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Frühkritik: „Maischberger“ : Im euroskeptischen Dschungel

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Es gibt sie auch nicht, wenn Kurt Biedenkopf den deutschen Handelsbilanzüberschuss der vergangenen zehn Jahre erwähnt, wonach der deutsche Exportboom auf der Bereitschaft der anderen Eurostaaten beruhte, sich unter anderem bei deutschen Banken zu verschulden, woraus eine deutsche Verantwortung für die Eurokrise resultierte, aus der man wiederum politische Schlussfolgerungen ziehen müsste. Immerhin nahm Frau Wagenknecht diesen Ansatz auf und formulierte als Grundsatz für eine funktionierende Währungsunion eine „produktivitätsorientierte Lohnpolitik“ für alle Mitgliedsstaaten in der Eurozone. Dagegen hat Deutschland tatsächlich verstoßen – und konnte nur so die Überschüsse erzielen, die Biedenkopf erwähnt hatte.

Frau Ostermann formulierte „als Unternehmerin“, wie sie sagte, den Einwand, dass es keine staatliche Lohnpolitik geben dürfe. In diesem Moment hätte die deutsche Malaise, nämlich volkswirtschaftliche Logik durch die betriebswirtschaftliche Brille zu betrachten, gut thematisiert werden können. Und im übrigen hätte die Moderatorin die Frage stellen können, warum in diesem Punkt Biedenkopf und Frau Wagenknecht übereinstimmen. Stattdessen suchte kurioserweise die Bundesarbeitsministerin nach dem „Obergedanken“ in den Aussagen von Frau Wagenknecht und Frau Ostermann. Vielleicht hätte sie es besser zuerst mit deren ausgesprochenen Gedanken versuchen sollen. So musste man mühsam in der gestrigen Talk-Show eine Erzählung rekonstruieren, um überhaupt einen Sinn herstellen zu können.

Sarkozy als Wiedergänger Clemenceaus

Kurt Biedenkopf hat auf die Frage von Frau Maischberger zum Titel der Sendung ordnungsgemäß geantwortet, dass von „Eurokalypse“ nicht die Rede sein könne, weil das schließlich den Verlust jeder politischen Steuerung bedeute. Aber er konnte zu dem Zeitpunkt nicht mit Hans-Olaf Henkel rechnen. Der ehemalige BDI Präsident ist gerade auf den Weg in seinen euroskeptischen Dschungel. Er weiß nur noch nicht genau, wo er sein politisches Lager aufschlagen soll. Natürlich geht es nicht wie in Coppolas Film um den Zivilisationsbruch, darum alle normativen Grundlagen unserer Gesellschaft abzustreifen. Aber Henkel ist auf dem Weg, die europäische Einigung ihres deutsch-französischen Kerns zu berauben. Sein Konzept eines Nordeuros beruht auf den Ausschluss Frankreichs.

In der Folge gab es einen erkenntnisreichen Dialog mit Kurt Biedenkopf. Henkel argumentierte allein ökonomisch. Frankreich betrachtet er nicht mehr als eine für Deutschland besondere politische Größe. Man könne daher ohne Frankreich einen stabilen Nordeuro einführen. Schließlich habe man auch mit Polen keine gemeinsame Währung.

Biedenkopf hält diesen Ansatz für unhistorisch und sieht in der von Henkel propagierten Trennung von Frankreich eine „beispiellose politische Demütigung“. Henkels Einwand, er habe elf Jahre in Frankreich gelebt und sei Ritter der Ehrenlegion, mache die Sache „um so unglaublicher“, so Biedenkopf. Henkels Antwort: „Ich kann das nicht mehr hören.“

Nun ist es kein Geheimnis, dass die französischen Banken bei einem Schuldenschnitt für Griechenland unter enormen Druck geraten werden. Henkel will für die Rekapitalisierung der Banken nur eine nationale Lösung akzeptieren. Kein deutscher Cent an Frankreich - das ist seine unmissverständliche Botschaft. Nun kann man über Nicolas Sarkozy sicherlich geteilter Meinung sein. Aber bei Henkel wirkt er wie ein Wiedergänger von Georges Clemenceau. „Ich versuche immer, wenigstens die wichtigsten Thesen unterzubringen, natürlich in der Hoffnung, dass etwas hängenbleibt“,  so beschrieb Hans-Olaf Henkel in der Welt am Sonntag vom 4. September 2011 seine Rolle in den Talk-Shows im Deutschen Fernsehen. Das ist ihm gestern ohne Zweifel gelungen. Man wird sehen, ob sich relevante Teile des deutschen Bürgertums mit ihm von der Konstante deutscher Nachkriegspolitik verabschieden wollen: Nichts ohne Paris. Es geht bei der Eurodebatte um mehr als um unser Geld. Immerhin: das ist gestern deutlich geworden.
 

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