik: Maybrit Illner : Nur die Freiheit zählt

Wird schon kritisiert, bevor er überhaupt Bundespräsident ist: Joachim Gauck Bild: dpa

Auch bei Maybrit Illner ging es um die Frage, ob Joachim Gauck der richtige Bundespräsident ist. Für die Linkspartei ist er es nicht. Und das ist auch gut so. Markus Lanz hofft derweil auf eine künstliche Hüfte.

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          Verfolgt man die Debatte über die bevorstehende Bundespräsidentenwahl, kann man den Eindruck bekommen, wir lebten in einer konstitutionellen Monarchie. Oder in einer Staatsform, in welcher alle Macht vom Bundespräsidenten ausgeht. Der zumindest ein Alleskönner, Allesversteher und Allwissender sein muss, eine eierlegende Wollmilchsau, ein Titan, der hundert Prozent der Bürger hinter sich bringen muss. Wehe, er eckt an, wehe, er stößt etwas an, wehe, er ist nicht so weichgespült, dass ihn alle irgendwie mögen können. Wehe, es ist ein Mann wie Joachim Gauck.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Denn der muss den Großteil seines Lebens nicht als evangelischer Pfarrer in der DDR, sondern im Vorstand von Goldman Sachs verbracht haben, folgen wir zum Beispiel den Ausführungen von Klaus Ernst von der Linkspartei oder von Alexis Passadakis, eines Vertreters von Attac, am Donnerstagabend in Maybrit Illners Talkshow im ZDF. Demonstranten habe Gauck verächtlich gemacht, sagte der Attac-Mann, keinen Sinn für die Gefahren des Finanzmarktkapitalismus besitze Gauck, dozierte Ernst. Am Ende, folgte man den Kritikern von Linksaußen, ist Gauck gar ein Feind der Freiheit, von der er andauernd spricht, zumindest von der Freiheit, die sie meinen. Doch was für eine „Freiheit“ ist das?

          Freiheit ist die Freiheit der Anlegenden

          Diese Freiheit ist nicht die des einzelnen, ist nichts, wofür man politisch kämpfen müsste, sie ist auch nicht Ausfluss der Menschenwürde, wie Kurt Biedenkopf bei Illner meinte, man erhält sie vielmehr am Bankautomaten. Sie wird ausgezahlt. Investmentbanker bekommen sie als siebenstelligen Bonus am Jahresende nachgeworfen, alle anderen kriegen sie in kleiner Münze bis runter zum Existenzminimum. Dass die Freiheit ein Grundwert ist, der nicht von der Einschätzung der Ratingagenturen abhängig ist, möchte man angesichts solcher Debattenbeiträge nicht annehmen. Freiheit ist immer die Freiheit der Anlegenden.

          Hatten wir früher, zu Sabine Christiansens Zeiten, vielleicht einen vom Fernsehen befeuerten neoliberalen Diskurs, hat sich der inzwischen gründlich in sein Gegenteil verkehrt, auch das erkennt man an den Debatten über Joachim Gauck. Es geht weniger um ihn, denn um das System, für das er angeblich steht. Dass die von der Finanzbranche betriebene systematische Aushöhlung der Demokratie das Gegenteil dessen ist, wofür Gauck steht, spielt keine Rolle. Man nimmt einen Satz von ihm, vielleicht auch nur ein Wort, und hängt ihn daran auf. Etwa an der Einlassung, dass er die Occupy-Proteste gegen die Banken für „albern“ hält, weil es ihnen an Zielsetzung fehle.

          Die Erwartungen sind „brutalst groß“

          Eine Rede gelesen, eine Rede gehört von Joachim Gauck können Kritiker, die derart verfahren, allerdings nicht haben. Sonst kämen sie nicht - wie bei Illner – auf die Idee, dem künftigen Bundespräsidenten zu unterstellen, er schätze Verantwortung gering, die soziale zumal. In Wahrheit erfüllt sich die Freiheit für Gauck erst, wenn sie in die Entscheidung mündet, Verantwortung zu übernehmen. Insofern kann man es an einem solchen Fernsehabend nur mit der Schriftstellerin Monika Maron oder mit Kurt Biedenkopf halten, welche die gegen Gauck vorgetragenen Vorwürfe für einigermaßen absurd halten. Gerade Biedenkopf machte als Stimme der Vernunft und vollständigen Exegese bei Maybrit Illner eine gute Figur, die schon eingangs davon gesprochen hatte, dass die an den Bundespräsidenten gerichteten Erwartungen „brutalst groß“ seien. Sie sind vor allem brutalst ideologisch aufgeladen. Und das, bevor Gauck auch nur ein Wort als Bundespräsident sagen konnte.

          Dass man als Politiker am besten nichts sagt und unbequeme Wahrheiten am besten nicht einmal denkt, konnte man hernach im ZDF einmal mehr bei dem unsäglichen Markus Lanz sehen. Denn der wollte, in seiner unnachahmlich klebrigen Art, den CDU-Politiker Philipp Mißfelder doch tatsächlich noch einmal auf die – abermals aus dem Zusammenhang gerissene - Äußerung festnageln, dass Fünfundachtzigjährige nicht mehr unbedingt eine künstliche Hüfte bezahlt bekommt müssten. Mißfelder musste schon mächtig strampeln, bis er dem Moderator, dessen Einsichten, wie bei den Kollegen auch, auf kleine Karteikärtchen passen, vermittelt hatte, worum es bei dieser Sache eigentlich ging: Um die demographische Entwicklung, um die Frage, welches Gesundheitssystem wir uns künftig noch werden leisten können, um die Frage, mit welchen Lasten die Älteren den Jüngeren noch kommen werden und wie das alles zu bezahlen sei.

          „Der kleine Herr Lanz“

          Ob der „kleine Herr Lanz“ denn im Alter auch noch darauf hoffen dürfe, eine künstliche Hüfte (bezahlt) zu bekommen, fragte der mit einem selbstverständlich großen öffentlich-rechtlich finanzierten Honorar ausgestattete Herr Lanz den Sohn eines Stahlarbeiters, der schon mit zwölf in die CDU eintreten wollte. Dürfe er, sagte Mißfelder. Und Günther Jauch, dessen siebenstelliges Honorar am vergangenen Sonntag der SPD-Grande Henning Scherf mit Blick auf die Kritik an Politiker-Gehältern kritisierend anführte, darf das wohl auch. Manche Talkgäste dürfen derweil auf die Bigotterie hinweisen, die wir bei solchen Gelegenheiten allabendlich bezeugen dürfen. Besser bezahlt als ein Bundespräsident werden die meisten, die da Kärtchen halten, allemal. Dabei erwarten wir von ihnen durchaus weniger.

          „Lasst das Land nicht an diesem Tag enden“, sagte Marianne Birthler, Gaucks Nachfolgerin in der Stasiunterlagenbehörde, wenn wir sie beim Umschalten auf „Beckmann“ im Ersten richtig verstanden haben. Und meinte wohl, dass die Freude an Joachim Gauck dann erst beginnen und die rege Debatte über politische Teilhabe nicht versiegen solle. Schönes Schlusswort, sagte Reinhold Beckmann.

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