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„Misha und die Wölfe“ bei Arte : Wie eine Frau sich als Holocaust-Überlebende ausgab

  • -Aktualisiert am

Misha Defonsecas Holocaust-Memoiren gingen um die Welt, nur stimmten sie nicht. Bild: Misha‘s Story

Misha Defonseca erzählte der Welt eine Geschichte, die sie reich machte: Sie habe als Kind, allein unter Wölfen, den Holocaust überlebt. Es war alles gelogen. Ein Arte-Film fragt: Was trieb sie an?

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          Im November 2007 kommt mit „Überleben mit Wölfen“ ein französischsprachiger Spielfilm in die Kinos, der für Furore sorgt. Seine vermeintlich verbürgt wahre Geschichte, die Geschichte eines Kindes, das mit der Hilfe von Wölfen den Holocaust im Wald überlebt, ist wie gemacht für Medien, die Historie gern mit gefühligem Touch ausstatten. Anlässlich der Filmpremiere in Paris tourt die eigentliche Protagonistin, Misha Defonseca, durch die Fernsehstudios. Seit Ende der Neunziger reist sie mit ihrer Biographie, aus der ein Bestseller wurde, durch die Welt. Sie trifft allerorten auf großes Interesse, Respekt, Mitgefühl, Ehrfurcht. Niemand hinterfragt die Plausibilität ihrer Geschichte. Das ist individualpsychologisch wie marketingtechnisch interessant. Müsste man sich nicht schlecht fühlen, die Glaubwürdigkeit eines Menschen zu bezweifeln, der der Schoa entkommen ist? Und ist diese Story nicht zu gut, um sie den anderen zu überlassen?

          Defonseca wird berühmt – und reich, insbesondere nach dem Rechtsstreit mit ihrer ersten Verlegerin, in dem die Jury ihr eine immense Entschädigungssumme zuspricht. Nur – es ist alles nicht wahr, wie Defonseca selbst später zugibt. Aus der Realität eines „Verräterkindes“ (ihr Vater nannte unter Folter Namen von Résistance-Angehörigen) im Nachkriegsbelgien flüchtet sie, das katholische Mädchen, schon früh in Fantasien, in denen sie sich eine jüdische Opferidentität zurechtlegt. Als kurz nach dem Kinostart des Films die Story auffliegt, glauben wiederum viele ihre neue Geschichte einer psychologisch schwer versehrten Frau, die durch Erfindung instinktiv heilen will und selbst keinen Realitätsbezug mehr hat. Manche sehen sie weiter als Opfer. Tatsache ist aber, dass Defonseca mit ihren falschen Erinnerungen Millionen verdient hat. Und dass ihre Tat die echten Opfer des Holocausts, die echten versteckten Kinder und ihre ermordeten Eltern und Angehörigen, erniedrigt. Sie beschädigt die Würde der Menschen und die Glaubwürdigkeit der echten Zeugnisse. Fast ein Jahrzehnt dauert es, bis der Fake aufgedeckt wird. Eine trotz allem erstaunliche Zeitspanne. Zumal es, wie sich gegen Ende des als spannungsdramaturgisch gewirkte True-Crime-Story erzählten Dokumentarfilms „Misha und die Wölfe“ herausstellt, schon früh Warnungen einer Holocaust-Historikerin gab. Sie blieben unbeachtet.

          Der Skandal, der auch ein Medienskandal ist, beginnt, und so beginnt auch die britische Produktion von Sam Hobkinson, im Städtchen Millis in Massachusetts. Hier lebt Misha in den Neunzigern mit ihrem Mann und zahlreichen Katzen. Eine Exzentrikerin, wie sich die Nachbarin erinnert. An einem Tag spricht Misha in der Synagoge von ihrer Vergangenheit: Sie sei eine Holocaustüberlebende. Eine ganz besondere, weil sie allein die Wildnis gerettet habe. Ihre Geschichte enthält einen Subtext: Ihr Überleben habe sie den Tieren zu verdanken, vermeintlichen Bestien. Aber die einzige Bestie in ihrer Geschichte ist der Mensch, sind die Nazis. Die Geschichte zieht Kreise und landet bei einer Kleinverlegerin, Jane Daniel, die daraus ein zunächst wenig beachtetes Buch macht. Oprah Winfrey schickt ein Kamerateam, das Misha im Wolfsgehege filmt. Ihre Beziehung zu den Tieren beschreiben einige der damals Anwesenden als sehr berührend. Disney kauft die Filmrechte. Richtig Fahrt nimmt die Vermarktung auf, als Misha die Verlegerin verklagt. Ihr Leben sei ausgebeutet, sie sei betrogen worden. Die Jury spricht Misha eine hohe Summe zu. Daniel steht nach eigener Aussage als „Monster“ da.

          Viele haben mitgewebt an Mishas Legende. Hobkinson inszeniert seine Ermittlung als Geschichtenerzählung in der Geschichte. Jede Protagonistin, jeder Protagonist bekommt eine eigens inszenierte Bühne. Mishas eigene Einlassungen sind wiederum Erfindungen – die der Film dekonstruiert, indem er das Ambiente ihres fiktiven Interviews zum Schluss in Einzelteile zerlegt und in einen Container verpackt. Selbst reden, steht im Abspann, wollte Defonseca nicht. Ergänzt werden die Berichte durch historische Kriegsaufnahmen und Fernsehauftrittausschnitte. Tränenspuren auf den Wangen, sagt Defonseca betroffenen Moderatoren, wie sie, vermutlich 1941, als Siebenjährige mit dem Messer einen Mann umgebracht habe, der ein anderes Kind vergewaltigt hatte. Er oder ich, sagt sie, diese Lektion habe sie im Wald gelernt. Hobkinson ergänzt die Szenen durch Zeichentrick und Reenactment der Recherche. „Misha und die Wölfe“ ist der beeindruckende Auftakt eines Arte-Schwerpunkts „Dokumentarfilm“.

          Misha und die Wölfe, 20.15 Uhr, Arte

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