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Friedrich der Große im Film : Clips und Bits vom Alten Fritz

Der Preußenkönig im Kasperletheater: Katharina und Anna Thalbach spielen den älteren und den jüngeren Fritz Bild: rbb/Thorsten Jander

Die ARD zeigt zum Jubiläumsjahr: „Friedrich - Ein deutscher König“. Anna und Katharina Thalbach spielen; es ist leider eine Karikatur.

          3 Min.

          Wie erzählt man Geschichte im Fernsehen? Lässt man sie nachstellen, nachspielen, schüttelt man ihre schriftlichen Reste aus dem Archiv, schickt man ein Reporterteam los, um ihre Erben zu interviewen? Oder setzt man Guido Knopp vor die Kamera und lässt in seinen Sprechpausen nachvertonte schwarzweiße Dokumentarbilder laufen? Was aber, wenn die Dokumente fehlen, wenn die Historie, dem Fernsehrat sei’s geklagt, vor der Einführung des Zelluloidstreifens stattfand, so dass niemand sie abkurbeln konnte?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Amerikaner haben es leicht in diesem Fall, sie setzen einem Jüngling einen Hut auf, ziehen ihm eine weiße Jacke mit Kordeln an und nennen ihn Nelson, Tutanchamun oder Julius Cäsar. Dazu feuern sie ein paar Flinten ab, lassen einige Gäule wiehern und eine Archäologin malerisch durchs Gelände stapfen. Die deutschen Fernsehkünstler machen sich die Sache schwerer. Sie sammeln Material, wälzen Geschichtsbücher, fragen Experten, schreiben Dialoge und zermartern sich den Kopf über die Besetzung. Und am Ende machen sie es so wie die Amerikaner, nur ohne deren Charme.

          Schlechtes Reenactment

          „Friedrich - Ein deutscher König“ ist ein Film des Rundfunks Berlin-Brandenburg und anderer Anstalten über Friedrich den Großen. Den König, eine Doppelrolle, spielen Katharina Thalbach und ihre Tochter Anna. Das sei, sagt Regisseur Jan Peter, eine Entscheidung „gegen das oft übliche Reenactment“, ein Spiel „mit Klischees, mit Rollenfestschreibungen“. Katharina Thalbach ihrerseits erzählt im Interview, wie ihre Großmutter ihr immer den Alten Fritz vorspielte: „Die hat ihren alten Pelzmantel angezogen, irgendwelche Hüte zerbeult und dann fürchterlich finster geguckt.“ Und genau so spielt sie ihn auch, neunzig Minuten lang. Das könnte ein toller Spaß sein, wenn der Film es nicht so fürchterlich ernst meinte. Aber so ist das deutsche Geschichtsfernsehen: Mit seinen Späßen ist nicht zu spaßen.

          So ist das deutsche Geschichtsfernsehen: Mit seinen Späßen ist nicht zu spaßen

          Der Rest ist Reenactment, aber schlechtes. Das Schlachtfeld von Kunersdorf, wo der König in der Rahmenhandlung auf dem Rückweg aus dem Siebenjährigen Krieg Station macht, wird von einer uckermärkischen Heuwiese gespielt, das ruinierte Preußen von einer zerfledderten Windmühle. Ein Jüngling mit Buch und Perücke stellt den königlichen Vorleser Henri de Catt dar, ein Jüngling ohne Buch den Jugendfreund Katte. Friedrichs Gemahlin Elisabeth Christine wird als der Trampel präsentiert, der sie nie war, und seinen Vater, den Soldatenkönig, den das Klischee als Fresser, Säufer und Wüterich kennt, sieht man fressen, saufen und wüten, dass es eine Art hat.

          Stereotyp des Schöngeists und Franzosenfreunds

          Das Spiel mit den Rollenfestschreibungen läuft eben, vom Fernsehstandpunkt aus betrachtet, üblicherweise darauf hinaus, dass die Rollen noch fester geschrieben werden. Deshalb darf der junge Fritz der Anna Thalbach auch kein Jota vom Stereotyp des Schöngeists und Franzosenfreunds abweichen, das die borussische Überlieferung gemalt hat. Nur einmal, als von der Lust des Kronprinzen und Königs an Maskeraden und Täuschungen die Rede ist, lacht Thalbach ihrem Spiegelbild ins Gesicht und plaudert kokett vom „Rendezvous mit dem Ruhm“. Der Ruhm, ausgerechnet! Gerade er ist das Einzige, mit dem es diesem Monarchen je ernst war, das einzige Rendezvous, das er immer eingehalten hat. Selbst da, wo er richtig liegt, spielt der Film falsch.

          Als Experten treten Christopher Clark, Autor des tonangebenden Preußenbuchs, Schlösserstiftungspräsident Hartmut Dorgerloh und die Wiener Historikerin Monica Kurzel-Runtscheiner auf. Sie sagen, was man erwartet: dass Friedrichs Vater ein maniac war und er selbst ein hochbegabter Misanthrop, frauenfeindlich, vielleicht homosexuell (aber nicht zu sehr); dass er den Starruhm genoss, den seine Kriege und Schriften ihm verschafften; dass der Preis seiner Legende die Einsamkeit war. Dazu spielt der Film ein bisschen mit der digitalen Paintbox herum, lässt hier ein Schlachtengemälde aufflammen, dort einen Blutfleck auf einem Offiziershabit verlaufen oder die Züge eines Darstellers zum Ölporträt erstarren. Und eine Erzählerstimme sagt, dass bei Kunersdorf „das letzte Aufgebot“ Preußens gegen die Österreicher kämpfte und mit Friedrich „das Zeitalter der großen Könige“ endete. Der Puder staubt. Die Roben rauschen. Der Klatschmohn blüht. Es ist zum Weinen.

          Friedrich - Ein deutscher König läuft am Samstagabend, 7.Januar, um 20.15 Uhr auf Arte und am Montag, 16. Januar, um 22.45 Uhr im Ersten

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