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Netflix-Serie „Dealer“ : Der Krieg in der Vorstadt

  • -Aktualisiert am

Macht einen verhängnisvollen Fehler: Franck (Sébastien Houbani) wollte eigentlich nur ein Musikvideo drehen. Bild: Netflix

Endstation Drogensucht: Die französische Serie „Dealer“ verabreicht uns eine Überdosis kaputte Gegenwart. Das ist so aufregend wie wenig sonst zurzeit.

          3 Min.

          Zittrig, wenn überhaupt, wird man diese Betonhölle vor Marseille verlassen. So viel Unmittelbarkeit, so viel Adrenalin ist selten. Die wuchtige französische Netflix-Serie „Caïd“, gegen die das Gebaren des Neuköllner Hamady-Clans aus „4Blocks“ wie eine Vorabend-Telenovela wirkt, hebt auch gleich alle Formatgesetze aus den Angeln. Nicht nur dass sie komplett im Found-Footage-Stil gedreht ist, wie man das seit „Blair Witch Project“ vor allem in Horror- oder Monsterfilmen versucht hat. Die zehn Episoden von „Dealer“, so der etwas stumpfe internationale Titel, sind auch noch lediglich zwischen acht und fünfzehn Minuten lang. So verdichtet, bleibt kein Platz für Beiwerk und bedeutungsschwere Blicke in die Abendsonne.

          Es gilt zu überleben in diesem zum Drogen-Drive-In ausgebauten Vorstadtgetto, und zugleich hat sich der Protagonist Franck (Sébastien Houbani), ein Musikvideoproduzent, der unvermutet zu einer Art Kriegsreporter wird, noch nie so lebendig gefühlt wie im Umfeld des charismatischen Kartellbosses Tony (Abdramane Diakite). Der will, zum Unmut seiner Gang, eine Rapperkarriere einschlagen, und dem Label schien es eine gute Idee zu sein, ein erstes Musikvideo inmitten seines Viertels drehen zu lassen.

          Frankreichs Doppelreputation für die poetisch-märchenhaftesten und die realistisch-härtesten Filme und Serien Europas hängt wohl damit zusammen, dass es tatsächlich zwei Frankreichs gibt, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben: hier die Pâtisserie-Wunderwelt wohlhabender Citybewohner, eine gut vermarktbare Autosuggestion vermeintlich urfranzösischer Kultur und Humanität, die sich noch in liebevoll klischierten Gaunerserien wie „Lupin“ ausdrückt (und von „Emily in Paris“ soeben unfreiwillig parodiert wurde); dort die abgehängten, zu Parallelgesellschaften mit eigener Quasigerichtsbarkeit mutierten Banlieues voller Gewalt, Drogen und Salafismus, die knallharte Produktionen wie „La Haine“, „Un prophète“, Ladj Lys nervöses Vorstadtporträt „Les misérables“, die Rapper-Serie „Validé“ oder die Polizei-Saga „Braquo“ beeinflusst haben.

          Dem Boss der Gang auf Gedeih und Verderb ausgeliefert

          Ange Basterga und Nicolás López, die Autoren und Regisseure von „Dealer“, bewegen diese beiden Welten aufeinander zu, bis ein alles verzehrender Lichtbogen entsteht. Zwei Abgesandte der kunstaffinen, gewaltentwöhnten Innenstadtsphäre (mit ihren eigenen Hierarchien), Franck und ein selbst kaum zu sehender Kameramann, werden dafür in ein Setting katapultiert, in dem sie auf Gedeih und Verderb jenem Gang-Boss ausgeliefert sind, den sie mit seinem Einverständnis in Szene setzen sollen. Er muss sie dabei auch gegen seine „Brüder“ verteidigen, die nicht verheimlichen, was sie von den Eindringlingen mit ihren Filmkameras und GoPros halten. Vor allem Tonys Cousin Moussa (Mohamed Boudouh), immer mit Finger am Abzug der Waffe („Tony, c’est la guerre“), agiert so borderline-hochaggressiv, dass man sich noch vor dem Bildschirm vor seinen Ausbrüchen fürchtet.

          Schon die Ankunft in dem an allen Zufahrten von jungen Männern bewachten Cartier ist ein Menetekel. Mit vorgehaltener Waffe nimmt man den Ankömmlingen Ausweise und Wagen ab. Die Stimmung bleibt aufgeladen, bis Tony selbst erscheint, einige Witze macht und die Idee mit dem Storyboard verwirft: „Spinnt der? Das hier müsst ihr filmen.“ Plötzlich fallen Schüsse aus einer Maschinenpistole: Franck ist nämlich mitten in einen Kiezkrieg geraten, der aus der Nähe sehr viel drogenkaputter aussieht, als man es aus Thrillern kennt. Auch eine Polizeirazzia läuft alles andere als vorschriftsmäßig ab. Gerappt wird nur am Rande.

          Der zunächst unterwürfige Franck, der zu Moussas Verdruss auch die andere Seite der harten Straßenjungs kennenlernt – gegenüber Moussas Mutter benehmen sie sich wie Engel –, emanzipiert sich ein Stück weit gegenüber Tony. Ihre Gespräche werden vertraulicher. Beide gestehen einander, nicht das erreicht zu haben, wovon sie träumten. Unter Druck gesetzt von seinem Auftraggeber, der krassere Aufnahmen will, nicht Selbstzweifel eines Kriminellen, macht Franck, der sich bald zu sicher fühlt, einen Fehler mit Folgen.

          Dass diese schlichte Story so sehr mitzureißen vermag, liegt vor allem an der hohen Authentizität, die trotz eingebundener Amateurdarsteller eine sorgsam inszenierte ist wie schon bei dem als direkte Vorlage dienenden gleichnamigen Film von Basterga und López aus dem Jahr 2017. Das gilt bis in die quasidokumentarische Bildsprache hinein: Gehetzte, verschwitzte und verzerrte Nahaufnahmen wechseln mit schrägen Blicken auf die gelb in der Sonne leuchtende, baufällige Betonarchitektur, die einmal ein Modernitätsversprechen war.

          Gegenüber der vom verwackelten Reportage-Eindruck lebenden Erstfassung wirkt die Netflix-Version farbintensiver und in Tempo, Ton und Dialogen perfekt ausbalanciert. Stilistisch ist das lockerer, filmisch stärker. Und „Caïd“ erweist sich nicht nur in Dramaturgie und Ästhetik als das exakte Gegenstück zu Amazons „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – ein ungeschönter Blick ins Heute, kein kreativ verspielter ins Gestern –, sondern auch in Bezug auf die mitlaufende Botschaft: Die hier porträtierte Jugend hat sich mitnichten aufgegeben. Aber sie findet sich damit ab, dass es für sie kein Entkommen aus dem Kreislauf gibt.

          Beeindruckend ist die Konsequenz, mit der die Geschichte wie eine klassische Tragödie ihre schlimmstmögliche Wendung nimmt und nach einer bedrückenden Retardation in die Katastrophe mündet, in ein Inferno aus gescheiterten Träumen (Rapperruhm, Fußballerkarriere), toxischer Familienehre, angestautem Hass und blinden Schuldgefühlen (gegenüber einem nicht beschützten Kind des eigenen Clans). Kaum einer der Beteiligten wird diesen Krieg in der Vorstadt überleben, und Francks selten glaubwürdige Todesangst kriecht in die Zuschauer hinein. So aufregend, so direkt sind nur wenige Fernsehserien zurzeit.

          Dealer ist auf Netflix abrufbar.

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