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Frühkritik: Illner und  Jauch : Dramatik eines Tages

  • -Aktualisiert am

Im zweiten Anlauf: Joachim Gauck soll neuer Bundespräsident werden Bild: Reuters

Am Sonntagabend erfuhr die Republik bei Maybrit Ilner und Günther Jauch, wie bei uns Präsidenten gemacht werden. Das erlebt man nicht jeden Tag.

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          „Wo ist Hintze?“ Vielleicht hätte Bruno Moravetz am Samstag noch so gefragt. Die älteren Semester erinnern sich noch an seine legendäre Suche nach Jochen Behle bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid. Behle war damals trotz der besten Zwischenzeit aus dem Blick der Fernsehübertragung geraten. Peter Hintze wird sich das in den vergangenen Tagen sogar gewünscht haben. Schließlich brachte er die Staatsanwaltschaft in Hannover durch seine Aussage bei Günther Jauch auf die richtige Spur. Eine Talk-Show wurde so zum Stolperstein. Aber im Laufe dieses Sonntags sollte niemand mehr Peter Hintze vermissen. Getreu dem alten monarchischen Prinzip „Der König ist tot, es lebe der König“ ließ die Suche nach dem neuen Bundespräsidenten die Umstände des Rücktritts des Alten in Vergessenheit geraten.

          Dabei ist in der Bundesrepublik Deutschland die Wahl eines neuen Staatsoberhauptes bekanntlich die Sache der Parteien. Es gehört bei der Kandidatensuche zum guten Ton, das sogenannte parteipolitische Kalkül möglichst zu bestreiten. Die Parteien bekunden unisono ihre Abscheu vor den gerne „Gezänk“ genannten Überlegungen, wie man dem politischen Gegner ein Bein stellen kann. Diesen guten Willen konnte man gestern live erleben. Erst ab 19.15 Uhr bei Frau Illner und anschließend ab 21.50 Uhr bei Jauch. Es war faszinierend zu erleben, wie sich zwischen beiden Sendungen die politische Großwetterlage dramatisch veränderte. In einer Schaltung zum ZDF-Korrespondenten Thomas Walde um 20 Uhr hieß es bei Frau Illner noch: „Das Ganze hat das Zeug, zu einem handfesten Koalitionskrach zu führen.“ Entsprechend war die Diskussion bei Frau Illner verlaufen.

          Im Minutentakt ändern sich die Zeiten

          So versuchte der bekanntlich mit der Bundeskanzlerin befreundete Klaus von Dohnanyi einen Ausweg aus jenem Dilemma zu weisen, das die plötzlich renitent gewordene FDP am Nachmittag mit ihrem Schwenk zugunsten Joachim Gaucks ausgelöst hatte. Er plädierte für eine Frau als Hausherrin im Schloss Bellevue, was durchaus das Anliegen der Kanzlerin gewesen sein könnte. Taktische Überlegungen spielten bei diesem Plädoyer aber kaum keine Rolle. Klaus von Dohnanyi war schon immer ein Vorkämpfer für die Befreiung der Frau. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Fuchs wollte sich dagegen gar nicht erst an Spekulationen beteiligen. Er gab seiner Kanzlerin freie Hand.

          Und sein Kollege Thomas Oppermann von der SPD hatte eine besonders interessante Idee: Man könne doch die Abstimmung in der Bundesversammlung freigeben. An diesem Montag wird er das sicherlich nicht mehr wiederholen. So ändern sich die Zeiten, nämlich im Minutentakt. Oppermanns Plädoyer für Gauck fußte vor allem auf dem Argument, dass die beiden Regierungsparteien im Juni 2010 gegen den damaligen Oppositionskandidaten gewesen waren. So war bei Illner zu erleben, wie sich niemand festlegen wollte. Die Sendung endete um 20.15 Uhr.

          Die Fans von Joachim Gauck

          Wenige Minuten später liefen die ersten Tickermeldungen von der Einigung auf einen gemeinsamen Kandidaten namens Gauck über den Bildschirm. Das hat man so noch nie erlebt: Günther Jauchs Sendung gehörte in das Archiv, bevor sie überhaupt ausgestrahlt worden war. Er sollte jetzt über eine Frage diskutieren, die leider gerade beantwortet worden war. Zum Glück musste er seine Sendung nicht „in die Tonne treten“, wie er es in einem etwas sarkastischen Eingangsstatement formulierte. Es drohte nämlich tatsächlich eine „Joachim Gauck ist ein toller Kandidat“-Sendung. So waren nur noch wirklich überzeugte Anhänger Gaucks eingeladen, wie der Journalist Ulrich Wickert und die große Dame des deutschen Liberalismus, Hildegard Hamm-Brücher. Außerdem noch die parteitaktisch motivierten Fans wie Andrea Nahles von der SPD und als frisch Bekehrter der rheinische Katholik Wolfgang Bosbach von der CDU. Dazu kam noch Heiner Geißler, der aber immer für Überraschungen gut ist.

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