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„Frankfurter Rundschau“ : Notfalls im Häuserkampf

  • -Aktualisiert am

Und an der Türklinke hängen die Boxhandschuhe, doch die legt er beim Gespräch nicht an: „Rundschau”-Geschäftsführer Karlheinz Kroke Bild: ©Helmut Fricke

Noch einmal steckt die „Frankfurter Rundschau“ Geld in ihr Aufbäumen. Karlheinz Kroke, der Geschäftsführer, kämpft den Kampf der Gerechten. Abgerechnet wird dann in zwei Jahren.

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          Wenn er griesgrämig in die Welt blickte, gramgebeugt die Flure abschritte, man könnte es Karlheinz Kroke nicht verdenken: Immer nur sparen, immer nur mit den Gewerkschaften verhandeln, immer nur Mitarbeitern mitteilen müssen, dass es ihnen materiell schlechter gehen soll, man gar gegen eine Abfindung ganz auf sie verzichten will - das müsste der rheinischsten Frohnatur zusetzen. Doch Kroke, gebürtiger Koblenzer und ehemaliger Verlagsleiter der dortigen "Rhein-Zeitung", lässt sich in einer Mischung aus Kampfgeist und Galgenhumor die Laune nicht vermiesen. Er kämpft den gerechten Kampf um den Erhalt der "Frankfurter Rundschau". Seine Diagnose ist kühl, sein Ceterum Censeo lautet "Kosten senken", sein Nahziel heißt 2013. Wenn bis zu diesem Jahr das linksliberale Blatt aus Frankfurt keine schwarze Zahlen schreibt, dann wird es ernst.

          Das Blatt aus Frankfurt? So ganz stimmt das nicht mehr. Anfang April teilte der Verlag mit, künftig werde der überregionale Teil der "Frankfurter Rundschau" in Berlin geschrieben und redigiert. In Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet verbleiben die Lokalredaktionen und die Onlineabteilungen, die sogar ausgebaut werden sollen. Ausbauen? Bei einer Zeitung und einem Unternehmen, das permanent ökonomische und mentale Nackenschläge hinnehmen musste? Ja, sagt Kroke, es gebe das klare Bekenntnis der Gesellschafter zum Fortbestand der "Rundschau". Die Gesellschafter, das sind die SPD-Medienholding DDVG (vierzig Prozent) aus Hamburg und der Kölner Verlag Neven DuMont, dem fünfzig Prozent plus ein Anteil gehören, der Rest entfällt auf die nach dem Gründer benannte Karl-Gerold-Stiftung.

          Jahr für Jahr geht Geld verloren

          Beide Hauptgesellschafter verlieren mit diesem Engagement Jahr für Jahr Geld. Im Jahr 2009 waren das - rein für das Zeitungsobjekt berechnet - zehn Millionen Euro. Auch deshalb, weil die DDVG der "Rundschau" im vergangenen Jahr finanziell unter die Arme griff, musste die Medienholding kürzlich über ein beträchtliches Minus berichten. Für 2010 seien die "Rundschau"-Verluste, sagt Kroke, deutlich gemindert worden, aber von Gewinn kann auch noch keine Rede sein. Allein der Wegfall der Aldi-Anzeigen in den Lokalteilen reißt wieder ein größeres Loch in die Kalkulation. Kroke tröstet sich vorerst mit dem Umstand, dass seine Anzeigenvertreter den Elektrohändler ganz in der Nähe der Redaktion in Frankfurt-Sachsenhausen wieder dazu gebracht haben, Anzeigen im Blatt zu schalten. Für den Verlagsgeschäftsführer ist das ein beinahe symbolischer Akt: Er weiß, dass gute Geschäftsbeziehungen etwas mit Vertrauen und also mit Kontinuität zu tun haben und dass die Gesichter in seinem Anzeigenvertrieb viel zu häufig gewechselt haben. Aber jetzt sei man personell gut aufgestellt und werde sich das lokale Geschäft zurückerobern, notfalls "im Häuserkampf".

          Laut Kroke gibt es das klare Bekenntnis der Gesellschafter zum Fortbestand der „Rundschau”

          Die Frankfurter Druck- und Verlagshaus GmbH, die eine Druckerei betreibt und die "Rundschau" herausgibt, beschäftigt rund 500 Mitarbeiter (einst waren es 1800). Hinzu kommen etwa 200 bei ausgelagerten Gesellschaften wie der "FR Publishing", die Grafik und Layout für die Zeitung besorgt, oder die Medien Depot GmbH für den lokalen Anzeigenverkauf, ferner Zustellgesellschaften oder das Internetportal kalaydo.de. Die Druckerei ist von den geplanten Sanierungsschritten ausgenommen, den Druckern wurde ihr Arbeitsplatz auch bis Ende nächsten Jahres garantiert. In der Redaktion sieht das anders aus. Rund 130 Redakteurinnen und Redakteuren wurden Gespräche angeboten. "In diesen Verhandlungen", sagt Kroke, "ist mit achtzig bis neunzig Mitarbeitern offen und fair darüber gesprochen worden, wie ihre Perspektiven aussehen." Der Abbau von Arbeitsplätzen war nicht nur gewünscht, sondern nach Krokes Aussage "notwendig und Teil des Sanierungskonzepts". Mit 58 Redakteuren und Redakteurinnen gab es eine Einigung, 58 Stellen entfallen.

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