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Frankreichs böse Clowns : In Horrormasken Passanten jagen

  • -Aktualisiert am

Böse Clowns: Zwei Teilnehmer des diesjährigen „Zombie Walk“ in der französischen Stadt Straßburg Bild: AFP

Überall in Frankreich tauchen als Clowns verkleidete Jugendliche auf, die mit Gewalt und Vandalismus für Angst und Schrecken sorgen. Lustig ist das nicht. Und es macht die Sache nicht besser, dass es inzwischen auch „Anti-Clowns“ gibt.

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          Der Clown hat als Motiv in der westeuropäischen Kultur eine ganz besondere Tradition. Was einst Harlekin, Hanswurst oder Pierrot war und dann lange Zeit das Zirkuspublikum erheiterte, mündet mittlerweile in eine Art von Clownerie-Perversion. In Frankreich tauchen als Clowns verkleidete Jugendliche auf, die der Bevölkerung das Fürchten lehren. Mit Raubüberfällen, Plünderungen oder reinem Vandalismus machen sie von sich reden. Das sind die schlimmsten Auswüchse. Der Großteil der Gruppen zielt lediglich darauf ab, Passanten zu erschrecken.

          Aber dies geschieht natürlich nicht, indem ein freundlicher Clown hinter einer Ecke hervorkommt und kurz „Boo!“ ruft – die in Gruppen auftretenden Troublemaker springen ihren Opfern im Horrorfilmgestus mit Waffenattrappen entgegen, um die Erschrockenen daraufhin zu jagen und ernsthaft in Schock zu versetzen. Diese Aktionsform nimmt sich aus wie eine Kombination von Stephen Kings „Es“ und dem antiutopischen Roman „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess.

          Die Aggressivität der Clowns sorgt in Frankreich seit einigen Wochen für Hysterie. Sie treten im ganzen Land und ganz unabhängig voneinander auf. Angefangen hat dieses Jugendphänomen in den Vereinigten Staaten, nahm aber erst an Dramatik zu, als es über die sozialen Medien nach Frankreich kam. Auf Youtube erfreuen sich die Videos der „Clown Scare Pranks“ großer Beliebtheit und sind für meist jugendlichen Betrachter überaus faszinierend. Aus dem reinen Erschrecken wird eine immer radikalere Variante, die sich in körperlichen Übergriffen und Raubüberfällen ausdrückt.

          Die Polizei hoffte, dass sich die Situation während der französischen Herbstferien beruhige, was bisher jedoch nicht geschehen ist. In den Ferien haben die Jugendlichen natürlich mehr Zeit und dadurch auch öfter Langeweile. In Montpellier wurde ein Achtzehnjähriger per Schnellverfahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, nachdem er dreißig Mal mit einer Eisenstange auf einen 35jährigen Mann einschlug. Vor Gericht sagte das Opfer, seit der Tat von Schlafstörungen und Albträumen geplagt zu werden - noch nie habe er eine derartige Angst um sein Leben gehabt.

          Der Angeklagte nahm für sich in Anspruch, lediglich Nachahmungstäter zu sein, zudem sei er betrunken gewesen und habe es für eine gute und witzige Idee gehalten, sich als Clown zu verkleiden und jemanden zu erschrecken - man sähe das jetzt ja oft auf Facebook und anderen Plattformen. Der Spuk mündete in einen Raubüberfall. Zusammen mit zwei Kumpanen wollte der Achtzehnjährige sein Opfer um Geld, Mobiltelefon und Tasche bringen.

          Das Unberechenbare des Jugendphänomens

          Brisant ist neben der steil ansteigenden Verbreitung das Unberechenbare dieses Jugendphänomens, das sich durch die Eigendynamik der Beteiligten selbst zu immer heftigeren Aktionen anstachelt. Kulturell hat der böse Clown Vorbilder: „Pennywise“ aus Stephen Kings „Es“ etwa oder der „Joker“, Batmans Nemesis. Und die Sympathiewerte auch der eher harmlosen Clowns sinken. 2008 wurden für eine Studie der Universität von Sheffield 250 Kinder zwischen vier und sechzehn Jahren nach ihrer Meinung über Clowns gefragt. Viele fürchteten sich sogar vor Fotos oder Zeichnungen von Clowns und fast alle gaben an, Clowns nicht zu mögen.

          Kurz vor Halloween scheint es fast natürlich, dass sich dieses Phänomen gerade jetzt abspielt. Doch wie jede kulturelle Welle bringt aber auch diese ihre Gegenwelle wie von selbst hervor. Es tauchen immer mehr „Anti-Clowns“ auf, die auf die bösen Clowns Jagd machen. Die französische Polizei hat die Selbstjustiz der „Chasseur de Clowns“ verurteilt und gab via Twitter bekannt, dass sich die selbsternannten Clownjäger auch strafbar machten. Mehrere „Anti-Clowns“ wurden bereits verhaftet.

          Die französische Polizei erwartet, dass die Böse-Clown-Bewegung nach Halloween auslaufen wird. Derzeit weitet sich das Phänomen aber eher aus. Aus Belgien und der Schweiz sind erste Attacken gemeldet worden.

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