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Frankreichs neuer Minister : Autohändler für die Kultur

  • -Aktualisiert am

Riester war lange Mitglied der Republikaner. Er unterstützte die „Ehe für alle“, gegen die seine Partei auf die Straße ging. Bild: AFP

Bevor sie zur Zielscheibe öffentlicher Häme wurde, galt die Verlegerin Françoise Nyssen als Glücksfall der französischen Regierung. Jetzt übernimmt der Peugeot-Werkstätten-Besitzer Franck Riester das Amt des Kulturministers.

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          Die renommierte Verlegerin muss dem Autohändler weichen: Auch unter diesem Aspekt könnte man den Wechsel im französischen Kulturministerium kommentieren. Nach Emmanuel Macrons Wahlsieg war der Einzug von Françoise Nyssen in die Regierung eine große und freudige Überraschung. Die Leiterin von Actes Sud trat ihr Amt als Hoffnungsträgerin der Kulturszene an, eine charismatische Figur wie Jack Lang hatte die sich gewünscht. Ein paar Monate dauerte die Euphorie. Doch nach den klassischen Mechanismen der Mediengesellschaft wurde Madame le Ministre zur Zielscheibe öffentlich demonstrierter Häme.

          Die Kritik an ihr hat nicht nur enttäuschten Erwartungen, fehlender politischer Erfahrung und einem eher spröden Auftreten zu tun. Ohne Baubewilligung waren die Verlagsräumlichkeiten in Arles wie im historischen Stadtkern von Paris vergrößert worden. Das sind – oder waren – in Frankreich ausdrücklich Kavaliersdelikte, die mit der tyrannischen Bürokratie und gefräßigen Steuer verharmlost wurden. Doch der obersten Denkmalschützerin des Landes konnte man daraus einen Strick drehen. Dass die Sünden auf die Zeit ihres Vaters zurückgehen, spielte dabei keine Rolle. Schon längst lechzte die kulturelle Öffentlichkeit nach einem spektakulären Abgang. Dass er im Rahmen einer größeren Regierungsumbildung erfolgt, verleiht ihm den Anschein mildernder Umstände.

          Überlegungen um Quoten und Minderheiten

          Als „Missverständnis“ kommentieren die Zeitungen Nyssens Bilanz und Präsenz im Kulturministerium. Ihre letzten Taten bleiben der fragwürdige Entwurf für ein Gesetz gegen Fake News und ein Bonus für Filmproduktionen, die mehr Subventionen bekommen, wenn sie Frauen beschäftigen. Überlegungen um Quoten und Minderheiten haben auch die Wahl ihres Nachfolgers bestimmt. Wie Nyssen ist Franck Riester ein Erbe, ihm gehören renommierte Peugeot-Werkstätten, um die er sich nach wie vor kümmert. Als „Autohändler für die Kultur“ wird er von langjährigen Parteikollegen verspottet – mit gezielten Anspielungen auf den „Verräter“: Riester war lange Mitglied der Republikaner und einer von zwei Abgeordneten, die sich als homosexuell bezeichneten. Er unterstützte die „Ehe für alle“, gegen die seine Partei auf die Straße ging.

          Bei den anstehenden Debatten um das Adoptivrecht für gleichgeschlechtliche Paare und die Leihmutterschaft fürchtet Macron aufs Neue Massendemonstrationen der Gegner. Mit Riester wirbt er um die aufgeklärte Rechte. Auch für die kulturelle Linke ist der neue Minister akzeptabel. Dass Riester von Kulturpolitik wenig versteht, ist keine schlechte Voraussetzung. Sie hat an Bedeutung verloren; für das „Kulturprozent“, Literaturpolitik oder Filmförderung interessieren sich nur noch die Betroffenen. Dafür hat sie eine neue Dimension bekommen, auf die Macron mit seinem neuen Mann im Amt setzt: Kulturpolitik hat nichts mehr mit Musik oder Theater zu tun. Es geht vielmehr um Minderheiten, Gesellschaftspolitik und Wahlarithmetik.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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