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Frühkritik: Günther Jauch : Warten auf Voßkuhle

  • -Aktualisiert am
Vergebene Liebesmüh - vor allem für den Zuschauer: Günther Jauchs Sendung zum anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum europäischen Rettungsschirm ESM
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          Im Fernsehen ist die Zeit immer knapp, außer im Genre der Vorberichterstattung. „Wir warten auf’s Christkind“ war schon immer die heikelste Disziplin im Kinderprogramm, denn es durfte nicht öder sein als die Wartezeit ohne Fernseher, aber auch nicht spannender als die Bescherung selbst. Am Sonntagabend wurde der Zuschauer von „Günter Jauch“ in so eine kindliche Gemütsverfassung versetzt, man wurde zappelig vor Langeweile. Der Stuhlkreis wartete gemeinsam auf das Urteil der Verfassungsgerichts, noch drei Mal schlafen, dann kommen die Männer in den roten Roben. Doch vorher gab’s nicht viel zu sagen.

          Winfried Hassemer, der legendäre ehemalige Vizepräsident des Verfassungsgerichts, brachte die Situation auf den Punkt: „Selbst wenn ich eine Meinung hätte, würde ich sie nicht sagen.“ Damit hat es sich natürlich erübrigt, diese Sendung weiter anzusehen, aber das war eine logische Folge der Wahl des Themas.

          Fest der politischen Nostalgie

          Wer will schon einem wichtigen Urteil des höchsten Gerichts vorgreifen? Soll man denen öffentlich Tipps geben? Diese respektierte, unabhängige Instanz unserer Verfassung ermahnen oder ermuntern? Man kann eigentlich nur eines tun: Plaudern und scherzen, bis das Urteil bekannt ist. Man kann es aber auch sein lassen, es sei denn man heißt Söder oder Jörges, dann kommt man immer, die beiden sind nun schon gute deutsche Talkshow-Folklore. Jörges klang oft so, wie die Kanzlerin klingen würde, wenn sie sich deutlich ausdrücken würde, Söder hielt natürlich dagegen, so lief es auf eine x-te Wiederauflage des Bruderzwistes innerhalb der Union hinaus – für heutige Erwachsene auch eine Art Kindheitserinnerung und ein Fest der politischen Nostalgie.

          Winfried Hassemer und Otmar Issing waren als Fachleute da, doch ihre Gebiete liegen so weit auseinander, dass keine Brücke vom einen zum anderen führt. Es ging also um alle jene Themen, die eine beliebige Gruppe von Bundesbürgern miteinander erörtern würde, wenn der Fahrstuhl stecken geblieben wäre und jemand würde Euro murmeln. Die Spekulanten wurden angeprangert, die Südländer auch, dann wurde gestöhnt, wer das alles noch verstehen oder gar bezahlen solle, und es wurde die Befürchtung laut, der kleine Mann müsse alles tragen, die da oben hingegen hätten keine Ahnung. Wenn Flauberts „Bouvard und Pécuchet“ die Eurokrise zu kommentieren gehabt hätten, es hätte genau so geklungen wie diese planlose Sendung.

          Mit Spannung erwartet: das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur deutschen Beteiligung bei der Euro-Rettung
          Mit Spannung erwartet: das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur deutschen Beteiligung bei der Euro-Rettung : Bild: dapd

          Eine Spitze Gemeinheit und Polemik kam hinein, als plötzlich ein Einspielfilm mit Aussagen von Jean-Claude Juncker, dem alten Fahrensmann der europäischen Einigung, gezeigt wurde. Juncker erklärte – man erfuhr nicht, in welchem Zusammenhang – dass es ab und an schon mal notwendig sei, hinter verschlossenen Türen zu tagen, ja gegebenenfalls zu lügen. Fair wäre es gewesen, ihm selbst Gelegenheit zu geben, diese Ausschnitte zu kommentieren, aber es war eine rein deutsche Runde. So war es auch möglich, je nach Standpunkt fremde Buhmänner zu bezeichnen. Was dem einen seine amerikanischen Spekulanten sind, sind dem anderen die faulen Südländer und allen zusammen die da oben oder die in Brüssel.

          Warum nicht eine Runde mit 17 Europäern?

          Zwei abschließende Bemerkungen: Man sollte in Sendungen dieser Art nicht von „den Menschen“ reden, als gehörten die Diskutanten einer anderen biologischen Spezies an. Man kann doch sagen „wir Menschen“. Und dann sollten die Menschen nicht als naiver und gefühlsgesteuerter gezeichnet werden als sie sind. Viele sind auch ziemlich schlau.
          Es sollte zum Thema Europa auch keine rein deutschen Runden mehr geben. Die Kunst ist es ja gerade, eine europäische Gegenwart und Zukunft gemeinsam zu gestalten und zu bereden, da wäre es von Vorteil, wenn auch die Zuschauer und nicht nur die Verhandlungsführer mal sehen könnten, wie das praktisch aussieht mit 17 Eurozonenstaaten. So eine 17er Runde, aus jedem Land einen Vertreter und in der Eurovision übertragen – würde das das öffentlich-rechtliche Fernsehen überfordern? Übermorgen geht Europa baden, aber die Programmschemata und Quotenvorgaben gelten unverändert?

          Und schließlich: Wenn das Ereignis, das der Sendung ihr Thema vorgibt, an einem Mittwoch stattfindet, die Sendung aber für den Sonntag vorgesehen ist, dann wählt man eben ein anderes Sonntagsthema und überlässt Karlsruhe den Kollegen von „Anne Will.“ Ergibt sich kein anderes Thema, dann sendet  man besser klassische Ausgaben von „Einer wird gewinnen“ mit dem alten Kulenkampff, da traten sogar echte Ausländer aus Europa auf.

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