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Eurovision Song Contest 2020 : Mehr als ein Liederwettbewerb

In Bewegung: Die isländische Gruppe Daði Freyr og Gagnamagnið reist mit dem Lied „Think about things“ zum deutschen ESC in Hamburg an. Bild: dpa

Nicht nur die ARD richtet eine abgespeckte Version des Eurovision Song Contest aus, auch Pro Sieben zeigt am Samstagabend einen Sängerwettstreit. Welche Show sollte man sehen?

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          Vor wenigen Wochen war Stefan Raab plötzlich wieder im Gespräch: Weil bei der Show „The Masked Singer“ ein Faultier antrat, das klang wie er. Dann klang es wieder ganz anders, es war verwirrend, aber die meisten tippten, dass Stefan Raab im Kostüm steckte, und sowohl aus den Jurymitgliedern als auch aus den sozialen Medien klang echte Wehmut: Ist er vielleicht wieder da? Kommt er zurück?

          Im Faultier steckte der Schauspieler Tom Beck, der sich bei allen entschuldigte, die Stefan Raab erwartet hatten. Aber Stefan Raab ist trotzdem wieder da: Er produziert die Konkurrenzveranstaltung „Free ESC“, mit der Pro Sieben am Samstag das Original im Ersten angreift. Nach der Absage des Eurovision Song Contest war die Showidee wohl als Alternative gedacht, aber da die ARD sich nun doch zu einer eigenen Sendung durchgerungen hat, sehen die Zuschauer sich der Entscheidung gegenüber: Was soll man anschauen? Lohnt es sich, hin- und herzuzappen?

          Wer macht es spannender?

          Diese Frage hätte sich beim ESC bisher aus zwei Gründen nie gestellt: Erstens sendeten die anderen Kanäle nichts Konkurrenzfähiges, zweitens war die Show mit sechsundzwanzig Liedbeiträgen stets so eng getaktet, dass es kaum Gelegenheit gab zum Wegschalten. Jedes Lied darf maximal drei Minuten dauern, das reicht gerade, um sich einen neuen Snack zu holen, wenn man eines als stinklangweilig identifiziert hat. Diesmal dürfte das anders werden. Bei der ARD treten nur zehn Kandidaten an, die bereits in einem völlig desolaten Halbfinale auf ARD One ermittelt wurden. Bei Pro Sieben sind es fünfzehn. Zwar sollen die Shows deutlich kürzer sein als üblich, aber man kann trotzdem mit etwas mehr Leerlauf rechnen. Das Quotenrennen wird am Ende die Show gewinnen, die es spannender macht, was als Nächstes passiert.

          Die ARD kann immerhin mit dem jetzt schon gefeierten isländischen Beitrag live auf der Bühne der Elbphilharmonie aufwarten: Daði Freyr og Gagnamagnið reist mit dem Lied „Think about things“ ebenso an wie die ebenfalls aussichtsreichen dänischen Teilnehmer Ben & Tan und The Roop aus Litauen. Der deutsche Kandidat Ben Dolic singt außer Konkurrenz seinen Song „Violent Thing“. Die anderen Beiträge werden als Musikvideos oder Mitschnitte aus den Vorentscheiden gezeigt. Alle Kandidaten dürfen nächstes Jahr wieder am ESC teilnehmen, aber mit neuen Songs. Barbara Schöneberger moderiert das Spektakel; Peter Urban und der ehemalige deutsche Teilnehmer Michael Schulte kommentieren. Am Ende wird mit Hilfe von Televoting und Jury-Urteilen ein Gewinner gekürt, bevor in die Niederlande geschaltet wird für eine internationale Show zu Ehren aller Teilnehmer.

          Auch aus dem „Free ESC“ wird am Ende jemand siegreich hervorgehen – aber wer das ist, das ist noch ungewisser als in der ARD. Fünfzehn in Deutschland lebende Künstler treten für ihre Heimatländer an, aber weder die Lieder noch die Namen der Sänger verrät der Sender. Lediglich ein paar prominente Punkteverkünder gab Pro Sieben bekannt: Lukas Podolski für Polen, Angelo Kelly für Irland. Als deutschen Beitrag versprach Stefan Raab „eine echte Legende“. Der Kandidat werde „alle bisherigen deutschen Teilnehmer an europäischen Musikwettbewerben künstlerisch und charakterlich“ überstrahlen. Dazu sehe er auch noch unglaublich gut aus. Wer nun dachte, Raab beschreibe sich mit der ihm eigenen Bescheidenheit selbst, dem beschied Pro Sieben: „Seine Karriere vor der Kamera hat er 2015 beendet.“

          Auch wenn das Konzept von Stefan Raab auf den ersten Blick unterhaltsamer und überraschender klingt als das der ARD, muss man es dem Senderverbund hoch anrechnen, dass er innerhalb von knapp zwei Monaten überhaupt eine so komplexe Show auf die Beine gestellt hat. Hier waren zwei Fähigkeiten gefragt, die nicht zu den Kernkompetenzen öffentlich-rechtlicher Anstalten gehören: den Kurs wechseln und Tempo aufnehmen. Dass dabei wohl vergessen wurde, das Halbfinale zu einer Sendung zu machen, nach der man sich das Gehirn nicht mit Lauge auswaschen möchte, ist tragisch, aber immerhin können Tonqualität und Moderation beim Finale nur besser werden.

          Kollektives ESC-Trauma

          Während bei Pro Sieben auch andere Länder Punkte vergeben, entscheidet für die ARD nur das deutsche Fernsehpublikum, weshalb Ben Dolic nicht regulär antreten darf. Das ist schade, aber es erspart den Fans die Angst, das kollektive ESC-Trauma der letzten Jahre könnte sich wiederholen: Michael Schulte war 2018 mit Rang vier der einzige Lichtblick. Ansonsten kann Deutschland zurückblicken auf S!isters und Levina (2019 und 2017 auf den vorletzten Plätzen), Jamie-Lee und Ann Sophie (2016 und 2015 auf den letzten Plätzen), Elaiza auf Platz 18, Cascada auf Platz 21. Davor landete Roman Lob immerhin auf Platz acht, und noch davor trat Lena doppelt an – und gewann, wie sich wohl jeder erinnert, 2010 mit „Satellite“. Es gibt also nicht viele Abstimmungen, auf die man als deutscher Anhänger gern zurückblickt. Die ARD weiß aber, wie man Fans tröstet: In der Nacht wiederholt sie Lenas Sieg.

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