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Frühkritik: Günther Jauch : „So ein strahlendes Schälchen hat doch jeder“

Energiepolitik im Debattennebel: Jauchs Runde findet keine klare Richtung in der Energiepolitik Bild: dpa

War die deutsche Energiewende nach der Atomkatastrophe von Fukushima richtig? Über den Sündenfall Atomkraft lässt sich unter Gestrigen immer prächtig streiten.

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          Das Schlimmste, was dieser Sendung passieren konnte, war, dass am Ende ein Zuschauer in der Energiepolitik vehement eine Rückwärtsrolle von der Bundeskanzlerin fordern durfte und ein anderer gleichzeitig beklagen konnte, die Kanzlerin rolle offensichtlich nur noch rückwärts. Ob es bei diesem Dauerpurzelbaumschlagen dann gegen jede Intuition wirklich dazu kommen könnte, dass die Kernkraft als Gewinner herauskommt und die Photovoltaikbranche als großer Verlierer, das war eigentlich auch völlig gleichgültig. Und es war in dieser Runde auch nicht mehr diskussionswürdig. Denn die Diskussion war sowieso längst in der energiepolitischen Endlosschleife angekommen, wo sie immer hingerät, wenn die Gegner und Befürworter der deutschen Energiewende streiten: im einvernehmlichen Austauschen von „Zahlenmärchen“ und „Propaganda“ (Solarbefürworter und Kernkraftgegner Franz Alt) und von Vorwürfen der „Manipulation“ und des „bloßen Kampfs um Subventionen“ (Solargegner und Kernkraftbefürworter Wolfgang Clement).

          Joachim Müller-Jung
          (jom), Feuilleton, Natur & Wissenschaft

          Was es also in dieser Situation bedurfte und was Günter Jauch für seine Fukushima-Jahrestag-Gesprächsrunde mit dem Titel „Sündenfall Atomkraft – geht’s wirklich ohne Kernkraft?“ dringend nötig hatte, war die Stimme eines entschiedenen Mediators – eines besonnenen und wenn möglich weltanschaulich neutralen Weltgeistes wie ihn der ehemalige Umweltminister Professor Klaus Töpfer seit der Übernahme seiner Rolle als Energiewenden- und Nachhaltigkeitsapostel durchaus glänzend darstellt. Jauch konnte also von Glück sagen, dass er den Atomausstiegs-Ethiker Töpfer neben sich sitzen hatte – und damit gewinnen konnte für eine Runde, die sich vom Katastophengedenken und Risikostreit zum üblichen Konflikt der Energiequellendogmatiker auswuchs.

          Jauch ließ es sich auch nicht nehmen, dem Unvermeidlichen eine populäre Untermalung zu verpassen, indem er die Schriftstellerin Gudrun Pausewang („Die Wolke“) als Vertreterin der legendären Atomkraft-nein-danke-Bewegung in die Runde einschloss. Das gab dem Ganzen neben der aktuellen immerhin eine nostalgische Note.

          Ein bisschen Radioaktivität kann ja nicht schaden

          Das Aufeinanderprallen von uralten energiepolitischen Betonkopfargumenten war deshalb auch keineswegs das Zweitschlimmste, was der Jauch Sendung passieren konnte. Diese Ehre gebührt dem Ex-Astronauten Ulrich Walter. Er brachte es fertig, in einem Anflug von kosmischer Weisheit, die ihm sicher der Himmel bei seinem nahen Vorbeiflug dereinst geschenkt hatte, die jüngsten strahlenmedizinischen Erkenntnisse und Zweifel über die Risiken radioaktiver Strahlung in seltsam wohlklingende, aber ewiggestrige Bilder zu verpacken. „So ein strahlendes Schälchen hat doch jeder zu Hause“, sagte er, und hielt den wild knisternden Geigerzähler an das grün gefärbte Glas. Gleich im Anschluss verwies er auf die Pottasche und das Backpulver, die unseren strahlenbiologischen Alltag bereichern. „Der Mensch strahlt“ und „nicht jede Strahlung ist gefährlich“ - mit solchen banalen Feststellungen erinnerte Walter ungewollt nicht nur an die bewusst verharmlosenden Comics, die etwa die japanische Regierung in schöner Tradition zu ex-sowjetischen Propagandablättern nach der Fukushima-Havarie unter die Bevölkerung brachte. Er wagte sogar den strahlenmedizinischen Umkehrschluss, dem nicht einmal wohlmeinende Experten im Kontext von Kernkraftunfällen wie Tschernobyl oder Fukushima kaum unterschreiben könnten: Dass „in diesem Sinne ein bisschen Radioaktivität ganz gut ist“.

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