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Frank Horvat zum Neunzigsten : Schöner war nie ein Kuss

Reportage, Mode, Akt: Frank Horvat kann alles. Bild: POP-EYE

Anfangs wollte er nur Frauen beeindrucken. Dann machte er die Fotografie zu seiner Berufung und schuf einige der bekanntesten Bilder des 20. Jahrhunderts. Dem Fotografen Frank Horvat zum Neunzigsten.

          3 Min.

          Frank Horvat war fünfzehn, als er seine Briefmarkensammlung gegen eine Kamera eintauschte – in der begründeten Annahme, als Fotograf Mädchen leichter beeindrucken zu können denn als Philatelist. Der Plan ging auf, wie er in seiner mehr als fünfhundert Seiten starken „Fotografischen Autobiographie“ beweist: Gleich die ersten Bilder aus Jugendtagen haben Titel wie Elena, Sabina und Rosita. Sie zeigen traumverloren ins Nichts schauende junge Frauen, aufgenommen zu einer Zeit, als der Zweite Weltkrieg gerade erst zu Ende war. Rosita zog sich für ihn sogar aus. Damit war die Berufswahl entschieden.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Mit neunzehn bekam Frank Horvat die ersten Aufträge von Modemagazinen. Mal Schmuck, mal schöne Kleider. Alles ein Fest, als gebe es viel nachzuholen nach den Jahren der Entbehrung. Zugleich war er in den Innenstädten von Venedig und Florenz, London und Paris unterwegs, konzentrierte sich auf Passanten und den Verkehr oder stauchte mit dem extremen Teleobjektiv die Architektur ganzer Straßenzüge zu seltsam flachen Gebilden. Das gehe nicht, soll ihn der Bildjournalist Henri Cartier-Bresson damals ermahnt haben, man könne nicht beides: das Leben beobachten und Regieanweisungen geben, Bilder in der Wirklichkeit entdecken und Bilder nach eigenen Visionen schaffen. Er müsse sich für eine Richtung entscheiden. Frank Horvat aber konnte noch viel mehr.

          Streben nach Zeitlosigkeit

          Hier Haute Couture für „Vogue“, „Elle“ und „Harper’s Bazaar“, später auch für das Magazin dieser Zeitung, dort Fotografien aus einer Kaserne in Kairo, den Hinterhöfen Kalkuttas und den Armenvierteln von Dakar – und mehr als einmal verwob er die Gattungen miteinander. Dann lief er mit einem Mannequin durch eine englische Arbeitersiedlung und wartete, bis sie umringt waren von einer neugierigen Kinderschar.

          Die Modeaufträge brachten das Geld, mit dem er seine eigentlichen Interessen finanzierte, erzählt Horvat mit entwaffnender Ehrlichkeit. Ikonen gelangen ihm dennoch auf beiden Feldern: Sein Liebespaar am Ufer der Seine gibt sich den vielleicht schönsten Kuss der Fotografiegeschichte, und die Aufnahme eines Models auf der Rennbahn mit einem blütenweißen Hut von Givenchy vor schwarz gekleideten Herren zählt zu den am häufigsten publizierten Fotografien überhaupt. Beide Bilder entstanden bereits Mitte der fünfziger Jahre. Dennoch vermitteln sie eine überraschende Frische. Denn nie folgte Horvat im Stil den Trends der Gegenwart, sondern er strebte selbst mit aktueller Mode nach einem Moment von Zeitlosigkeit. Was genau macht Schönheit aus?, schwebt als Frage über seinem gesamten Werk, und: Wie entsteht Anmut?

          Porträt seiner toten Frau ziert seine Autobiographie

          Er fand sie in Gesten und Haltungen selbst dort, wo bittere Armut herrschte, als wäre das ein Trost. Er suchte sie aber auch in den Vorbildern der Kunst, indem er sich Mitte der Achtziger für den bezaubernden Bilderreigen „Sehr ähnlich“ an Akten und Porträts solcher Maler wie Velázquez, Ingres und Vermeer, Degas, Renoir und Picasso orientierte. Obwohl man die Vorbilder unschwer erkennt, stellte Horvat für seine blassen großformatigen Abzüge deren Arbeiten keineswegs originalgetreu nach, sondern nutzte ihren Geist, um das Größte zu erreichen, was in der Kunst möglich ist: mit Vollendung zu schockieren.

          Frank Horvat möchte man sich als jemanden vorstellen, der unentwegt in Gesten oder Formen, in der Harmonie einer zufälligen Komposition oder der Perfektion eines banalen Gegenstands und nicht zuletzt in der Beiläufigkeit eines Augenblicks nach dem Moment von Schönheit sucht. Da wird eine Begegnung auf der Straße für die Dauer eines Sekundenbruchteils zum Flirt, zugleich aber wählte er mit radikalem Selbstverständnis für seine Autobiographie das Bild seiner Frau auf dem Totenbett aus – ein Porträt vollkommenen Friedens.

          In letzter Konsequenz, sagt Horvat, interessiere ihn heute viel weniger das Motiv als die Umsetzung in ein Bild. Was er damit meint, ist das Temperament des Künstlers, ist der einzigartige Blick, der am beliebigen Ort etwas Besonderes bloßlegen kann, das außer ihm niemand erkennt. Er selbst übt sich darin bis heute, mit einer kleinen Digitalkamera, die er in der Hosentasche bei sich trägt. Dann fotografiert er in seinem Garten in einem Vorort von Paris unreife Kirschen am Baum, in denen sich die Frühlingssonne spiegelt. Oder die staubigen Hände eines Arbeiters mit einer Flasche Bier. Das sind keine Illustrationen mehr, sondern kleine Gedichte. Fotografische Haikus, die Gefühle weniger benennen, als sie anzustoßen und zum Klingen zu bringen: Es ist das reife Alterswerk eines großen Fotografen. Heute wird Frank Horvat neunzig.

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