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Elstner trifft Böhmermann : „Lachen Sie den Menschen zugeneigt“

Was sie noch zu sagen hatten: Frank Elstner und Jan Böhmermann machen in „Wetten, das war`s ..?“ großes Fernsehen. Bild: F.A.Z.

Die Sendung mit Frank Elstner und Jan Böhmermann „Wetten, das war`s ..?“ auf Youtube ist eine Offenbarung. Die beiden verstehen sich prächtig. Und dann verspricht Böhmermann noch eine Pointe zur Erdogan-Affäre.

          Dass Frank Elstner das auf seine alten Tage noch passiert. Seine Hose sei zu lang, meint er. Jan Böhmermann lacht höflich. Kann man eine Sendung mit einem harmloseren Gag auf eigene Kosten beginnen? Frank Elstner kann das. Auf Pointen, dass es von der ersten Sekunde an kracht, war er noch nie aus. Kein Chi-Chi, kein Tamtam, kein großer Auftritt, und doch hat er im Fernsehen vierzig Jahre lang für große Unterhaltung gesorgt und Millionen Menschen vor den Bildschirm geholt. Nun gibt er seine Abschiedstournee, nicht im Fernsehen, sondern im Netz. „Wetten, das war’s ..?“ heißt die Sendung in Anspielung auf Elstners große Samstagabendshow, mit der er das Unterhaltungsfernsehen der alten Bundesrepublik prägte. „Ja, ich habe Parkinson“, hat er für alle Welt getwittert. Solle er „jetzt dem Ende des Lebens entgegen zittern? Auf keinen Fall. Jetzt erst recht!“, schreibt er und kündigt seine neue Show bei Youtube an, aufgezeichnet im Kölner Senftöpfchen-Theater. Es wird eine Offenbarung.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Für diese sorgt Elstner und sorgt sein erster Gast Jan Böhmermann, von dem man das nun wirklich nicht unbedingt erwartet hätte. Der härteste Satiriker von allen trifft den freundlichen alten Mann aus Luxemburg? Es dauert nur eine Minute, da hat sich alles verwandelt. Den Ironiemodus, aus dem Harald Schmidt vor der Kamera nie herausfand, legt Böhmermann nach einer Minute ab. Es scheint ihm geradezu peinlich, dass er sein Gegenüber in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ einmal beerdigt hat, wie Elstner ganz unbekümmert anmerkt und ergänzt: „Heute geht es auch um mein Ende, denn es wird eine meiner letzten Sendungen sein.“ Der eine verabschiede sich, der andere stehe mitten im Leben und habe einen „Riesenerfolg“. Da bleibt selbst Böhmermann die Spucke weg, denn Elstner meint es ernst, auch das Lob, mit dem er ihn überschüttet.

          Und obwohl Böhmermann nichts über sein Privatleben erzählen will, woran er gut tut (Elstner fällt es nicht schwer, anzumerken, dass er fünf Kinder von vier Frauen habe), wird der Mann, der mit seinem Erdogan-Gedicht eine gar nicht so kleine Staatsaffäre auslöste, privat wie nie und zeigt, dass er Ernst Kantorowiczs Studie „Die zwei Körper des Königs“ verstanden hat. Er trennt scharf zwischen sich und seiner Rolle. Auf der Bühne übe er sich in der klassischen Grundhaltung des Clowns, doch von ihm als Person sei das vollkommen abgespalten. Der türkische Präsident habe den Clown ernstgenommen und nicht begriffen, dass hinter dessen Maske etwas Ernsthaftes stecke. Ob Angela Merkel mit ihrer Bemerkung zu Böhmermanns Satirevortrag („bewusst verletzend“) seine Menschenwürde verletzt habe, will Elstner wissen. Ganz so hoch mag Böhmermann es nicht hängen, aber für eine „Grundrechtsfrage“ hält er es schon. Die Tiefe seines Witzes, glaubt der ZDF-Moderator, wirke nach und die letzte Pointe stehe „tatsächlich noch aus“.

          Auf die Pointe sind wir tatsächlich gespannt, zumal sich Böhmermann ganz ohne Witz als Verfechter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und Freund ihrer Institutionen gibt. Dass er, bei allem guten Willen, den man ihm bei der Erdogan-Nummer unterstellen mag, mit der Gewaltenteilung zwischen Politik und Justiz durcheinandergekommen ist und man bei uns vor Gericht mit Kunst, Satire und Journalismus scheitern kann, wenn man die Rechte anderer verletzt, und Pressekammern zu semantischen Sezierkammern werden können, steht auf einem anderen Blatt.

          Doch es soll bei Elstner und Böhmermann noch besser und im Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung bis zu dem Punkt kommen, an dem der Satiriker sagt, dass man Scheitern zulassen, sich selbst nicht mit seiner Kunstfigur verwechseln und aufhören solle, wenn man „selber anfängt, sich seiner eigenen Wirkung bewusst zu sein“. Sich daran zu halten, dürfte bei zwei Millionen Followern auf Twitter gar nicht so einfach sein. Auch sich nicht für einen besseren Politiker zu halten und der „Fernsehüberheblichkeit“ zu widerstehen, die Böhmermann beim Blick auf einen Talkshowmoderator mit offenem Hemd und Touchscreen ausmacht. „Jan aber fair“ wäre seine Sache nicht.

          Und dann, man glaubt es kaum, ist der Junge von den einfachen Fragen des Alten so gefangen, dass er diesem einen Rat gibt, den der andere seit jeher beherzigt hat: „Lachen Sie den Menschen zugeneigt.“ Das galt für Frank Elstner schon immer, ganz besonders bei „Wetten dass ..?“, der Sendung, in der Promis Staffage und Unbekannte die Stars waren, und von der Elstner einzig und allein „wollte, dass Otto Normalverbraucher einmal in seinem Leben ein Erlebnis hat, das er es nie vergessen wird“.

          Was denn von ihm bleibe, will Böhmermann schließlich von Elstner wissen. Dass er vierzig Jahre in Luxemburg gelebt habe, sagt Elstner und führt als Vermächtnis nicht „Wetten, dass ..?“, sondern eine Serie an, in der er fürs ZDF in 138 Folgen Nobelpreisträger vorstellte. „Die stillen Stars“ hieß die Sendung. Bei Elstner gehörte das E(rnsthafte) und das U(nterhaltende) noch gemeinsam zum Fernsehen. Wieder zusammenzuführen, was zusammengehöre, sei eine große Aufgabe, sagt Böhmermann. Dann fällt der Vorhang und es bleibt nur eine Frage offen: Warum läuft das bei Youtube und nicht bei ARD oder ZDF?

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