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Mélenchon vs. Medien : Die Republik bin ich

Weil er sich in einer Affäre um veruntreute Gelder angegriffen fühlt, startet Jean-Luc Melenchon zum Gegenangriff. Bild: dpa

Private Geschäfte mit öffentlichen Geldern: Der französische Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon fühlt sich ungerecht behandelt und wettert gegen die Presse.

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          „Meine Person ist sakrosankt“, schrie Jean-Luc Mélenchon die Polizisten an und bedrohte sie. Seine Anhänger und Abgeordneten forderte er auf, die Durchsuchung der Büros seiner Partei „La France insoumise“ (Unbeugsames Frankreich) mit Gewalt zu stören. „Widerstand, Widerstand“, riefen sie. „Die Republik bin ich“, fluchte Mélenchon weiter. Er schwadronierte von einem Komplott des Präsidenten Macron, der ihm seine „politische Polizei“ ins Haus schicke, und bezichtigte die Justiz der Willkür und Kollaboration. „Feuer legen“ werde er. Ein Politiker, der als der kultivierteste Frankreichs gilt, dreht durch: Wer die Szenen gesehen hat, muss Donald Trump für einen wohlgesitteten, der Wahrheit verpflichteten Politiker halten. Mélenchon selbst übertrug sie direkt per „Facebook live“.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Um ein paar hunderttausend Stimmen hatte er 2017 den Einzug in die Stichwahl gegen Macron verpasst. Seither fühlt er sich um den Sieg betrogen und schuld sind – die Medien. Im vergangenen Januar starteten seine Anhänger das Fernsehprogramm „Le Média“ mit einer täglichen Nachrichtensendung. Zu den Gründern gehörte Sophia Chikirou, die Mélenchons Wahlkampf geleitet hatte. Schon im Februar verlor „Le Média“ mit seiner Berichterstattung über Syrien redaktionelle Glaubwürdigkeit. Eine Journalistin wurde rausgeworfen. Auch Chikirou verließ „Die Stimme Mélenchons“ im Streit. „Le Média“ fordert von ihr die Rückzahlung von Geldern, die an ihre Produktionsfirma Mediascop bezahlt worden waren – in ihrem Auftrag.

          Ermittlungen zur Finanzierung der Wahlkampagne

          Mit diesem zivilrechtlichen Konflikt haben die Durchsuchungen bei „La France insoumise“ nichts zu tun. Diese stehen im Zusammenhang mit Ermittlungen zur Finanzierung der Wahlkampagne und zur Bezahlung von Mitarbeitern mit mutmaßlich zweckentfremdeten Geldern des Europaparlaments. Ähnliche Untersuchungen laufen gegen Le Pens „Rassemblement National“ und Macrons Verbündete vom „Modem“ – Hausdurchsuchungen und Rücktritte inklusive. Im Zentrum steht die Frage: Hat Sophia Chikirou mit ihrer Firma der Partei überhöhte oder fiktive Rechnungen gestellt, welche vom Staat bezahlt wurden?

          Bei einem Fernsehduell 2017: François Fillon, Emmanuel Macron, Jean-Luc Mélenchon, Marine Le Pen und Benoît Hamon.

          Seit Wochen las man die Berichte mit zunehmendem Unbehagen, denn sie blendeten einen wesentlichen Aspekt aus: Es galt unter Journalisten und Politikern als ausgemacht, dass Sophia Chikirou und Mélenchon ein Paar sind. Sie haben ihr Privatleben nie in der Öffentlichkeit ausgebreitet, die Geheimhaltung ihrer Beziehung wurde von den Journalisten respektiert. Weniger gut informiert waren offenbar die Polizisten. Jedenfalls staunten sie nicht schlecht, als ihnen bei der Durchsuchung von Mélenchons Wohnung in Paris am frühen Morgen Sophia Chikirou die Tür öffnete.

          Anspielungen auf außerberufliche Beziehung

          Mélenchons Auftritt und seine Attacken beschäftigen die französische Öffentlichkeit. „Libération“ widmete der Affäre mehrere Titelgeschichten. Doch bis zum Wochenende hielten sich die Journalisten an das Tabu Privatsphäre. Am Samstag erlaubte sich das linke Info-Portal „Médiapart“ eine Anspielung: zwischen den beiden Protagonisten bestehe auch eine „außerberufliche Beziehung“. Schon viel früher hätte man sie thematisieren müssen, sind sich die Medien im Nachhinein einig. Das öffentliche Interesse sei höher zu gewichten, die Frage laute: Hat Mélenchon öffentliche Gelder erschlichen, um sie seiner Lebensgefährtin zukommen zu lassen? Der Vorwurf erinnert an seinen Kontrahenten bei der Präsidentschaftswahl François Fillon, der seine Frau für Scheinarbeit als parlamentarische Mitarbeiterin aus der Staatskasse bezahlen ließ. Fillon reagierte auf die Enthüllungen ebenfalls mit Rundumschlägen.

          Doch auch im Vergleich zu Fillon, der sich aus der Politik zurückgezogen hat, ist Mélenchons Hysterie außerordentlich. „Fake News“ sei die Unterstellung, er habe eine Beziehung mit Sophia Chikirou: „Sie ist nicht meine Lebenspartnerin. In meiner Wohnung gibt es ein Gästezimmer für Mitarbeiter, die nach Versammlungen nicht mehr nach Hause fahren können.“ In verschiedenen Aufrufen bezeichnete Mélenchon die Journalisten des öffentlich-rechtlichen Senders „France Info“ als „Idioten“: „Lasst sie verfaulen, wo immer ihr könnt. Die Leute sollen wissen, dass sie Lügner und Betrüger sind.“

          „France Info“ hat eine Klage wegen Ehrverletzung und Bedrohung eingereicht, Mélenchon klagt wegen der Verletzung des Amtsgeheimnisses. Die Redakteursvereinigungen der Zeitungen und alle Journalistenverbände protestieren. Mélenchons Glaubwürdigkeit ist weitgehend zerstört, es scheint unvorstellbar, dass er mit Sophia Chikirou in den Wahlkampf für das Europaparlament zieht.

          Präsident Macron darf sich freuen: Nach Marine Le Pen mit ihrem Auftritt im TV-Direktduell gegen ihn erlebt nun sein gefährlichster Gegner auf der Linken ein Mediendebakel. Selbst Mélenchons Anhänger gehen zusehends auf Distanz zu ihm, sein Amoklauf droht in den politischen Suizid zu münden. Macron schweigt und lässt die Franzosen schmunzeln. Er besuchte die Opfer der Überschwemmungen und tröstete sie: „Die Republik sind – Sie.“

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