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Solidarität aus Frankreich : Je suis ein Berliner

Nach dem Anschlag: Mitglieder des französischen Parlaments halten eine Schweigeminute ein und gedenken der Opfer. Bild: dpa

Am Tag nach dem Attentat in Berlin bekunden die Franzosen ihre Trauer und Verbundenheit mit Deutschland. Doch das Bild, das aus Berlin über die Bildschirme flimmert, ist immer das gleiche.

          Was, wo, wie und wie viele Opfer: Nie ist die Diskrepanz zwischen dem journalistischen Aufwand und der faktischen Information größer als bei Attentaten. Im Umgang mit ihnen haben die französischen Nachrichtensender inzwischen einige Erfahrung. „France Info“, BFM, „i-Télé“, LCI und „France 24“ berichteten am Montagabend sehr schnell live aus Berlin. Auch um Mitternacht waren sie noch auf Sendung.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Viel zu zeigen hatten sie nicht. Schwarz war die Gedächtniskirche, schwarz die Nacht, und schwarz wie der Tod war auch der Lastwagen, den er über den Weihnachtsmarkt gebracht hatte. Ob er wohl speziell mit einer Plane umhüllt worden sei, spekuliert kurz ein Experte in der langen Leere, die es in diesen endlosen Stunden zu füllen gilt. Interviews mit Augenzeugen gibt es nicht. Brutal zeigt sich, wie dünn die französischsprachigen Korrespondenten in der deutschen Hauptstadt gesät sind. Nathalie Versieux, die für die linke Pariser „Libération“ und die konservative Genfer Zeitung „Le Temps“ schreibt, arbeitet ebenfalls für mehrere Sender. Live ist sie auf „France Info“, dem öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender, der erst vor ein paar Wochen auf Sendung ging und den Ton des gleichnamigen Radioprogramms mit bewegten Bildern unterlegt. Ins Studio hat man Hélène Miard Delacroix von der Sorbonne geholt. Es geht um die zurückhaltende Informationspolitik der deutschen Behörden, die Tradition der Weihnachtsmärkte und ihre Symbolik – eine erste Antwort auf die Frage nach der Zielsetzung des Anschlags. Das Bild, das aus Berlin über die französischen Bildschirme flimmert, ist immer das gleiche.

          Je suis ein Berliner

          Am Dienstagmorgen drucken es die Zeitungen – aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen, verschieden allenfalls im Schnitt – auf ihren Titelseiten. Der „Figaro“, dessen erste gedruckte Ausgabe abends um 22 Uhr kommt, ersetzt seinen Aufmacher über „Das heißeste Jahr in der Geschichte“ der Menschheit im Laufe der Nacht durch Berlin. Mit einem vierspaltigen Bericht des Korrespondenten Nicolas Barotte, der umgehend nach dem Attentat vor Ort ist und von 22 Uhr an über Twitter Fotos vom abgeriegelten Breitscheidplatz schickt. Von einem „zweifach symbolischen“ Drama schreibt Patrick Saint-Paul in seinem Leitartikel. Er unterstreicht die Bedeutung der Weihnachtsmärkte in einem Land, das seine christlichen Wurzeln im Gegensatz zu Frankreich in seinem Grundgesetz festgeschrieben habe. Und kommt auf die Flüchtlingspolitik zu sprechen. Dass „Mutti Merkel“ ihre Trauer durch ihren Sprecher mitteilen ließ, hält er ebenfalls für erwähnenswert.

          Als Erster reagiert in Paris Außenminister Jean-Marc Ayrault. Ihm folgt die gesamte politische Klasse. Staatspräsident Hollande, Valls, Fillon, der neue Premierminister Cazeneuve. Auf Deutsch twittert Emmanuel Macron, der ebenfalls Präsident werden will: „Volle Solidarität mit Berlin und mit Deutschland. Frankreich wird immer auf eurer Seite stehen.“ Der Hashtag „Ich bin ein Berliner“ tönt wie ein Echo auf „Je suis Charlie“ und zeugt mit seiner Verbreitung von der anhaltenden französischen Anteilnahme.

          „In uns lebt ihr weiter“: Kerzen in der Nähe des Weihnachtsmarktes. Bilderstrecke

          Nacht herrschte auch noch am frühen Morgen. Das Fernsehen zeigt jetzt das Warten auf das Abschleppen des Lastwagens. Der neue Innenminister ist zum wichtigsten Morgen-Interview zu Gast. Frankreich ist nicht mehr allein Zielscheibe des Terrors in Europa, diese Botschaft wird bewusst gemacht. Eindrücklich fallen die Worte der Anteilnahme des Bürgermeisters von Nizza mit den Berlinern aus. Diskutiert wird über mögliche Panik bei den Weihnachtsmärkten, die inzwischen auch in Frankreich Einzug gehalten haben. Seine Armee ist ins öffentliche Bild zurückgekehrt. Im Laufe des Vormittags werden die innenpolitischen Auswirkungen – in beiden Ländern – thematisiert. Eine Reportage kommt aus Straßburg. Dort kann man zum Weihnachtsmarkt, der vor einem Jahr beinahe abgesagt worden wäre, nur zu Fuß und mit der Straßenbahn gelangen. Das Fernsehen zeigt, wie Pflastersteine auf den Zugangsstraßen herausgerissen werden – aus Angst vor Lkw-Attentaten.

          Der gemietete Lastwagen, dessen Fahrer am französischen Nationalfeiertag in Nizza in einer hellen Sommernacht ein Blutbad anrichtete, war weiß. Auch dieser Kontrast zum entführten Laster in Berlin wird einmal angesprochen. Über den Anschlag in Berlin berichten die französischen Medien schnell, aber nicht oberflächlich und hilflos. Sie finden zu einer eindrücklichen, kollektiven Betrachtung, die nicht nur ihrer Länge wegen eine epische wurde: Bei den Attentaten vor Jahresfrist war beim Schauplatz Stade de France in Paris anlässlich des Fußball-Länderspiels Deutschland gegen Frankreich das von den Terroristen geplante Massaker wie durch ein Wunder ausgeblieben. In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember ist vor der Gedächtniskirche etwas geschehen, das in den Medien und den sozialen Netzwerken eine deutsch-französische Schicksalsgemeinschaft sichtbar werden lässt.

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